05.07.1976

BUNDESUNTERNEHMENBewegung Im Dickicht

Wenige Monate vor der Bundestagswahl beschleunigt sich das Personalkarussell in den Staatsunternehmen. Vor allem Konservative und CDU-Sympathisanten kommen zum Zug.
Mit Cocktails und einem Festessen auf Schloß Hallberg bei Saarbrücken wird am Donnerstag dieser Woche der vorletzte SPD-Topmanager eines Bundesunternehmens von einem CDU-Ministerpräsidenten verabschiedet. Saarlands Landesvater Franz Josef Röder hält die Laudatio für den aufs Altenteil abwandernden Genossen Erwin Anderheggen, Generaldirektor der staatseigenen Saarbergwerke AG.
Zum Nachfolger nominierte der sozialliberale Hauptaktionär Bonn (Anteil: 74 Prozent) den parteilosen Ruhrkohle-Manager Rudolf Lenhartz. Der neueingerichtete Posten eines stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden wird mit dem Christdemokraten Peter Rohde besetzt.
Sechs Tage später wird in Berlin ein Bonner FDP-Minister einen Christdemokraten in sein neues Amt einführen: Hans Friderichs stellt Mitte Juli den Beamten des Kartellamts ihren neuen Präsidenten Wolfgang Kartte vor, der bislang im Wirtschaftsministerium die Unterabteilung Wettbewerb leitete.
Im frühen Herbst wird auf Drängen sozialliberaler Koalitionäre der Chef-Manager des bundeseigenen Salzgitter-Konzerns und VW-Aufsichtsratschef Hans Birnbaum, CDU, auch noch den Ratsvorsitz der mit Milliarden Bonner Subventionen aufgepäppelten Ruhrkohle übernehmen.
Den Unionschristen freilich genügten die neuen Ehren und Ämter ihrer Parteifreunde noch lange nicht. Unbeirrt versuchen sie sich an einer Kampagne gegen die vermeintlich linkslastige Personalpolitik der sozialliberalen Koalition. Überzeugende Beweise mußten die Oppositionellen schuldig bleiben: Eine interne SPD-Studie kam zu dem Ergebnis, daß "Vorstände wie Aufsichtsräte von Bundesunternehmen vorwiegend der CDU angehören".
Von den 35 Vorstandsjobs in den Konzernspitzen der sechs volkseigenen Unternehmen" führen elf Mitgliedsbeiträge an CDU und CSU ab, stehen zehn den Unionisten "nahe", sind acht "überparteilich" oder "nicht zu identifizieren". Nur zwei Freidemokraten und vier SPD-Genossen, davon drei Arbeits- und Personaldirektoren, teilen das politische Bekenntnis der Bonner Regierungsparteien.
Salzgitter-Chef Hans Birnbaum dient den Bonner Personalpolitikern als Kronzeuge ihrer "parteibuchfreien Personalpolitik" (SPD-Finanzstaatssekretär Karl Haehser) "Der hat eben die besseren Manager-Qualitäten", lobt Kanzleramts-Staatssekretär Manfred Schüler, SPD, den Unionsmann. Und der weiß das zu schätzen: "Ich kam eben nicht als Jungfrau zum Kinde." Ähnlich selbstbewußt treten auch andere CDU-Bundesbosse gegen die unter eigenem Manager-Mangel leidenden sozialliberalen Regenten auf.
* Neben VW (Staatsanteil 40 Prozent) die Energiekonzerne Veba (Staatsanteil 44 Prozent) und Saarbergwerke, die Aluminium-Holding Viag, der Stahlkonzern Salzgitter und die Beteiligungsholding IVG
Nachdem Werner Lamby seinen Mitbewerber Peter Graf von Wedel, SPD, beim Rennen um den Vorstandsposten der bundeseigenen Aluminium-Holding Viag abhängte, will er sich "nicht gängeln" lassen.
Veba-Chef Rudolf von Bennigsen-Foerder, der den Zuschlag gegen SPD-Manager Alfred Härtl bekam, sperrte sich bislang mit Erfolg gegen einen SPD-Aufpasser in seinem Vorstand.
Alle drei Bosse -- Birnbaum, von Bennigsen und Lamby -- waren einst als Beamte der Bonner Vermögensverwaltung angetreten. Seinem "Ebenbild gleich" sucht Birnbaum, der Mitte 1977 als Salzgitter-Chef abtritt, einen Nachfolger. Birnbaum: "Der sollte nicht nur in der Kalkulation fit sein, sondern sich auch im Bonner Dickicht bewegen können." Birnbaums Beschreibung paßt genau auf Ernst Pieper, den Leiter der für das Bundesvermögen zuständigen Abteilung VIII des Finanzministeriums. Der Kandidat hat nur einen Schönheitsfehler: Er ist SPD-Mitglied.
"Nicht anders als bei Flick oder Quandt" (von Bennigsen) mühen sich auch die in Bonner Diensten stehenden Manager und Ministerialen, die Kontrollorgane ihrer Unternehmen mit namhaften und möglichst unabhängigen Industriellen und Bankiers aus der Privatwirtschaft zu schmücken. Der neutrale Günter Vogelsang etwa wurde nach dem Willen des SPD-Ministers Apel dem Kanzler-Intimus Ernst Wolf Mommsen als Vorsitzender des Veba-Aufsichtsrats vorgezogen. CDU-Mitglied Dietrich von Menges, einst Chef des Maschinenbaukonzerns Gutehoffnungshütte, löste auf Wunsch des Freidemokraten Friderichs den SPD-Aufseher Karl König bei der Berliner Diag ab.
Weder Kanzler Schmidt noch seine Minister nahmen bislang Anstoß daran, daß die berufenen Räte dank Herkunft und Karriere fast ausnahmslos überzeugte Konservative sind. "Die Erfahrungen mit Männern aus der Industrie", referierte Kanzler Schmidt seinem Kabinett, "sind gut."
Niedersachsens CDU-Finanzminister Walther Kiep scheint da anderer Ansicht zu sein. Er informierte unlängst die Aufsichtsräte der Stromfirma Preußenelektra über neue Personalpläne. Anstelle des parteilosen niedersächsischen Beamten Kurt Lauenstein soll ein CDU-Mann fortan Hannovers Interessen vertreten. Kieps Kandidat: Kiep.

DER SPIEGEL 28/1976
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