12.04.1976

GASTRONOMIEBratling in Mull

Amerikas größte Imbiß-Kette, „McDonald's“, erobert Westdeutschland. Jüngster Vorstoß laut Werbeslogan: „Den „Hamburger' nach Hamburg bringen.“
Danang und Saigon sind verloren, in Angola sitzen die Kubaner, und Henry Kissinger sieht in trüben Stunden schon ganz Westeuropa in einem Abgrund von Kommunismus versinken.
Doch andere Amerikaner sind zum Gegenangriff übergegangen: Mit der "revolutionärsten Idee seit der Erfindung des Beefsteaks" (Werbespruch) erobern sie dem American way of life neue Bastionen -- auf dem Gebiet der Massenspeisung.
Rascher und zielstrebiger als Castros Kommandos in den Kralen Schwarzafrikas breiten sich die US-Infiltranten im europäischen Großstadtdschungel aus an den Champs-Elysées zwischen Gourmet-Lokalen, in Londons Vororten zwischen Fish-and-chips-Buden, im Schatten des Kölner Doms zwischen dem Hotel "Excelsior" und den nun bedrohten einheimischen Imbiß-Theken.
Die Weißwurst-Kapitale München ist bereits von nicht weniger als 13 Stutzpunkten der Eindringlinge gastronomisch unterwandert. Und seit letzter Woche sind auch die Hamburger aufgerufen, "Hamburger" zu verspeisen: Plakatwände und Handzettel werben für drei gleichzeitig in der Hansestadt eröffnete Schnellgaststätten der Firma "McDonald"s Restaurants", des größten Gastronomie-Unternehmens der Geschichte.
3700 Lokale in der Welt gehören schon dazu, davon 354 außerhalb der USA, 31 bisher in der Bundesrepublik; bis Ende 1976 sollen es schon, so die McDonald-Planung, "50 bis 60" sein.
Wer Amerika kennt und in Nürnberg, Düsseldorf oder Mönchengladbach einen Vorposten der Invasion betritt, fühlt sich jäh nach San Bernardino (Kalifornien) oder Weehawken (New Jersey) versetzt -- so vollkommen ist die Übereinstimmung mit den US-Prototypen: Der gleiche fleckenlose Kachelboden, die gleichen festmontierten blanken Tische mit drangeschraubten Sitzen (die man "Kapitänsstühle" nennt), die gleichen Keramiklampen mit dem Doppelbogen des Firmenzeichens drin, der gleiche breite Edelstahltresen mit den Registrierkassen drauf, vor denen man sich anstellt, und darüber die gleiche große Tafel mit dem gleichen Verzehr-Angebot wie in den McDonald"s von Memphis (Tennessee) oder auch Koto (Japan).
Nicht einmal die amerikanischen Namen der Speisekarte sind verändert oder übersetzt -- nur lautschriftlich buchstabiert. "Big Mac" heißt der Stolz der Firma, das "Riesending" aus zwei Lagen gegrilltem Hackfleisch zwischen drei Lagen getoastetem Brötchen, nicht gerechnet die Zutaten: zerlaufenem Chesterkäse, Hackzwiebeln, Essiggurkenscheiben, Salatblatt und "Spezialsauce" nach Geheimrezept. "Happy Macs" heißen die Milchshakes, und "Äppel Pei" sind Teigrollen mit heißer Apfelfüllung und Zimtaroma. Doch beim "Cheeseburger" (Hackfleisch-Hamburger mit Chesterkäse) versagt auch die Phonetik: das müssen die Kunden entweder mit Hilfe des Personals aussprechen lernen oder nach eigener Mundart artikulieren (Münchner Version: "Kasbuaga"). Einzige deutsche Ausnahme im globalen Einheitsmenü: Es gibt Bier, das wie die anderen "drinks" in Pappbechern zum Wegwerfen kredenzt wird.
Auch die Mädchen hinter den Tresen bestätigen den Eindruck, man sei durch McDonald"s Tür mitten in die Vereinigten Staaten geraten. Durch straffes Servicetraining verwandelt McDonald"s sogar maulige Teens aus München-Laim und Köln-Nippes kurzfristig in adrett uniformierte, freundlich lächelnde Zombies, deren Zuvorkommenheit fast ebenso gleichmäßig funktioniert wie die Computersteuerung der Bratplatten und Pommes-frites-Maschinen.
Kein auf Massenpublikum zielendes US-Unternehmen hat je amerikanischen Geschmack und amerikanische Methoden kompromißloser exportiert -- und solchen Erfolg gehabt mit einem Produkt, von dem Menschen mit empfindsamen Innereien (wie die New Yorker Gastronomie-Kritikerin Gael Greene) behaupten: "Ein Big Mac liegt so schwer im Magen. daß man sogar im Toten Meer untergehen würde."
Daß McDonald"s Mannen, wie sie sich rühmen, "den Hamburger nun auch nach Hamburg bringen", ist freilich ein längst fälliger Akt gastronomischer Revanche. Denn die schlichte Kunst, Hackfleisch in flachen Klumpen zu braten, ist ohne Frage einst von hansestädtischen Auswanderern in die Neue Welt eingeschleppt worden.
1904 auf der Weltausstellung in St. Louis wurde der "Hamburger" dann von deutschen Imbißbuden-Besitzern offiziell kreiert und dem amerikanischen Kulturgut einverleibt in seiner noch immer gültigen US-Grundform -als Bratling aus reinem Rindfleisch zwischen den Hälften eines Weichbrötchens ("Bun"), das sich anfühlt wie ein Päckchen Verbandsmull (und häufig auch so schmeckt).
Inzwischen hat der Konzern eine Rinderherde, die etwa eine Fläche von der Größe halb Oberbayerns bedecken würde, durch den Wolf gedreht. McDonald"s (Weltumsatz 1975: 6,35 Milliarden Mark) wurde zum mit Abstand am schnellsten wachsenden Multi überhaupt. Umsatzsteigerung im Rezessionsjahr 1974: 28 Prozent; allein im Jahr 1975 wurden 490 Lokale neueröffnet. Noch steiler sind die Börsenkurse für McDonald"s-Aktien emporgeschossen: 100 Anteile, die 1965 noch 2250 Dollar kosteten, sind heute mehr als 90000 Dollar wert.
