12.04.1976

Johano Strasser über K. Sontheimer: Das Elend unserer Intellektuellen“Ein Brutus ist er nicht

Johano Strasser, 36, war bis 1975 stellvertretender Juso-Vorsitzender. Er arbeitet jetzt in Berlin an einem politologischen Forschungsauftrag.
Die Intellektuellen entdecken die Intellektuellen. Nach Szczesny, Aron, Schelsky und anderen hat nun auch Kurt Sontheimer ein Buch vorgelegt, das die "Wandlung des intellektuellen Verhaltens" und die "Veränderung der geistigen Landschaft der Bundesrepublik seit 1965" zum Thema hat.
Es ist nicht nur das milde Feuer wissenschaftlichen Interesses, das den Professor zur Feder greifen läßt. Die "Herausforderung der liberalen Grundhaltung in Wissenschaft und Politik durch die neu-linke Theoriebewegung" ruft ihn auf den Plan und läßt ihn (für dieses Mal) die "dem Liberalen sonst eigene Manier" vergessen, der "vor lauter Toleranz keine entschiedene Stellung mehr bezieht".
Was in dieser kämpferischen Attitüde herauskommt, ist eine vielfach zur polemischen Intellektuellenschelte geratene "massive Kritik linker Theorie die Sontheimer ähnlich wie Schelsky als zutiefst irrationale, im Grunde antidemokratische und antiliberale "Heilslehre" charakterisiert. Mit der These seines Kollegen Schelsky von "Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen" mag er sich gleichwohl nicht identifizieren. Und dies nicht nur aufgrund fachwissenschaftlicher Be denken.
Im Vorwort legt der Autor Wert auf die Feststellung, "nicht nach rechts abgedriftet" zu sein. Nicht ohne Stolz weist er darauf hin, daß Kurt Ziesels "Deutschland-Magazin" ihn noch im August 1975 einen "Kommunisten" schimpfte. Kein Abtrünniger also. Eher ein gebranntes Kind.
Sontheimer, der die kritische Unruhe der Studenten in den 60er Jahren zunächst mit väterlichem Wohlwollen begleitete, ging auf Distanz, als die antiautoritäre Bewegung ideologisch Tritt faßte und sich auf den langen Marsch durch die blauen Bände der Marx-Engels-Ausgabe begab. Und: Hat er nicht auch am eigenen Leib, im eigenen Seminar, erfahren müssen, was Toleranz gegenüber Intoleranz bewirkt? So mancher, der immer schon wußte, "wohin das alles führt", wird bei der Lektüre zuweilen ein schadenfrohes "Siehste!" kaum unterdrücken können.
Was auf den rund 300 Seiten des Buches über Anspruch und Wirklichkeit der "Neuen Linken", den Seminarmarxismus, die endlosen scholastischen Dogmenstreitereien" ihre Motive und Hintergründe gesagt wird, ist zumeist nicht neu und selten besonders scharfsinnig. Aber vieles daran ist unbestreitbar richtig.
Wer wollte bestreiten, daß es in dem vielfältigen Schrifttum der "Neuen Linken" von aufwendigen Scheinerklärungen, vorschnellen Pauschalisierungen, unbewiesenen und unbeweisbaren Behauptungen, gespreizter Talmiwissenschaftlichkeit und radebrechendem Politjargon nur so wimmelt?
Was da an Textproben von Agnoli, Altvater, Brückner und anderen präsentiert wird, ist in aller Regel auch durch den Zusammenhang nicht zu entschuldigen, aus dem es gerissen wurde. Was für eine Linke ist das, muß sich der Leser fragen, die man nur zu zitieren braucht, um sie zu vernichten?
Und dennoch: So berechtigt Sontheimers Kritik in vielen Punkten ist, "ein Stück notwendiger intellektueller und politischer Aufklärung", das er im Vorwort verspricht, hat er wohl kaum geleistet. Dazu ist sein Kategorienraster zu grob, seine Polemik zu vordergründig an verbreiteten Vorurteilen orientiert, sein Urteil zu undifferenziert.
Von "den Linken", "den Marxisten", "den (linken) Intellektuellen", "den Theoretikern" usw. ist die Rede, als handele es sich um eine an wenigen festen Merkmalen zweifelsfrei identifizierbare Spezies, der der Volksmund eine Reihe verschiedener Namen gegeben hat -- eine Art bebrillter Insekten, die aus unbegreiflichen Gründen Mitte der 60er Jahre anfingen, einen Stoff abzusondern, den der Autor mit dem Ekelnamen "Theorie" belegt.
Wie leicht die unbedachte Pauschalisierung in Diffamierung und Denunziation ausartet, erweist sich, wenn der Autor "von den gewalttätigen Anarchisten bis zu den Strategiepapieren der Jungsozialisten" im Kern dasselbe Verständnis gesellschaftsverändernder Praxis diagnostiziert.
Was verbindet die Jungsozialisten mit der elitären Arroganz derjenigen, die meinen, die Arbeiterschaft in eine revolutionäre Auseinandersetzung bomben zu können? Mühsame Aufklärungsarbeit, Gewinnung von Mehrheiten, Durchsetzung von Reformen -- das verstanden und verstehen die Jungsozialisten unter gesellschaftsverändernder Praxis. Zwischen der Strategie antikapitalistischer Strukturreformen und Gewaltstrategien nach Art der RAF liegen Welten.
