05.07.1976

SEXUALVERBRECHENMann mit Mantel

Für 850 000 Mark Steuergelder betreiben die Innenminister von Bund und Ländern fragwürdige Aufklärung -- gegen sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen.
Das kleine gelbe Heft, 32 Seiten im DIN-A5-Format, "kostet weniger als eine Packung Zigaretten" (Werbetext) und bietet "Tricks, mit denen Du ganz schnell erkennen kannst, ob Dir jemand etwas Böses tun will".
Die Lebenshilfe ist bestimmt für Kinder vom siebten Lebensjahr an und enthält Faustregeln wie diese: "Wenn Du einem Sittenstrolch begegnest, nichts wie weg."
Für Kinder, die ebenso wie Kriminalisten und Kriminologen nicht wissen, woran ein "Sittenstrolch" zu erkennen ist, liegt ein Steckbrief bei: Es muß ein Mann mit Mantel sein. Denn, so erläutern die Autoren, "macht ein Mann seinen Mantel auf ... und Du siehst dann sein Geschlechtsteil, dann ist das nicht normal. Das hat schon etwas mit Sex zu tun".
Seit zwei Wochen ist das Aufklärungswerk "gegen den sexuellen Mißbrauch von Kindern" an Kiosken erhältlich: ein Novum staatlicher Öffentlichkeitsarbeit -- nicht nur, weil es für 1,50 Mark verkauft statt gratis verteilt wird. Es ist das erste Gemeinschaftsprodukt einer vor zwei Jahren gegründeten "Projektleitung kriminalpolizeiliches Vorbeugungsprogramm" des Bundes und der Länder (Etat: 850 000 Mark) und wurde -- ebenso wie parallel laufende Anzeigen- und Fernsehaktionen -- von der Düsseldorfer Werbeagentur Troost Campbell-Ewald professionell konzipiert; als wissenschaftlicher Berater ist der Kölner Psychologe Professor Udo Undeutsch ausgewiesen.
"Kriminalpolizeilicher Sachverstand", so rühmte der Vorsitzende der Projektgruppe, der Stuttgarter Ministerialdirigent Alfred Stümper, "wurde mit kinderpsychologischem Wissen und werbetechnischem Können zusammengebracht."
Doch das Eigenlob scheint vorschnell, und Experten finden von Fachwissen über die vielfältigen äußeren und inneren Vorgänge bei Kindern, wenn sie Sexualerlebnisse mit Erwachsenen hatten, in Text und Bild keine Spur. Sie halten die Broschüre für wirkungslos, wenn nicht gar, so der Hamburger Psychiater und Sexualwissenschaftler Eberhard Schorsch, "für schädlich, weil von ihr nur schlechte Einflüsse auf die Kinder ausgehen können".
Betroffen reagierte auch Professor Undeutsch ("Ich hatte keinen Einfluß darauf, was in die Broschüre reinkommt"), als er sah, was dabei herausgekommen war: "Teilweise" sei die Aufklärungs-Schrift "dümmlich, nicht kindgemäß und ohne sachlichen Aufklärungswert" -- die Sprache strotze vor "eingebildeter Kindertümlichkeit", die Illustrationen seien "im buchstäblichen Sinne schwarzweiß".
Kaum auf dem Markt (Auflage 400 000 Exemplare), rührt sich Widerstand selbst dort, wo eigentlich geholfen werden sollte, das Sitten-Opus zu vertreiben: Süddeutsche Schulen etwa weigern sich, das Heftchen anzupreisen; im Saarland rät sogar die Kripo ab.
Mit Recht, denn was das Stuttgarter Innenministerium da herausgab, ist eine Mischung aus falscher Aufklärung, unbegründeter Angstmacherei (Titel: "Hab keine Angst"), schwammigen Bildern und prüdem Sex. Harmlose Exhibitionisten werden als "böse Sittenstrolche" verteufelt, die Menschheit in Gute und Böse aufgeteilt: "Reden wir erst mal über die Guten ... Mutter und Vater", heißt es da -- und dann über die anderen: "Was macht ein Mann, der keine Frau hat? Er macht sich, wenn er böse ist, an Jungen und Mädchen heran." "Böser Sex" wird gleichgesetzt mit "auf den Sheriff schießen oder Raketen verschwinden lassen".
Zahlreiche Eltern konfrontiert die Sittenfibel auf neue Art mit dem Problem, wie sie sich verhalten sollen, wenn ihre Kinder sexuelle Erlebnisse mit Erwachsenen hatten. Erkenntnisse der Jugendpsychiatrie und der Sexualwissenschaft über Entstehung, Ablauf und Folgen sexueller Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen -- seit Jahren unbestritten -- haben die amtlichen Broschüren-Schreiber dabei jedoch unbeachtet gelassen -- etwa die Tatsache, daß schädliche Einflüsse auf Kinder nur die unter Drohungen und mit Gewalt vorgenommenen sexuellen Handlungen haben; in allen anderen Fällen setzt erst die Reaktion der Erwachsenen den Schaden.
"Bei uns", heißt es furchterregend in der Polizei-Broschüre, "werden jährlich fast 100 000 Kinder zwischen sieben und 14 Jahren sexuell mißbraucht. Seelisch geschädigt. Körperlich verletzt. Und manchmal ermordet."