Eine der Ursachen dieses Phänomens heißt Ray A. Kroc. Denn der 73jährige knorrige Konzern-Eigner ist kein wankelmütiger Kissinger aus Fürth (wo auch schon ein "McDonald"s" steht), kein Eierkopf von der "New York Times", der masochistisch an den Segnungen Amerikas zweifelt. Mit dem gleichen Missionseifer, den die Amerikaner einst dem Export demokratischer Ideale widmeten, verbreiten Ray Kroc und seine Abgesandten ihre Botschaft vom "fast food", dem "schnellen Essen". Auch Rolf Kreiner, McDonald"s-Werbechef für Deutschland, verkündet: "Wir erziehen die Leute zu einer ganz neuen Lebensweise -- zum Beispiel mit den Fingern zu essen statt mit Messer und Gabel."
Auch Ray Kroc hat sich vor keiner Komik gescheut in seinem Bestreben, "den Hamburger ernst zu nehmen". Das ging bis zur Gründung der "Hamburger-Universität" nahe dem McDonald"s-"Welthauptquartier" bei Chicago. Restaurant-Manager aus aller Welt werden dort in Zehntageskursen in die Technologie und Ideologie der vorgefertigten "fast foods" eingeweiht und nach bestandener Abschlußprüfung mit dem Grad eines "Magisters der Hamburgerologie" ausgezeichnet -- Pommes frites als Nebenfach.
Krocs entscheidende Tat aber war. den Hamburger aus seinem angestammten Milieu schmutziger Imbißstuben und Stehkneipen herauszuholen und ihm ein sauberes, helles, geruchsarmes und klassenloses Heim zu geben. Nette junge Familien mit werktätiger Mutter sollten von McDonald"s angezogen werden (und werden es auch in Deutschland), weil die Kinder dort nicht mit dem Besteck essen und die Väter erheblich weniger zahlen müssen als in üblichen Restaurants. Schüler und Studenten sollten kommen (und tun es), weil sie sich hier zu einem erschwinglichen Preis von den Zwängen des elterlichen Eßtischs emanzipieren können.
Hinzu kam Krocs grimme Entschlossenheit, die Zubereitung seiner Speisen so gründlich zu automatisieren, daß auch der trotteligste Griller keine Chance findet, irgendwas falsch zu machen. Ihre nach exakt vorgeschriebenen Verfahren (mit maximal 19 Prozent Fett) hergestellten und tiefgefrorenen Hackfleischkuchen beziehen alle deutschen McDonald"s von einer Fleischfabrik in Günzberg/Donau, und auch alles übrige, die backfertigen Kartoffelstäbchen ebenso wie die Appel Peis, stammt von zentralen Produzenten.
"McDonald"s ist eine Maschine, die mit völlig unqualifiziertem Personal ein perfektioniertes Produkt herstellt", erkannte der US-Wirtschaftsprofessor Levitt. Denn in den Restaurant-Küchen gibt es nichts mehr zu tun, was nicht ein Hauptschüler ohne Abschluß in Stunden lernen könnte: Summer und Lichtsignale melden Toast- und Grill-Zeiten, mit Sensoren ausgerüstete Fritiergeräte sengeln Bräunung und Knusprigkeit (vorgeschriebene Ölreinigung: einmal täglich).
Rigoroseste Regel Krocs: Nur zehn Minuten darf ein fertiger papierverpackter Hamburger unter einer Infrarotlampe warmgehalten werden. Ist er dann nicht verkauft, hat er in den Abfall zu wandern. Dies allerdings verlangt von den Restaurant-Managern geschicktes Kalkulieren des Bedarfs -- denn nach Kroc soll auch kein Kunde länger als 50 Sekunden auf"s Essen warten müssen. Inkognito reisende Feldinspekteure überwachen die Einhaltung von "QSS" ("Qualität, Service, Sauberkeit") und melden laxe Betriebe an den regionalen "Operationschef".
Daß McDonald"s mit Gelegenheitskräften und Nebenjobbern auskommt, die mit durchschnittlich 5,60 Mark pro Stunde zufrieden sein müssen, ist ein Grund für die Rentabilität des Konzerns. Dies und die extreme Rationalisierung verhelfen dem Unternehmen schließlich zu seinem simpelsten Erfolgsgeheimnis: McDonald"s verkauft den einfachen Hamburger zu 1,40 Mark (Big Mac: 3,25 Mark). Damit kann die Schnellgastronomie-Konkurrenz in Deutschland (etwa die englische "Wimpy"-Kette) schlicht nicht mithalten -- von der fettverklebten Wurstbude an der Ecke ganz zu schweigen.
Freilich, viel mehr als Fett und Kohlehydrate bekommt der Schnellesser auch bei McDonald"s nicht in den Leib -- und viel zu viele Kalorien: Ein Big Mac hat 557, ein Milchshake 317, die kleinste Portion Pommes frites 215. Ernährungswissenschaftler haben Magendrücken beim Gedanken an die Folgen einseitiger McDonald"s-Kost bei einer Jugend, die nach Milchshakes und Pommes frites süchtig wird. Auch McDonald"s "fast food" schmähen amerikanische Kritiker als "junk food": "junk" bedeutet sowohl "Schund" wie "Rauschgift", vornehmlich Heroin.
"Das Schicksal der Völker hängt davon ab, wie sie sich ernähren", verkündete 1825 der französische Feinschmecker-Papst Brillat-Savarin in seiner "Physiologie des Geschmacks". So betrachtet, könnte der multinationale Hamburger-Konsum absonderliche Spätfolgen zeitigen -- Den Fujita, der japanische McDonald"s-Chef, hat auch darüber schon nachgedacht.
Mit Befremden zitierte "Newsweek", was Fujita dem Tokioter Korrespondenten des Nachrichtenmagazins anvertraute: "Wenn wir Japaner tausend Jahre lang Hamburger essen, dann werden wir blond. Und wenn wir blond werden, können wir die Welt erobern."

