Von Szandar, Alexander
Heinz Rühmann hätte an dem kleinen "Kiebitz" seine Freude gehabt. Das zweisitzige Leichtflugzeug ähnelt zum Verwechseln dem "Bücker"-Doppeldecker, mit dem der Schauspieler und begeisterte Hobbyflieger 1941 in der Kino-Klamotte "Quax, der Bruchpilot" durch die Lüfte karriolte.
Doch das spektakuläre Flugmanöver eines knallroten "Kiebitz" in der Nähe des Berliner Rühmann-Denkmals am vorvergangenen Freitag hätte den Filmstar wohl eher entsetzt: Ein ostdeutscher Müllwerker, der unter Mordverdacht steht, hatte sich mit der einmotorigen Maschine in den Tod gestürzt - ausgerechnet auf der Wiese vor dem Reichstag.
Kaum war das verkohlte Wrack gelöscht, entbrannte eine stürmische Debatte, wie sie Politiker gern im Sommer - und dazu noch in Wahlkampfzeiten - entfachen. Wie sicher ist das Regierungsviertel? Was wäre passiert, wenn der Flieger Sprengstoff geladen hätte? Droht der Hauptstadt womöglich ein Terroranschlag wie in den USA am 11. September 2001?
Reflexartig und in seltener Eintracht riefen links wie rechts nach Sperrzonen, scharfer Radar-Überwachung und dem Militär. Eine "Flugbereitschaft mit Kampfhubschraubern" müsse her, forderte der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz. Bayerns CSU-Innenminister Günther Beckstein wollte nach dem Vorbild der Amerikaner in Washington zusätzlich Abwehrraketen in der Hauptstadt postieren. Eine SPD-Lokalpolitikerin verlangte, umgehend Abfangjäger auf einen der drei Berliner Flughäfen zu verlegen.
Das Spiel mit der Apokalypse war so verlockend, dass den Beteiligten die Realität schnell aus dem Blick geriet. Denn in Wahrheit könnte die Bundeswehr gegen Terrorflieger über Berlin kaum etwas ausrichten. Militäreinsätze zur Unterstützung der Polizei bei Veranstaltungen wie dem Kölner Weltjugendtag Mitte August oder der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 dienen eher der Beruhigung als der Sicherheit.
Nur mit "viel Glück" könnten "Awacs"-Flugzeuge der Nato stoffbespannte Flieger wie den "Kiebitz" erfassen, sagt ein Luftwaffengeneral, weil deren Oberfläche Radarstrahlen kaum reflektiere. Noch schwieriger ist es, Gleitschirmflieger mit Rucksackmotor zu orten, die mit Tempo 50 durch die Landschaft juckeln.
Solche "Motorschirme" können überall starten, einige Schritte Anlauf reichen aus. Dass sich so ein mit Sprengstoff bestückter Flieger auf Papst Benedikt XVI. stürzen könnte, wenn der auf dem Marienfeld bei Köln eine Messe zelebriert, ist eine der größten Sorgen der Organisatoren.
Doch die deutsche Armee besitzt keine Helikopter, mit denen Kleinflieger abgeschossen werden könnten. Das Heer erprobt zwar ein erstes Serienexemplar des neuen Kampfhubschraubers "Tiger", doch der ist eigentlich dafür konzipiert, Panzer auf dem Boden zu Schrott zu schießen.
Selbst wenn ständig ein "Tiger" im Hof des Kanzleramts stünde, würde es nach dem Alarm mindestens fünf Minuten dauern, bis die Piloten in der Luft wären. Zu lange wohl, um Flieger abzufangen, die aus den nahen Abflugschneisen der innerstädtischen Flughäfen Tegel und Tempelhof ausscheren und plötzlich Kurs auf den Bundestag nehmen.
Ungeeignet für innerstädtische Gefechte sind auch die "Patriot"-Flugabwehrraketen der Luftwaffe. Die "Patriot" ist für den Kampf gegen einen Gegner in weiter Entfernung konstruiert, der 3000 Meter und höher fliegt.
Ähnlich sinnlos wäre es, Soldaten mit tragbaren "Stinger"-Raketen auf dem Reichstag zu postieren. Die Projektile, die mit einem Wärmesuchkopf dem Abgasstrahl des Fliegers folgen, sind zwar unglaublich schnell - vier Kilometer in acht Sekunden -, doch wendig sind sie nicht. Eine enge Kurve des Gegners nach unten genügt, und schon rast die "Stinger" ins Leere.
Auch die Raketen, mit denen "Phantom"-Jäger und künftig der "Eurofighter" bewaffnet sind, taugen nicht für den Nahkampf. Der Flug eines verwirrten Motorsegler-Piloten zwischen Frankfurter Hochhäusern im Januar 2003 zeigte, wie wenig Überschall-Jets in so einem Fall ausrichten können. Es gibt nicht einmal Leuchtspurmunition für die Bordkanone, um Warnschüsse sichtbar zu machen. Militärpiloten können mit ihren Funkgeräten zudem nicht mit der Polizei kommunizieren.
"Hysterisch" nannte der Vorsitzende des Deutschen BundeswehrVerbands, Bernhard Gertz, die Aufregung. Ein "Luftkrieg über Berlin", sagt der Luftwaffen-Oberst süffisant, würde durch herabfallende Trümmer wohl mehr Leben kosten als der Einschlag eines Leichtfliegers.
So sieht es auch der Verteidigungsminister. Mit dem Gerede über Kampfhubschrauber und Raketen, so Peter Struck, "kann man nicht einmal die Lufthoheit über den Stammtischen erringen". Zumal Kabinettskollege Otto Schily vorigen Freitag Entwarnung gab. Dem Innenressort lägen keine Erkenntnisse vor, "die auf eine konkrete Gefährdung durch Kleinflugzeuge in Deutschland hindeuten könnten". Trotzdem will die Bundesregierung Kleinflugzeugen das Kurven über der Berliner Innenstadt verbieten. ALEXANDER SZANDAR
DER SPIEGEL 31/2005
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