12.04.1976

RADIKALEMal nachg'schaut

Daß die Radikalen-Suche ein denunziatorisches Klima erzeugt, wurde in einem Münchner Fall gerichtsnotorisch.
Die Grundkonstellation schien alltäglich: Münchens Oberbürgermeister Georg Kronawitter wollte in Anlehnung an den Radikalenerlaß das DKP-Mitglied Hans-Georg Frieser nicht als Sozialarbeiter in den öffentlichen Dienst übernehmen, weil er nicht "Brandstifter ins eigene Haus lassen" mochte. Der Abgewiesene wehrte sich nicht ohne Zynismus, er sei "kein Brandstifter, sondern Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr".
Eher alltäglich war auch der Ausgang des Konflikts: In zwei Instanzen vor dem Arbeitsgericht kam Frieser, Einser-Absolvent der Münchner Fachhochschule für Sozialwesen und ein Jahr lang Praktikant bei der Stadt München, zu seinem Recht; er arbeitet wie gewünscht seit über einem Jahr im Referat Erziehungshilfe des Stadtjugendamts.
Doch unversehens erzeugte der Fall Frieser einen merkwürdigen Nebenschauplatz. Der Jurastudent Günter Dörr, Mitglied des "Rings Christlich-Demokratischer Studenten" (RCDS) und Gründer des RCDS-Blatts "Die Alternative", sah sich bemüßigt, Oberbürgermeister Kronawitter (SPD) in einem Brief Informationen über Frieser zu unterbreiten. Das Schreiben schloß mit der Hoffnung, "daß OB Kronawitter an seiner Entscheidung festhält".
Beigeheftet war dem Brief ein Flugblatt, das Frieser im Jahre 1970 in 150 Exemplaren an der Fachhochschule für Sozialwesen verbreitet harte. Darin äußerte Frieser zur Landtagswahl in Bayern, das Parlament sei "lediglich ein Verschleierungsinstrument im Sinne der herrschenden Klasse, es soll Freiheit vortäuschen, wo keine ist".
Dörr sagt heute über seine Motive, er habe befürchtet, daß Kronawitter, der ja den DKP-Mann nicht in städtischen Diensten sehen wollte, "umfällt": "Da wollte ich ihm den Rücken stärken." Das belastende Flugblatt hatte der RCDS-Student ohnehin griffbereit: "Ich hab' halt mal in meinem Archiv nachg'schaut." Es sei ihm bei seiner Aktion einzig um die "Solidarität aller Demokraten" gegangen. Denn: "Wenn ich Herrn Frieser hätte schädigen wollen, hätte ich das Papier ja anonym zustellen können."
Damit deutet der RCDS-Funktionär freilich Möglichkeiten an, die vollends zu einem vergifteten Klima der Denunziation führen müßten. Solche "Gesinnungsschnüffelei", so klagte unlängst Ex-Bundespräsident Gustav Heinemann in der "Welt der Arbeit", bewirke, "alles schon im Ansatz" zu knicken, und führe dazu, daß "der Mut sinkt, öffentlich für eine Meinung einzutreten".
Im Fall München wurde freilich nicht der Denunzierte, sondern ein anderer Kommilitone getroffen. Die Intervention Dörrs in Sachen Frieser wurde nämlich "gesprächsweise" dem Lehrerstudenten Georg Steinbichler, wie Frieser Mitglied des MSB Spartakus und der DKP, bekannt, der nun seinerseits dem Kronawitter-Informanten in einem Flugblatt vorwarf, eine "unrühmliche Denunziantenrolle gespielt" zu haben.
Dörr erstattete gegen Steinbichler Strafanzeige, die in zwei Instanzen von der Staatsanwaltschaft "mangels öffentlichen Interesses" abgelehnt wurde, weil es sich "offensichtlich um Auseinandersetzungen innerhalb der Studentenschaft" handele. Was von den Strafverfolgern wohl zu Recht als schieres Akademikergerangel abgetan wurde, ließ bei bayrischen Regierungsbeamten freilich zusätzlichen Zweifel an der Verfassungstreue des Angezeigten aufkeimen.
Dörrs Strafanzeige entfaltete die beabsichtigte Wirkung nämlich erst bei der Regierung von Oberbayern, wo sich Steinbichler, inzwischen mit dem Studium fertig, um Zulassung zum Vorbereitungsdienst für das Lehramt an Volksschulen beworben hatte: Am Mittwoch letzter Woche wurde Steinbichler der amtliche Ablehnungsbescheid per Postzustellungsurkunde übermittelt.
In den Entscheidungsgründen fand der Abgelehnte "neben der üblichen Litanei, die teilweise wortwörtlich ähnlichen Bescheiden" gleiche, auch Dörrs vergebliche Strafanzeigen wieder. Auch aus den gescheiterten Anzeigen, so argumentiert die Regierung von Oberbayern (Geschäftszeichen: 111 -- 1408 49) ausdrücklich, ergebe sich, daß "der Bewerber ... aktiv gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung" arbeite.
Wenn diese bayrische Prozedur
die Anerkennung bloßer Anzeigen als Beweismittel -- bei der Beurteilung der Verfassungstreue von Beamtenanwärtern Schule machen sollte, würde freilich einer ganz neuen Qualität von Denunziantentum Tür und Tor geöffnet, bei Tag und bei Nacht.
Die nächste Polizeidienststelle nimmt Anzeigen aller Art gern zu Protokoll.

