05.07.1976

Klassenkampf im Stadion

In Montreal verteidigt die kleine DDR ihren dritten Platz hinter den Supermächten USA und UdSSR -- auch auf Kosten einiger Athleten, die nur unter Schmerzen starten können.
Vom weitesten, medaillenträchtigsten Kugelstoß eines Mitbürgers in dieser Saison erfuhr die DDR nur in der DDR-Zeitschrift "Junge Welt" und fünf Tage verspätet, nachdem die Olympia-Qualifikationen vorüber waren. Für Rolf Österreich, den zur Zeit besten Kugelstoßer der DDR, gibt es keine Olympia-Chance.
Denn der Sportlehrer gehört keinem der wenigen Elite-Sportclubs an, hat keinen Trainer für sich, wie sie Medaillenanwärtern vorbehalten sind. Der Außenseiter trainiert in einem gewöhnlichen Jedermann-Verein, der Hochschulsportgemeinschaft (HSG) Zwickau. Er zählt gleichsam zum privatwirtschaftlichen Sektor und ist sozusagen vom Staatsbetrieb VEB Medaillen und Rekorde nicht eingeplant. Der Privatsportler hat, wie es im DDR-Jargon heißt, "keine Perspektive".
Den staatlich unterhaltenen Spitzen-Athleten dagegen fällt es schwer, der Förderungs-Maschinerie schadlos zu entwischen. Ihnen schreibt der Plan für Montreal Medaillen vor, auch wenn sie medizinisch nach bisherigen Maßstäben eigentlich schon Sportinvaliden sind. Einzelheiten darüber sowie über die medizinisch-psychologische Olympia-Vorbereitung trug der Berliner DDR-Sport-Experte Willi Knecht in einem Report zusammen, der diese Woche im Düsseldorfer Sportinformationsdienst erscheinen soll.
Mit dem Erfurter Läufer Siegfried Herrmann hatte es begonnen. Während seines olympischen Vorlaufes 1956 in Melbourne war er zusammengebrochen: Achillessehnenriß. Bis dahin bedeutete eine Achillessehnen-Ruptur das Ende jeder sportlichen Karriere. Ein Jahr später rannte Herrmann neue Rekorde. Noch 1964 nahm er an Olympischen Spielen teil.
Auch für den DDR-Stabhochspringer Wolfgang Nordwig fand sich kein Nachfolger. Das Olympia 1968 beschloß er mit einem enttäuschenden dritten Platz. Er sprang mit geflickter Achillessehne in einer eingepflanzten Plastikstütze weiter. Ständige Schmerzen in den durch Fünf-Meter-Sprünge überlasteten Sehnen erforderten Dauer-Therapie und schmerzlindernde Spritzen vor dem Wettkampf. Aber erst als er sich 1972 in München mit dem Olympiasieg rehabilitierte, durfte er nach 14 Wettkampfjahren das peinigende Training einstellen.
Auch die DDR-Turnerinnen hatten sich bis 1968 auf Weltniveau geschwungen. Allerdings bezahlten einige von ihnen -- wie in anderen Turnhochburgen auch -- mit einem Teil ihrer Gesundheit: Unzählige Sprünge und Schwünge verursachten Stauchungen, verschoben bei vielen Wirbel, schädigten Fuß- und Kniegelenke. "Ich hau' ab, ich lasse mich nie wieder sehen", damit war die Leipzigerin Erika Barth aus der Trainingshalle verschwunden -- mit gerissener Achillessehne.
Die Trainer holten sie zurück. Sie heiratete den Radsportler Zuchold, wurde Weltmeisterin und erturnte 1972 in München drei Medaillen, bevor sie mit 26 Jahren endgültig aufhörte. Mit ihr mußte überraschend auch Olympiasiegerin Karin Janz, erst 21 Jahre alt, aussteigen. Beziehungsvoll studierte sie Medizin.
Nach Montreal wird sicherlich auch die Speerwurf-Weltrekordlerin Ruth Fuchs, 29, von Trainings- und Wettkampfpein erlöst werden und zurücktreten. In 15 Wettkampfjahren überlastete sie ihre rechte Schulter derart, daß sie nur noch unter Schmerzen werfen kann. Aber die Olympiasiegerin von 1972 ist für Montreal abermals Favoritin; eine Nachfolgerin fand sich bislang nicht. Deshalb trimmten Sportmediziner sie weiter fit.
