01.08.2005

DIPLOMATENMillionen aus dem Jackpot

Streit um den künftigen US-Botschafter in Berlin: Die Firma des Multimillionärs profitiert von wettbewerbswidrigen Zöllen, deutsche Unternehmen müssen bluten.
Am Dienstag vergangener Woche beschloss der bayerische Wirtschaftsminister Otto Wiesheu, was er nur ganz selten beschließt: nicht zuständig zu sein. Dabei ging es um den Standort Bayern, um bayerische Unternehmen, bayerische Arbeitsplätze, bayerische Produkte. Wiesheu aber blieb dabei: Für Fragen zur Firma Timken aus Ohio, USA, sei er der Falsche und deshalb nicht zu sprechen.
Am Mittwoch beschied auch der Chef des bayerischen Arbeitgeberverbands, Randolf Rodenstock, dass er sich zu Timken gerade nicht äußern müsse. Kein Wort also dazu, dass die bayerische Wälzlagerindustrie empfindliche Nachteile hat, weil sie beim Export in die USA Schutzzölle für angebliches Preisdumping zahlen muss. Zölle, die dann die Bush-Regierung zu allem Überfluss auch noch direkt an die US-Konkurrenten weiterreicht, in erster Linie an Timken. Diese Praxis stufte die Welthandelsorganisation WTO schon im Januar 2003 als eindeutig illegal ein, nach einer Klage der EU und anderer Staaten. Doch so klar die Lage ist - auch Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) hält sich dezent zurück.
Das große Schweigen hat einen Grund, und der ist delikat: Aufsichtsratschef bei Timken ist ausgerechnet William Timken junior - und der soll in Kürze als Botschafter der USA nach Berlin kommen. Vor zwei Wochen hat Präsident George W. Bush den Multimillionär nominiert. Timken, bis 2003 Vorstandsvorsitzender der Timken Company, übernimmt damit als Chefdiplomat die Aufgabe, die angeknackste deutschamerikanische Freundschaft zu kitten.
Da passt sein Unternehmen schlecht ins Bild: Kaum eine US-Firma beharrt bis heute so hartnäckig darauf, dass die USA den WTO-Beschluss aus dem Jahr 2003 weiter ignorieren. Vor allem: Keine andere sackte seit 2001 von den wettbewerbswidrigen Schutzzöllen so viel Geld ein wie die Timken Company samt der Firma Torrington, die 2003 von Timken übernommen wurde. Zu den Hauptzahlern aber gehören deutsche Hersteller von Lagern - mit rund 70 Millionen Dollar rangieren sie auf Platz zwei hinter den Japanern.
2004 etwa holte sich Timken dank entsprechender Anträge 52,7 Millionen Dollar aus dem Jackpot des US-Zolls und damit doppelt so viel wie der nächstgrößte Profiteur. 2003 waren es sogar 92,7 Millionen, fünfmal so viel wie die Nummer zwei.
Nicht mal Präsident Bush will dieses Abmelken der Konkurrenz nach dem WTO-Spruch noch akzeptieren. Er versuchte sogar, die Gesetzesgrundlage aus dem Jahr 2000, bekannt als "Byrd Amendment", zu kippen - vergebens.
Seit nun aber der 66-jährige Timken, Großspender der Republikaner und dekoriert mit dem Partei-Ehrentitel "Super Ranger", den Posten in Berlin übernehmen soll, sind die Gewinnmitnahmen seines Konzerns ein Tabuthema unter deutschen Politikern und Verbandslobbyisten.
Nur einer stört den Nichtangriffspakt: die Schaeffler-Gruppe im fränkischen Herzogenaurach, zu der die Wälzlager-Hersteller FAG Kugelfischer und INA mit rund 26 000 Beschäftigten in Deutschland gehören. Mehr als 35 Millionen Dollar hat allein die FAG nach eigenen Angaben gezahlt - das meiste floss nach Ohio.
Entsprechend wurmt die Berliner Personalie den Schaeffler-Chef Jürgen Geißinger, gleichzeitig Präsident des europäischen Wälzlager-Dachverbands FEBMA: "Mit Timken wird einer der größten Profiteure WTO-widriger Handelspolitik ausgerechnet in dem Land zum Botschafter ernannt, wo die Leidtragenden dieser Politik sitzen." Gestärkt mit deutschem Geld, so Geißinger, könnten die Amerikaner ihre Produkte nun sogar zu Kampfpreisen auf dem Weltmarkt anbieten. "Dadurch gehen uns nicht nur Umsätze verloren; es sind massiv Arbeitsplätze bedroht."
Trotzdem spricht wenig dafür, dass die Politik nach Timkens Ernennung jetzt kräftig Druck macht - im Gegenteil. Selbst der wirtschaftspolitische Sprecher der Bundestags-FDP, Rainer Brüderle, der sonst jederzeit Begriffe wie "offener Markt", "freier Handel" und "fairer Wettbewerb" zu scharfen Appellen zusammenpuzzelt, traut sich nur einen lauen Aufruf: "Nach der Bestellung Timkens" sollten die USA doch bitte "Abstand von der Politik des Byrd-Amendment nehmen".
Ebenso zahm die SPD-Fraktion: Erst mal in Deutschland, werde Timken vielleicht mehr Verständnis für die Haltung der Europäer aufbringen, hofft Wirtschaftsmann Klaus Brandner. Immerhin: Es war Timkens Herzenswunsch, als Botschafter ins Land seiner Ahnen zu gehen - Urgroßvater Henry aus Bremen war 1838 als Siebenjähriger nach Amerika gekommen.
Die EU mag sich auf solche Sentimentalitäten indes nicht verlassen. Seit Mai läuft ihr Konter: Sonderzölle auf zahlreiche Waren aus den USA. Prompt klagt das "Wall Street Journal", viele US-Unternehmen müssten nun darunter leiden, dass sich ein paar andere päppeln ließen.
Die Firma Timken will sich zu den Byrd-Profiten nicht äußern. Wie wenig sich aber Timken selbst von Attacken gemeinhin beeindrucken lässt, hat er mal mit dem Zitat eines legendären US-Generals erläutert: "Der Feind steht vor uns, hinter uns, neben uns - diesmal entkommt er nicht."
JÜRGEN DAHLKAMP, GEORG MASCOLO
Von Jürgen Dahlkamp und Georg Mascolo

DER SPIEGEL 31/2005
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