15.03.1976

„Das sind Räuber und Diebe“

Von der Brücke des Küstenwachschiffes "Aegir", das mitten im malerischen Eskifjord im Osten Islands liegt, kommt ein Morsezeichen per Taschenlampe: "Alti lagi", auf isländisch so viel wie okay. In diesem Fall bedeutet es: Kann an Bord kommen.
Per Funk war angefragt worden, doch per Funk zu antworten kam nicht infrage: Der Feind zu Wasser hört mit, da muß alles vermieden werden, was ihm anzeigen könne, welchen Hinterhalt der Gegner gelegt hat.
Schließlich herrscht, seit Island die diplomatischen Beziehungen zu Großbritannien abgebrochen hat, so etwas wie "Guerillakrieg zur See", sagt Premierminister Geir Hallgrimsson, ein Volkskrieg um das wohl höchststehende nationale Gut der Isländer, den Fisch. Mit dem Bruch zwischen den Nato-Partnern in London und Reykjavik hat die Schlacht ihren absurden Höhepunkt erreicht.
Auf Patrouillenflug mit Islands einzigem Küstenwachflugzeug wurde der Feind an diesem Donnerstag, dem 4. März, ausgemacht. Gut 30 britische Trawler waren es, die sich da zwischen 30 und 40 Seemeilen südsüdöstlich vor der Küste im Schutz von Kriegsschiffen der Elizabeth von England anschickten, den Wikinger-Nachkommen die Butter vom Brot zu fischen -- weit innerhalb jener 200-Meilen-Fanggründe, die Island fürs eigene Überleben beansprucht.
Island hat keine Seelords, keine wehrhaften Schiffe. Seine "Marine", die Küstenwacht, besteht aus sieben Schiffen zwischen 200 und 1150 Tonnen, die der britischen Flotte vor Ort (sechs Fregatten, drei Hochseeschlepper, ein Versorgungsschiff, ein Tanker) weit unterlegen sind.
Aber frohgemut ficht diese Mini-Armada nach der Parole: "Dem Gegner das Leben möglichst schwer machen", so Küstenwacht-Direktor Petur Sigurdsson. Vorrangig heißt das, mit sichelförmigen Stahlhaken britische Fangleinen kappen, so daß der Fischsegen -- samt Netz -- ins Meer zurücksinkt. Der Rest ist Zermürben.
Als "Aegir" in der Abenddämmerung ausläuft, als weiter nördlich "Odinn" den Seydisfjord verläßt, warten bereits die britischen Fregatten "Andromeda" und "Naiad" wie Katzen vor dem Mauseloch. Kurz vor Mitternacht -- auf der Brücke der "Aegir" wird der Funkverkehr zwischen der Royal Navy und Trawlern, mitgehört -- wissen die englischen Fischer Bescheid: Die "fuckin' bastards" rücken an.
Einer dieser "fuckin' bastards", "Aegir"-Kapitän Throestur Sigtryggsson, 46, gilt als erfahrener Mann in sämtlichen Seeguerilla-Disziplinen. Bei den Engländern gefürchteter sind nur noch "Týr"-Commander Gudmundur Kjaernested und "Odinn"-Kapitän Helgi Hallvarsson, der "lachende Klabautermann".
Die Isländer seien in den letzten Wochen aggressiver geworden, behaupten die Engländer. Das jedoch, behauptet "Skipherra" Sigtryggsson, tun sie nur, weil sie "keine Ahnung" haben: "Wir sind kein Stück aggressiver geworden, das Wetter ist besser geworden, da riskieren wir mehr."
Sigtryggsson, Sohn eines Schul- und Kirchenmannes vom Dýrafjord am nördlichen Polarkreis, baut auf andere Vorteile: Wind und Wetter, das Verhalten der Fische wie der Fischer, sich selbst, die Genossen und den Gegner kennen.
Die See geht, bei Windstärke sieben, zu hoch, als daß man noch in der Nacht ans Netzekappen gehen könnte.
Stundenlang war die britische "Naiad" für "Aegir" eine stille, nahe Nachtgefährtin, bis zum Morgengrauen. Da taucht der Schlepper "Lloydsman", "ein notorischer Rammer" (Sigtryggsson) aus dem Dunst auf. Wo "Lloydsman" ist, kann"s losgehen. Elf Trawler fischen in Sichtweite.
Wie sich Spurt-Champions anwärmen, liefern sich "Aegir" und "Naiad" kurze Wettrennen. Nordische Mythologie kontra griechische, mal vivacissimo, mal adagio.
Als wollte sie zeigen, daß sie"s besser kann, jagt die Britin im weiten Bogen um den Isländer herum, haarscharf an seinem Bug vorbei. Jemand auf dem Kommandodeck der "Naiad" zieht wie ein Preisrichter die Karte: Null. "Da gucken wir gar nicht mehr hin", brummt "Aegirs" Skipherra.
* Britische Fregatte "Andromeda", isländisches Küstenwachschiff "Thor".
9.08 Uhr. "Aegir" rast mit 18 Knoten auf den am weitesten rechts liegenden Trawler zu, dichtauf folgt "Naiad", die Schaumfetzen fliegen, die Sicht ist so gut, als tauchte man in Bubblebath. "Midskips, Midskips", die Kommandos überschlagen sich. An Steuerbord ist die "Naiad" zum Greifen nah, von Backbord rauscht "Lloydsman" auf Kollisionskurs heran, dreht bei. So jagt man zu dritt und gleichauf am Opfer vorbei. Es ist der gelblich-rostige, klein und jammervoll in den Wellen rollende Fischkutter "Westella", dessen Netze eilig eingeholt wurden.
Hat hier an Bord kein Mensch Mitleid mit den britischen Fischern, die auch im schlimmsten Sturm keinen Schutz mehr in Islands Fjorden suchen dürfen? "Nein", befindet ein Offizier, "das sind Räuber und Diebe."
Sein Heimatdorf im Fáskrúdsfjord ist erst mit besseren Fischfängen zu Wohlstand gekommen. Seine Mutter war 20, als sie zum ersten Mal ein Geldstück sah. Wo jetzt die Engländer auch kleinste Fische wegfangen, die noch nie gelaicht haben und sich allenfalls zu Katzenfutter verarbeiten lassen, fischen auch die Leute vom Fáskrúdsfjord. Zu Recht bangen sie um die Bestände. "Ich jag" die Briten", sagt der Offizier, "weil meine Kinder nicht 20 werden sollen, bevor sie Geld sehen."
Über der See brummt ein von einer Fregatte gestarteter Briten-Hubschrauber, etwas höher zieht ein großes Aufklärungsflugzeug vom Typ "Nimrod" seine Kreise. Flankiert von "Lloydsman" und "Naiad", versucht "Aegir" immer noch einmal in das Fischernest der Briten einzudringen.
Derweil eskaliert der Kabeljaukrieg verbal über den Bordfunk. Aus den "fuckin' bastards" werden "fuckin' asses". Ein Trawlerskipper, den das "fuckin' gunboat" fast erwischt hätte, setzt laut und rauh ein herzhaftes "fuckin' Jesus God Almighty" drauf.
Zur britischen Eskorte stößt gegen Mittag die Fregatte "Bacchante". An Bord der "Aegir" grassiert neben Grippe -- fünf Männer liegen mit Fieber darnieder -- nun auch der Frust.
"Wir brauchen schnellere Schiffe", wehklagt Sigtryggsson. "Aegir" schafft maximal 22 Knoten, die Fregatten machen 30. Am selben Abend kommt über Bord-TV die Kunde, daß Island mit den USA über die Lieferung von zwei Schnellbooten verhandeln will.
Falls daraus nichts wird, will Reykjavik die Sowjet-Union um Fregatten der "Mirka" oder "Petya"-Klasse bitten. "Wenn wir schneller sind", so der "Aegir"-Kommandant. "bleibt den Briten nichts, als uns zu versenken."
Bei Sturm und Regen, immer beschattet von der "Bacchante", tritt "Aegir" den Rückzug an. Der Skipherra weiß, daß jetzt nur noch Wahnsinnige ihre Netze auswerfen würden.
Die Royal Navy weiß das offenkundig nicht. Immer noch fordert die "Bacchante" alle auf "Aegirs" Kurs liegenden Trawler auf, die Netze einzuholen. Hohngeschrei ist die Antwort, und diesmal sind es die Beschützer. denen das "fuckin' asses" der eigenen Fischer gilt.
Immerhin, etwas haben die Isländer erreicht. Von Norden hat "Odinn", von Osten "Baldur", von Südosten "Aegir" die Fischerboote zuhauf gejagt. Sigtryggsson: "So mußten sie eben sehen, was sie kriegen, und teilen. Da kam keiner mehr raus, um bessere Fänge aufzutun und die anderen womöglich nachzuholen."
Sturmböen bis zu zwölf peitschen übers Nordmeer, die "Bacchante" läßt "Aegir" ziehen. Am nächsten Morgen hält der Skipherra die Schiffsnase nur mal kurz aus dem Fjord in den Wind. Urteil: "Da fischt keiner."
Auch am Abend sieht er keinen Witz darin, wieder Seeguerilla zu treiben, mit abgeschaltetem Radar etwa, beleuchtet wie ein ordinäres Kümo, langsam Lind direkt auf die Trawler loszuziehen. Häufig sind so die britischen Hüter erst wach geworden, als die Ernte ihrer Schützlinge wieder tief im Meer versank.
Wohl hat an diesem Abend das Flugzeug gemeldet, daß Fregatten vor Reydarfjord und Seydisfjord lauern. Aber Throestur Sigtryggsson gibt sich genießerisch der traditionellen isländischen Samstagsspeise hin: Salzfisch mit Salzkartoffeln, dazu im Wasserbad gewärmtes Schafsnierenfett und hinterher dicke braune Brotsuppe mit Backpflaumen, Zitronenrädchen und Rosinen. Er grinst: "Laß sie lauern!"
Der Isländer kennt eben Wind und Wetter, Fisch und Fischer -- und den Feind.

DER SPIEGEL 12/1976
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