In Wahrheit registrierte das Bundeskriminalamt an schwerwiegenden Sexualverbrechen im vorigen Jahr 326 Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung von Kindern, außerdem sieben vollendete und zwei versuchte Sexualmorde. Solche Fälle beschönigt auch kein Psychiater oder Sexologe, nur gibt es dagegen -- wie wenn Erwachsene die Opfer sind -- letztlich keine wirkliche Vorbeugung. Und dem Broschüren-Text zuwider, wonach "von allen Erwachsenen die Eltern die Besten sind", werden in jedem Jahr noch immer zehnmal so viele Kinder Opfer ihrer Eltern als die Opfer von Sexualmördern: Mehr als 70 Kinder wurden allein im letzten Jahr von Vater oder Mutter getötet.
Exhibitionisten zum Beispiel nehmen zu ihrem Gegenüber in aller Regel keinerlei körperlichen Kontakt auf -- im Gegenteil: "Wenn ihn jemand etwa zum Sexualverkehr auffordert", weiß der Hamburger Sexualwissenschaftler Hans-Jürgen Horn, "dann klingt seine Erregung ab, und er läuft weg."
"Erst wenn das Kind erschrickt und vor Angst schreit", so der renommierte Tübinger Kinderpsychiater Professor Reinhart Lempp, "hat der Exhibitionist seinen Lustgewinn. Was man hier mit dieser Broschüre unternimmt, nämlich davor Angst zu erzeugen, macht es überhaupt erst möglich, daß der Exhibitionist zu seinem Ziel kommt."
Komplizierter sind die Vorgänge bei unmittelbar körperlichen Sexualkontakten zwischen Kindern und Erwachsenen. Denn ungleich häufiger als gemeinhin bekannt, macht das mehr oder minder ausgeprägte aktive Entgegenkommen des Kindes hetero- oder homosexuelle Berührungen erst möglich.
Seien es echte "Kontakt- oder besondere Zärtlichkeitsbedürfnisse" (Lempp), "die Kompensation einer geringen Geborgenheit im Elternhaus" (Schorsch) oder ganz allgemein eine "emotionale Mangelsituation" " wie die Hamburger Professorin für Jugendpsychiatrie Thea Schönfelder in langjährigen Untersuchungen herausgefunden hat: In etwa der Hälfte aller Fälle liegt eine aktive Mitbeteiligung des Kindes vor.
Anders als die Polizei-Strategen von der Sittenfront sehen die Fachleute darin keine besonderen Gefahren. Professor Schorsch: "Ein gesundes Kind in einer intakten Umgebung verarbeitet nichtgewalttätige sexuelle Erlebnisse mit Erwachsenen ohne Folgen."
Trotzdem drohen heute noch Freiheitsstrafen bis zu zehn Jahren, wer sexuelle Handlungen an einem Kind vornimmt oder von einem Kind an sich vornehmen läßt. Wer hingegen ein Kind mißhandelt und auf Dauer entstellt, ihm ein Auge ausschlägt oder eine Lähmung verursacht, für den beträgt die Höchststrafe nur die Hälfte -- fünf Jahre.
Was die Kinder wirklich schockiert, ist erst die Reaktion der Erwachsenen, die auf sexuelle Erlebnisse ihrer Kinder oft mit Bestürzung, Hysterie und Strafen antworten. Und was das gelbe Heft anrät ("Gehen Sie zur Polizei"), macht die Sache oft erst schlimm, denn in den Augen der Kinder verfolgen Polizisten die bösen Verbrecher.
Verhängnisvoll sind oft auch die Verhöre vor der Polizei, dem Gutachter und vor den schwarzen Kitteln bei Gericht. "Allein über solche sexuellen Dinge vor einem Kreis erwachsener Menschen reden zu müssen", resümiert Professor Lempp, "belastet solche Kinder mehr als die Tat selbst."
Für richtig und wichtig hält es aber auch ein Mann wie Lempp, den Kindern einzuschärfen, nicht mit Fremden mitzugehen oder sich von ihnen weglocken zu lassen. Allerdings: "Wenn Gewalt angewendet wird oder es Täter aus dem Bekanntenkreis sind, ist leider meist kein Kraut gewachsen."
Anders als die Stümper-Broschüre glauben machen will, sind denn auch die bösen Fremden in Wahrheit weitaus seltener die Missetäter als etwa Nachbarn und Verwandte. Verschiedene Untersuchungen von Psychiatern und Sexualwissenschaftlern ergaben, daß es nur in 18 bis 34 Prozent aller Fälle Fremde waren, die sich an den Kindern vergingen, genauso häufig waren es Verwandte, häufiger noch Täter aus dem Bekanntenkreis. In 14 Prozent der von Frau Schönfelder untersuchten Fälle war es der eigene Vater -- laut Amts-Aufklärung einer "der besten".
Selbst Ministerialdirigent Stümper räumt nun ein, daß "das Ganze etwas kopflastig von der Werbetechnik her angegangen worden ist". Mit "Zeitdruck" begründet Stümper, warum die Aktion wissenschaftlich unzureichend fundiert ist: "Wir mußten halt rasch was auf die Beine bringen."

DER SPIEGEL 28/1976
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