Täglich reizt ein Apparat ihre Muskulatur durch Stromstöße, die das Krafttraining teilweise ersetzen sollen. Zur Dauerbehandlung gehören Unterwassermassagen und Spritzen gegen den Schmerz. In ihrem Fall entspricht der Vaterländische Verdienstorden in Silber einem Verwundeten-Abzeichen.
Seit 1963 lastet Erfolgszwang auf dem Rückenschwimmer Roland Matthes. Er stellte 29 Europa- und 19 Weltrekorde auf. Bei den Olympischen Spielen 1968 und 1972 wurde er Doppelsieger. Nach den Münchner Spielen wollte er aufhören: Matthes litt unter einer Blählunge, einer Krankheit, die vor allem Blasmusiker und Glasbläser heimsucht.
Die Krankheit entsteht, wenn Lungenbläschen sich bei Überanstrengung übermäßig ausdehnen und dadurch benachbarte zerstören. Dann verkleinert sich insgesamt die Oberfläche aller Bläschen, die Lunge vermag weniger Atemluft aufzunehmen und weniger Sauerstoff weiterzugeben. Deshalb fielen Matthes die 3500 jährlichen Trainingskilometer immer schwerer, mußte er häufig krankheitshalber aussetzen. Seine 200-Meter-Bestzeiten erreichte er nie mehr. Doch für die Goldmedaille auf der kürzeren 100-Meter-Distanz ist er noch eingeplant.
Ähnliche Schäden treten zwar überall auf, wo Athleten sich an Leistungen bis zu den Rekordgrenzen heranarbeiten. Aber niemand verübelte etwa der bundesdeutschen Turnerin Hertha Löwenberg, mit dem Tagebuchspruch zurückzutreten: "Sport ist Mord." In der DDR bestimmen hingegen Trainer und Funktionäre, wann ein Athlet ohne berufliche Nachteile aufhören darf.
Verletzungen, die einen Leistungssportler außer Gefecht setzen, behindern ihn in der Regel nicht mehr im normalen Leben. Das meinte der frühere Achtmeter-Springer Professor Dr. Manfred Steinbach mit seinem Trost an verletzte Athleten: "Gib den Leistungssport auf, und du bist wieder gesund." Wenn chronisch versehrte Spitzensportler allerdings die stete Überlastung fortsetzen, drohen womöglich Dauerschäden. Eine Blählunge etwa kann Herzschwäche nach sich ziehen, eine ständig gestauchte und geprellte Wirbelsäule lebenslang Schmerzen verursachen.
10 bis 15 Jahre dauernde Wettkampf-Karrieren sind selten, in der DDR jedoch die Regel. Um ihren dritten Platz in der Sportwelt zu behaupten, beutet die DDR das Talentreservoir ihrer 17-Millionen-Bevölkerung bis zum Äußersten aus.
Wie viele Athleten vorzeitig verschlissen von dem nahezu lückenlosen Förderungs- und Forderungs-System ausgespuckt werden, dringt nicht an die Öffentlichkeit. Skelettverschleiß, angegriffene Sehnen und angeknackste Gelenke treten bei fast allen zum Ende ihrer überdehnten Laufbahn auf. DDR-Funktionäre schlugen schon eine Sportlerrente für frühzeitig ausgesonderte, beruflich nicht versorgte Meister des Sports vor.
Nur die beispiellosen Anstrengungen -- und Erfolge -- der DDR-Sportmedizin ermöglichten es, invalide Stadion-Kämpfer immer wieder startfähig zu pflegen, aber bislang auch menschliche Katastrophen, soweit bekannt, zu vermeiden. Wenn die DDR-Obrigkeit mit Prämien verbundene Orden für sportliche Leistungen ausstreut, stehen stets auch Sportmediziner im warmen Regen.
Seit 1970 gelangten nur noch SED-Mitglieder in den "Sportmedizinischen Dienst" -- den besten der Welt. Fast alle Nichtgenossen sind inzwischen pensioniert oder versetzt worden. Etwa 500 SED-Genossen bilden den Stab der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig und des angegliederten Forschungsinstituts. Das soll die Diskretion erhöhen.
Sportärzte bestimmen die Normleistungen mit, der individuelle Sportlerpaß jedes Athleten enthält auch die sportmedizinischen Untersuchungsdaten. Aber Sportmediziner entwickelten zugleich Methoden und Gerätschaften, die Athleten helfen, ihre Höchstform zu erhalten und Bestleistungen am entscheidenden Wettkampftag zu erzielen: Sie vermehren die roten Blutkörperchen, was eine erhöhte Sauerstoff-Aufnahme bewirkt, und behandeln die Muskeln mit kräftigenden Stromstößen.
Ein Spezialinstitut, das Sportmedizinische Zentrum in Kreischa, befaßt sich vor allem mit verletzten Sportlern und erforscht Methoden zur Vorbeugung. Bei Orthopäden, Internisten und Chirurgen finden Wettkampf-Versehrte optimale Pflege.
Im April 1973 diskutierten sie in Kreischa auch das Thema "Sex im Kader". Seither heißt die Generallinie: "Mäßiger Sex." Gegen den Lagerkoller kasernierter Sportler-Kollektive entschlossen sich Ärzte, Trainer und Psychologen zu einem "ausreichenden Partnerangebot innerhalb der Kader". Seither trainieren Männer und Frauen soweit möglich am selben Ort. Sportlerehen nahmen zu.
Nach den Qualifikations-Wettkämpfen tauchte die DDR-Olympiamannschaft fast geschlossen unter. Nur Kaderausweise oder Sondergenehmigungen führen in ihre Trainingslager in Oberhof, Kienbaum, Lindow, Rabenberg oder Kolaroff auf einem 2000 Meter hohen Plateau unweit Sofias. Jede dieser Sportleistungsschulen verfügt über einen Jahresetat von 15 Millionen Mark -- ohne Personalkosten.
Sportmedizinisch betreut und von den besten Trainern der Republik angeleitet, erhalten die DDR-Medaillen-Kandidaten dort den letzten Schliff für die in Montreal angesteuerten Höchstleistungen, die sich nach Plan zu 70 bis 80 Medaillen summieren sollen. Aber die letzten Vorbereitungs-Wochen gelten zugleich als "Schlußphase der emotionalen Einstimmung". Die Athleten sollen auch psychologisch fit nach Montreal jetten.
Denn die Sportpraxis hat erwiesen, daß viele vermeintliche Leistungsgrenzen vor allem psychologische Barrieren gewesen sind. In vielen Wettkämpfen treten zudem mehrere, gleichwertige Sportler zum Endkampf an: Sieger wird gewöhnlich der psychisch stabilste Teilnehmer.
Die DDR-Psychologen binden ihre Athleten deshalb in kollektives Handeln ein. Auch Einzelkämpfer sollen sich der gesamten Leichtathletik- oder Schwimmer-Mannschaft zugehörig fühlen. In einer Mannschaft ist die Verantwortung für die erwartete Leistung auf viele verteilt, der Leistungszwang drückt nicht mehr das Individuum allein; umgekehrt verpflichtet die Zugehörigkeit zu einem womöglich siegreichen Team zu höchstem persönlichen Einsatz. Tatsächlich gibt es auch im Westen viele Läufer, die ihre Bestzeiten stets in der Staffel statt in Einzelrennen gelaufen sind.
Außerdem zielt die politische Indoktrination darauf, die Medaillen-Anwärter zu "allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeiten" zu formen. Denn nur sie vollbringen, so unterstellt die SED-Propaganda, Höchstleistungen zum Ruhme der DDR. Im Klartext heißt das: Sportliche Niederlagen kommen gesellschaftlichem Versagen gleich. Der Klassenkampf wird ins Stadion und ins Schwimmbecken getragen.
Mißerfolge analysiert die Kaderleitung mit dem Sportler, oft vor dem Kollektiv. Dabei muß der versagende Athlet den Verdacht entkräften, er habe aus mangelndem Klassenbewußtsein die DDR blamiert. Seine Privilegien und beruflichen Chancen für die Zeit nach Karriereschluß stehen auf dem Spiel.
Ohne Fehlleistungen geht es allerdings auch bei Funktionären und Planern nicht ab. Im DDR-Kalender "Sport 76" steht für den April ein Handball-Länderspielbild. Doch die DDR-Mannschaft scheiterte schon im März an den Bundesdeutschen.

DER SPIEGEL 28/1976
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