DER SPIEGEL 16/1976
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 16/1976
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GASTRONOMIE:
Bratling in Mull

Video 01:35

"Viking Sky" Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera

  • Video "Viking Sky: Ich dachte, ich müsste mit meiner Mutter sterben" Video 01:52
    "Viking Sky": "Ich dachte, ich müsste mit meiner Mutter sterben"
  • Video "Wenn Haie angreifen: Rekonstruktion eines Phänomens" Video 45:07
    Wenn Haie angreifen: Rekonstruktion eines Phänomens
  • Video "Prügelei bei Motorradrennen: Kollision, Klammergriff, Faustkampf" Video 00:50
    Prügelei bei Motorradrennen: Kollision, Klammergriff, Faustkampf
  • Video "Buzzer-Beater in der NBA: Sensationswurf in letzter Sekunde" Video 00:38
    Buzzer-Beater in der NBA: Sensationswurf in letzter Sekunde
  • Video "Kreuzfahrtschiff in Seenot: Geretteter schildert Helikopter-Evakuierung" Video 02:31
    Kreuzfahrtschiff in Seenot: Geretteter schildert Helikopter-Evakuierung
  • Video "Kleinstadt in Südchina: Ein Elefant wollt' bummeln gehn..." Video 01:18
    Kleinstadt in Südchina: Ein Elefant wollt' bummeln gehn...
  • Video "Amateurvideo von der Viking Sky: Als der Sturm zuschlägt" Video 01:22
    Amateurvideo von der "Viking Sky": Als der Sturm zuschlägt
  • Video "Bizarre Formation: Pfannkucheneis auf dem Lake Michigan" Video 01:07
    Bizarre Formation: Pfannkucheneis auf dem Lake Michigan
  • Video "Flughafen Bali: Orang-Utan-Junges vor russischem Touristen gerettet" Video 01:13
    Flughafen Bali: Orang-Utan-Junges vor russischem Touristen gerettet
  • Video "Kerber-Frust in Miami: Größte Drama-Queen aller Zeiten" Video 01:49
    Kerber-Frust in Miami: "Größte Drama-Queen aller Zeiten"
  • Video "Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens" Video 03:57
    Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens
  • Video "Duisburg: Wohnblock Weißer Riese gesprengt" Video 00:59
    Duisburg: Wohnblock "Weißer Riese" gesprengt
  • Video "Rettung aus Seenot: Havarierte Viking Sky erreicht sicheren Hafen" Video 01:15
    Rettung aus Seenot: Havarierte "Viking Sky" erreicht sicheren Hafen
  • Video "Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?" Video 04:27
    Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?
  • Video "Viking Sky: Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera" Video 01:35
    "Viking Sky": Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera