03.05.1976

AFFÄREN

Abgehört und eingebrochen

Konzerntöchter der BASF setzten auf eine Fachzeitschrift und ein Konkurrenzunternehmen Spitzel an.

Nachdem Privatdetektiv Rainer Krellenberg das Flachdach geentert und das Oberlicht geknackt hatte, zog er mit einem sogenannten Greifer das Telephon vom Schreibtisch zu sich hoch. Dann installierte er einen Minisender ("Wanze"> in der Muschel und senkte den Fernsprecher wieder auf seinen alten Platz hinunter.

Schon zwei Wochen lang hatte er das Büro der Fachzeitschrift "Polyurethan-Markt" in Hannover ohne jeden Erfolg observiert. Nun endlich konnte er bequem, das Abhörgerät im Cheftelephon, aus seinem unweit in der Spröckenstraße geparkten Auto acht Tage lang alle Gespräche belauschen und auf Band nehmen.

Doch vor dem Landgericht Hannover stand jetzt, auf Schadenersatz verklagt, nicht der Detektiv, sondern eine Kunststoffbüro München GmbH; sie gehört der BASF. Die BASF-Tochter nämlich hatte, weil sie "konkrete Anhaltspunkte für Industriespionage" zu haben vermeinte, die Chemiepostille bespitzeln lassen.

Dafür war freilich die Krellenberg-Detektei Lohr OHG in Kassel, deren illegale Abhörpraktiken die Staatsanwaltschaften bis hinauf nach Kiel bundesweit in Atem hielten, genau die richtige Adresse. Zu decouvrieren wünschten die BASF-Bosse die "Informanten und Hintermänner", die in Hannover heiße Chemie-News verbreiteten -- die Recherchier-Methode, so die ausdrückliche Order, war Sache der Detektei.

Die ließ sich das nicht zweimal sagen. Bald konnte sie dem Münchner BASF-Geschäftsführer, der dazu eigens nach Hannover jettete. die Tonbänder vorspielen, und anderentags hörte eine weitere Führungskraft aus München jene noch einmal ab. Statt der 4 500 Mark, die als Honorar fest vereinbart waren, spendierten die Herren schließlich 6 000 Mark.

Dennoch meinte BASF-Chefjurist Wolfgang Ritter: "Der Auftrag hielt sich an die gesetzlichen Grenzen und an die gesetzlichen Mittel." Die Beziehungen zu der Detektei, behauptet gar Hans-Hermann Dehmel, der Justitiar der BASF-Tochter Elastogran. seien nach Bekanntwerden des illegalen Telephonanzapfens sofort abgebrochen worden.

Das Gegenteil ist erweislich wahr. Denn gerade durch die hannoversche Abhöraffäre hatte sich Krellenberg dem BASF-Management nachhaltig empfohlen. Als nämlich wenig später, diesmal im Elastogranwerk Lemförde, wieder ein Verräter auszuspähen war, setzte Jurist Dehmel ausgerechnet Krellenberg an.

Umsichtig wies Dehmel den Detektiv in die delikate Aufgabe ein, herauszufinden, wer "Betriebsgeheimnisse" der Elastogran an die Breco-Chemie GmbH weitergebe, ein Unternehmen, das sich just in Sögel etabliert hatte. Um was es ging, durfte Krellenberg dem SPIEGEL 2/1973 entnehmen, den ihm sein Auftraggeber als Basisinformation überreichte.

Darin ist geschildert, wie Gottfried Reuter, Chemiker und hundertfacher Patentinhaber, seine Elastogran-Gruppe an die BASF verkauft und mit ihr alsbald Krach bekommen hatte. Elastogran indes war nicht der Streit-Anlaß gewesen. Vielmehr ließ sich das Engagement in Lemförde eher erfreulich an.

Denn durch die Elastogran drang der Chemiekonzern in den Polyurethan-Bereich ein, der bislang die Domäne der Bayer AG gewesen war.

Ausgebrochen waren die Feindseligkeiten wegen einer Polyesteralkoholanlage im VEB Synthesewerk Schwarzheide bei Dresden, die noch Reuter an die DDR-Genossen geliefert hatte. Weil die BASF die Endmontage dieser "modernsten Anlage der Welt", wie sich Gottfried Reuter erboste, aus Konkurrenzgründen sabotierte, prozessierten die Kontrahenten bald vor vielen Gerichten, vor DDR-Richtern wie in Stockholm und Zürich.

Der Chemikerstreit zeichnete sich, so der Zivilgerichtspräsident des eidgenössischen Glarus in einem Beschluß, "durch eine gehässige Form" aus. Sonderlich fein ging es auch sonst nicht her.

"Mit Erstaunen" beispielsweise notierte Reuter, daß das Elastogran-Management "neuerdings unter die Posträuber gegangen" sei. Noch einlaufende persönliche Briefe nämlich wurden nicht nur dem Adressaten, sondern auch der BASF-Konzernspitze als "Kopie dieses Vorgangs" zugestellt.

In schöner Konsequenz witterten die Konzernherren hinter dem hannoversehen Fachblatt "Polyurethan-Markt" den Polyurethan-Experten Reuter. Daß der Widersacher auch bei der Breco-Chemie in Sögel die Finger im Spiel hatte, schien ausgemacht.

In seiner Privatwohnung überreichte Elastogran-Justitiar Hans- Hermann Dehmel dem Privatdetektiv Rainer Krellenberg, von dem er sich letzte Beweise erhofftet nach einer Anzahlung von 1 500 Mark einen weiteren Firmenscheck über 30 000 Mark: unnütz vertanes Geld.

Denn aus dem Wohnwagen heraus, den er in Sögels Gewerbestraße nahe der Breco-Chemie postiert hatte, vermochte der Detektiv zweckdienliche Erkenntnisse nicht zu gewinnen. Und ärgerlicher noch: Bei Breco war an Telephone überhaupt nicht heranzukommen.

Doch BASF-Jurist Dehmel ließ sich durch den Mißerfolg nicht verdrießen. Für Krellenbergs Bemühungen, die nichts erbracht hatten, leistete er namens der Firma -- unzufrieden zwar, aber klaglos -- eine satte "Schlußzahlung" von 70 000 Mark.

Nichts auch, versichert der Elastogran-Jurist, habe ein Einbruch erbracht, mit dem man nichts zu tun habe. Aus eigenem Antrieb, der Auftrag war gerade beendet, hatte Krellenberg mit dem Detektivkollegen Zwonimir Kozina nächtens bei Breco-Chemie das Laborfenster aufgeschnitten und Korrespondenz, Organisationspläne sowie chemische Formeln gestohlen.

Die zwölfte Zivilkammer des Landgerichts Hannover verurteilte die Münchner BASF-Tochter -- wenn auch noch nicht rechtskräftig -- wegen des Abhörens zu 10 000 Mark Schmerzensgeld.


DER SPIEGEL 19/1976
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