01.08.2005

Wissenschaft + Technik„Den Letzten beißen die Hunde“

Astronaut Ulrich Walter über die Pannen beim jüngsten Shuttle-Start und die Zukunft der Internationalen Raumstation
Walter, 51, ist Professor für Raumfahrttechnik an der TU München. Im Jahr 1993 flog der Physiker mit der US-Raumfähre "Columbia" zehn Tage um die Erde.
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SPIEGEL: Hand aufs Herz, würden Sie heute noch in einen Shuttle einsteigen?
Walter: Jeder Astronaut fliegt für sein Leben gern ins All. Aber solange die Nasa die Sicherheitsprobleme nicht gelöst hat, würde ich mich nicht wieder in einen Shuttle setzen - und auch sonst kein Astronaut. Das Vertrauen ist nachhaltig gestört.
SPIEGEL: Wie riskant war denn der Start der Raumfähre "Discovery" am vorigen Dienstag wirklich?
Walter: Wie beim "Columbia"-Unglück vor zwei Jahren fiel vom Außentank wieder ein großes Schaumstoffteil ab. Diesmal ist unter anderem deshalb nichts passiert, weil sich der Isolierschaum erst in 60 Kilometer Höhe löste. In der dünnen Luft dort oben war der Fahrtwind zu schwach, um das Trümmerstück auf ein gefährlich hohes Tempo zu beschleunigen. Der Nasa blieb gar nichts anderes übrig, als erst einmal alle weiteren Flüge abzusagen.
SPIEGEL: Es kann doch nicht so kompliziert sein, Isolierschaum zu befestigen.
Walter: Die Tankhülle ist eben ein komplexes Gebilde. Beim Befüllen mit ultrakaltem Wasserstoff verflüssigt sich unweigerlich Gas in der Tankhülle. Und wenn die so entstandene Feuchtigkeit dann durch irgendwelche Ritzen unter den Isolierschaum kriecht, ist die Sollbruchstelle da. Die Nasa-Ingenieure haben zwar große Anstrengungen unternommen, die Ritzen zu stopfen, aber es hat nicht gereicht, wie sich jetzt zeigt.
SPIEGEL: Ist das Problem auch früher schon aufgetreten?
Walter: Aber sicher, nahezu bei jedem Shuttle-Flug haben sich Teile der Tankisolierung gelöst. Und praktisch nach jeder Landung wurden kleinere Schäden am Shuttle festgestellt, die von solchen Schaumstoffstücken stammten. Bis zur "Columbia"-Katastrophe hatte die Nasa einfach nur Glück, dass diese meist nur kleineren Bruchstücke keine empfindlichen Stellen trafen.
SPIEGEL: Wann werden wieder Raumfähren ins All starten?
Walter: Ich schätze, frühestens im kommenden Frühjahr. Erst einmal müssen sich die Ingenieure eine ganz neue Methode ausdenken, um ein Abplatzen der Tankisolierung zu verhindern. Und das kann lange dauern.
SPIEGEL: Und wie wird die Internationale Raumstation ISS bis dahin versorgt?
Walter: Wie in den letzten zwei Jahren werden sich wohl die Russen darum kümmern müssen. Und außerdem wollen wir Europäer schon im kommenden Jahr unser neues Frachtraumschiff ATV starten, das Lebensmittel, Wasser und Treibstoff zur ISS bringen kann. Für die Beförderung der großen Bauteile jedoch gibt es keine Alternative zum Shuttle.
SPIEGEL: Was bedeutet das für die Zukunft der ISS?
Walter: Die Raumstation wird wohl niemals zu Ende gebaut. Schon jetzt ist klar, dass es weniger Shuttle-Flüge geben wird als für die Fertigstellung der Station nötig wären. Wenn die Raumfähren wieder starten, werden die Amerikaner hart verhandeln, welches ISS-Modul wann hochgeschafft wird. Und dann gilt: Den Letzten beißen die Hunde!
SPIEGEL: Wir Europäer sind die Dummen?
Walter: Das ist nicht auszuschließen. So steht in den Sternen, ob jemals ein Shuttle das europäische Raumlabor Columbus zur ISS transportieren wird. Zwar haben die Amerikaner selbst Nutzungsrechte an Columbus, aber vielleicht gibt es für sie ja noch Wichtigeres. Wenn wir Pech haben, landet das in Bremen gebaute Forschungsmodul unbenutzt im Technikmuseum.
INTERVIEW: OLAF STAMPF
Von Olaf Stampf

DER SPIEGEL 31/2005
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