Unfreiwillige Schiefheiten und böswillige Verdrehungen über die Jungsozialisten bietet das Buch en gros. Das geht bis zur unkritischen Wiedergabe der albernsten Unterstellungen aus den innerparteilichen Grabenkämpfen der Münchner Szene.
Allenfalls anerkannte wissenschaftliche Autoritäten der Linken werden gelegentlich mit vorsichtigem Respekt behandelt. Wolfgang Abendroth wird gönnerhaft eine "einigermaßen legitime Methode der Verfassungsinterpretation" attestiert; Jürgen Habermas wird immerhin zugute gehalten, daß er seine ansonsten fragwürdigen Thesen hier und da "mit brauchbaren empirischen Argumenten" zu belegen trachtet. Mehr Entgegenkommen, so scheint es, ist nach der "Tendenzwende" für einen "Linken" nicht drin,
Sontheimer ist weniger an der historischen Entwicklung interessiert als am "Denkstil linker Argumentation", an der "neuen Denkstruktur". Das ist sein gutes Recht. Aber kann man "Theorien" gerecht werden, ohne ihren logischen und historischen Begründungszusammenhang zu berücksichtigen? Auf der vom Autor entworfenen Szene "linker Theorie" geht es zu wie auf der Bühne des Elisabethanischen Typentheaters. Behauptungen, Forderungen, Theoreme treten auf, formieren sich zu einem kuriosen Reigen und treten wieder ab. Am Ende muß die "Moral von der Geschichte" den fehlenden Zusammenhang ersetzen.
Aber "Theorien" lassen sich nun mal nicht von ihren Begründungen trennen. Fordern z. B. die Jungsozialisten die Vergesellschaftung (im übrigen nicht "aller Produktionsmittel", sondern der "strukturbestimmenden") nur so aus Daffke? Geben sie dafür nicht Gründe an, die man diskutieren kann? Gibt es neben dem antirevisionistischen Unfug nicht auch einen diskutablen vernünftigen Kern der "Reformismus"-Kritik? Darüber verliert der Autor keine Silbe.
Dafür geißelt er den inflationistischen Gebrauch des Wortes "Krise Gut so! Als "Krise" will er nur gelten lassen, wo es um Leben oder Tod geht. Entsprechend stellt er in der Einleitung fest, daß im politischen System der Bundesrepublik "an keiner für seinen Bestand bedeutsamen Stelle" von einer "krisenhaften Zuspitzung" die Rede sein kann.
Aber gute 250 Seiten weiter hat es zur Überraschung des Lesers "den Anschein, als habe die wachsende Zerstörung traditionaler Bestände in unserer Gegenwart ein bestandsgefährdendes Ausmaß erreicht". Was ist zwischen Einleitung und Schluß passiert, das die Kehrtwendung erklären könnte?
* Horkheimer und Marcuse, Adorno, Habermas.
Ich habe es nicht entdecken können. Vielleicht hat sich das Gefühl, "aus der Defensive" zu argumentieren, von dem der Autor berichtet, während der Abfassung des Buches noch verstärkt. Eine großangelegte "zielbewußte Attacke gegen die Grundlagen unseres Welt- und Wissenschaftsverständnisses" gilt es abzuwehren.
In der Forderung nach "Demokratisierung der Gesellschaft" sieht er, ähnlich wie Schelsky und Biedenkopf, das Trojanische Pferd, mit dessen Hilfe die "Neue Linke" in die Zitadelle "unseres freiheitlichen Rechtsstaats" einzudringen versucht. Selbst Schelskys demagogische Formel "Demokratisierung = Unfreiheit" kehrt leicht abgewandelt wieder.
Im Gegensatz zu den rechten Ideologen scheint Sontheimer aber eines zu übersehen: Die Forderung nach "Demokratisierung" stammt nicht von der bösen "Neuen Linken", sondern von der guten alten SPD. "Im
demokratischen Staat", heißt es im Godesberger Programm, "muß sich jede Macht öffentlicher Kontrolle fügen."
Kein Zweifel: Die Fixierung auf die von den "linken Intellektuellen" ausgehende Gefahr führt den Autor zu einer fatalen Fehleinschätzung der politischen Lage. "Die geistigen Grundlagen unserer freiheitlichen Republik", so seine These, "werden seit den letzten zehn Jahren weniger von rechts als von links in Frage gestellt."
im Jahre 1976 mutet ein solcher Satz
merkwürdig realitätsfremd an. Wird nicht mittlerweile der "Radikalenerlaß" auf Sozialdemokraten angewandt? Hat der Bundestag nicht soeben unter dem Druck von rechts eine Novellierung des "Gewaltparagraphen" beschlossen, die die Freiheit von Kunst und Wissenschaft bedroht? Fördert die Gegenreform im Bildungswesen nicht unkritisches Duckmäusertum? Erleben wir nicht eine Renaissance deutschnationalen Denkens in den Unionsparteien?
Angesichts der bundesrepublikanischen Wirklichkeit wirkt der vom Autor bevorzugte Gestus des Retters der Republik fast schon tragikomisch. Ein Brutus ist er nicht, dieser beherzte Streiter wider die "linken Intellektuellen". Dann schon eher ein Don Quijote. Wenn man ihm nur die Arglosigkeit glauben könnte ...
Von Johano Strasser

DER SPIEGEL 16/1976
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