DER SPIEGEL 16/1976
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 16/1976
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

RADIKALE:
Mal nachg'schaut

Video 02:08

Schlangenblut trinken, Skorpione essen Dschungeltraining für US-Militärs

  • Video "Merkel sorgt für Lacher: Ach nee!" Video 00:40
    Merkel sorgt für Lacher: "Ach nee!"
  • Video "Schlägerei auf der Carnival Legend: 23 Passagiere müssen Schiff verlassen" Video 01:34
    Schlägerei auf der "Carnival Legend": 23 Passagiere müssen Schiff verlassen
  • Video "Ziemlich beste Freunde: Äffchen und Hündin sind unzertrennlich" Video 00:47
    Ziemlich beste Freunde: Äffchen und Hündin sind unzertrennlich
  • Video "Training in der Wüste: Leben (wie) auf dem Mars" Video 01:24
    Training in der Wüste: Leben (wie) auf dem Mars
  • Video "Fun Facts über Curling: Dann zählt das größte Bruchstück" Video 01:54
    Fun Facts über Curling: "Dann zählt das größte Bruchstück"
  • Video "Annegret Kramp-Karrenbauer im Porträt: Sie ist eine Art Mini-Merkel" Video 03:30
    Annegret Kramp-Karrenbauer im Porträt: "Sie ist eine Art Mini-Merkel"
  • Video "Aschewolke steigt fünf Kilometer hoch: Vulkanausbruch auf Sumatra" Video 00:47
    Aschewolke steigt fünf Kilometer hoch: Vulkanausbruch auf Sumatra
  • Video "Amoklauf-Überlebende kritisiert Trump: Schämen Sie sich" Video 02:36
    Amoklauf-Überlebende kritisiert Trump: "Schämen Sie sich"
  • Video "Webvideos der Woche: Wo kommen denn die ganzen Otter auf einmal her?" Video 02:40
    Webvideos der Woche: Wo kommen denn die ganzen Otter auf einmal her?
  • Video "Luftkampf-Übung: F-22 Raptor fliegt ein Herbst-Manöver" Video 00:41
    Luftkampf-Übung: F-22 Raptor fliegt ein "Herbst-Manöver"
  • Video "Trump vs. Reality: Lügen, Jets und Immigranten" Video 03:30
    Trump vs. Reality: Lügen, Jets und Immigranten
  • Video "Abgesackte A20: Ein Loch in der Autobahn" Video 01:54
    Abgesackte A20: Ein Loch in der Autobahn
  • Video "Albtraum auf Langstreckenflug: Kleinkind schreit acht Stunden lang" Video 02:45
    Albtraum auf Langstreckenflug: Kleinkind schreit acht Stunden lang
  • Video "Nach Freilassung von Deniz Yücel: Es bleibt ein bitterer Beigeschmack" Video 02:02
    Nach Freilassung von Deniz Yücel: "Es bleibt ein bitterer Beigeschmack"
  • Video "Südkorea abseits von Olympia: Was es mit dem Penis-Park auf sich hat" Video 02:28
    Südkorea abseits von Olympia: Was es mit dem "Penis-Park" auf sich hat
  • Video "Schlangenblut trinken, Skorpione essen: Dschungeltraining für US-Militärs" Video 02:08
    Schlangenblut trinken, Skorpione essen: Dschungeltraining für US-Militärs