03.05.1976

FERNSEHEN/SCHACHWeißer Bauer zieht

Alle gegen einen: Per Fernsehen spielt der sowjetische Schachweltmeister Karpow eine Partie mit der Bundesrepublik.
Die Moskauer Verbandsfunktionäre hatten dem Plan schon zugestimmt. Doch wenn der Hamburger TV-Redakteur Helmut Jungwirth, über sowjetische Mittelsmänner, auch das Plazet des Leningrader Champions einholen wollte, bekam er stets Absagen.
Nach fünf vergeblichen Annäherungsversuchen reiste Jungwirth ins jugoslawische Skopje, erspähte den Widerborstigen in einem Hotelrestaurant und ließ sich, ungebeten, an dessen Tafel nieder. Beim Hors d'Oeuvre kamen die Herren einander näher und -- wider Erwarten -- zu raschem Einvernehmen: Der sowjetische Schachweltmeister Anatolij ("Tolja") Karpow, 24. war willens, die deutsche Schachwelt zu einer Fernpartie herauszufordern. Das Fernsehen macht's möglich.
Am 24. September soll Karpow, mit einem weißen Bauernzug, die Sendung "Schach dem Weltmeister" eröffnen, die einmal wöchentlich, freitags, 20.15 Uhr, jeweils fünf Minuten lang von den Dritten Programmen ausgestrahlt wird. Deutsche Schachenthusiasten sind aufgefordert, ihren Vorschlag für einen schwarzen Gegenzug postalisch beim NDR einzureichen. Der Zug, den die Mehrheit ausgetüftelt hat, wird dem Russen telegraphisch übermittelt.
Wo immer er euch sein mag -- bei Turnieren in Mailand, Madrid, Leningrad oder Haifa -- wird der Meister vor einer TV-Kamera seinerseits eine Figur bewegen. Per Jet nach Hamburg verfrachtet, wird dieser Kurzfilm sodann am Schach-Jour-Fixe gezeigt. Großmeister wie die Deutschen Lothar Schmid und Helmut Pfleger, aber auch die Sowjet-Stars und Ex-Weltmeister Botwinnik und Petrosjan sollen die Rochaden und Fianchettos, Angriffs- und Verteidigungsmanöver erläutern und kommentieren.
Der NDR macht eine gute Partie. Die technische Abwicklung des Mammut-Brettspiels macht kaum Mühe, zumal das sowjetische Fernsehen anbot, die Aktionen des Weltmeisters für den Spottpreis von 520 Mark pro Tag abzulichten. Wenn Karpow fern der Heimat ist, wollen die Hamburger die Kollegen der ARD-Außenposten um Amtshilfe bitten. Redakteur Jungwirth verspricht sich von diesem "Unternehmen gehobener Unterhaltung" eine "schöne Werbung für das Schach".
Sportgeist und Popularitätsgewinn haben wohl auch den Weltmeister bewogen, für ein TV-Honorar von 200 Mark pro Zug und Auftritt gegen die bundesdeutsche Spielschar anzutreten. Der Russe, der schon als 11jähriger gefürchteter Blitzpartien-Gegner sowjetischer Schach-Nobilitäten war, hatte den Titel 1975, nach dem WM-Verzicht des genialen US-Wüterichs Bobby Fischer, kampflos übernommen.
Doch gilt der nervenstarke, überaus scheue Ökonomie-Student mit der großen Leidenschaft für Briefmarken und erlesene Speisen allenthalben als würdiger Thronfolger, als fairer Fighter. der niemals dran denkt, "das Ego eines Mannes zu brechen" (Fischer).
So wird der sanfte Tolja vielleicht auch gegen das deutsche Schachvolk Milde walten lassen; vielleicht dauert die Super-Telepartie tatsächlich, wie der NDR kalkuliert, 30 bis 40 Züge, mithin bis Sommer 1977.
Wahrscheinlich aber wird die Nation viel früher die Waffen strecken. "Die Zuschauer", so warnen NDR-Experten, "müssen von Anfang an höllisch aufpassen. Karpow ist Eröffnungsspezialist." Selbst der Münchner Großmeister Wolfgang Unzicker, der kürzlich "etwas erschöpft" gegen ihn spielte, lag schon nach 22 Zügen in den letzten: Nach nur 25 Minuten war er matt.

DER SPIEGEL 19/1976
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