01.08.2005

KINO„An mir ist nichts getürkt“

Die chinesische Schauspielerin Bai Ling über Kannibalismus, gutes Aussehen und ihre Rolle im Film „Dumplings - Delikate Versuchung“
Ling, 34, gehört in China zu den bekanntesten Schauspielerinnen. Im Horrorfilm "Dumplings" spielt sie jetzt eine bizarre Köchin. Ling war im Februar Jury-Mitglied der "Berlinale". Im Juni schaffte sie es als erste chinesische Schauspielerin auf den Titel des US-"Playboy".
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SPIEGEL: Miss Ling, Ihr Film "Dumplings" zeigt Frauen, die abgetriebene Föten essen, weil sie sich davon die Rückkehr jugendlicher Frische versprechen. Mögen Sie solche Ekel-Szenen?
Ling: Na ja, Regisseur Fruit Chan fragte mich telefonisch, ob ich mitmachen wolle. Ich war geehrt, denn ich mag seine früheren Filme und hoffte auf eine schöne Liebesgeschichte. Als er dann von einem Horrorfilm sprach, dachte ich: Oh!
SPIEGEL: Sie kannten das Drehbuch nicht?
Ling: Bis dahin nicht. Für mich war die Einfühlung in die Rolle schwierig, weil es nichts Vergleichbares gibt. Ich sehe meine Figur als Symbol für die moderne Gesellschaft; für all die ziellos herumirrenden Seelen, die nach etwas suchen, um ihrem Leben Sicherheit und Sinn zu geben. Mei - die Köchin, die ich spiele - gibt diesen Verlorenen das fehlende Selbstvertrauen.
SPIEGEL: Waren Sie von der Vorstellung, aus gehäckselten Föten Teigtaschen, sogenannte dumplings, zu fertigen, nicht angewidert?
Ling: Ich fragte mich bloß: Wie kommt es, dass diese Gelatinemasse so echt aussieht? Der Film basiert ja auf einer wahren Geschichte. Immer wieder wird zwischen Hongkong und China mit Föten gehandelt.
SPIEGEL: Soll Ihr Film eine Debatte über den bedenkenlosen Schönheitswahn und Jugendkult auslösen?
Ling: Der Film sagt: Wenn du etwas nimmst, wirst du schöner und jünger. Als wir ihn im Februar auf der "Berlinale" zeigten, wussten die Leute nicht, ob sie klatschen durften. Aber ich war sicher: Sie mochten ihn. In China ist der Respekt vor dem natürlichen Körper und seinen Lebensphasen noch sehr verbreitet. Das Streben nach ewiger Jugend wird verachtet. Ich wünsche mir, die Menschen würden vom Jugendwahn loskommen. Jeder strahlt doch auf seine Weise Schönheit aus.
SPIEGEL: Haben Sie mit Ihrer Rolle einer kannibalistischen Köchin eines der letzten Tabus gebrochen?
Ling: Vermutlich. Meine Figur empfindet die Föten ja nicht mehr als etwas Menschliches. Die Figuren essen also nicht etwas, das lebt; sie essen die Föten, wie sie Hühner- oder Schweinefleisch essen. Aber das waren ja auch einmal Lebewesen.
SPIEGEL: Gab es Ärger mit der Zensur?
Ling: Nein. Aber wir bekamen wegen des heiklen Themas eine Einstufung wie bei Pornos üblich - freigegeben ab 18. Der Film ist für chinesische Verhältnisse sehr mutig.
SPIEGEL: Welches Tabu brechen Sie als Nächstes?
Ling: Ich teste gern, wie weit ich gehen kann. Ich bin die erste chinesische Schauspielerin auf dem Titel des US-"Playboy". In China gilt das Herrenmagazin als Pornografie. Das traditionelle China ist gern schnell verärgert. Ich musste schon einen Entschuldigungsbrief schreiben.
SPIEGEL: Warum posiert eine talentierte Schauspielerin wie Sie überhaupt nackt?
Ling: Zuerst lehnte ich ab. Aber dann realisierte ich: Der "Playboy" ist seit 50 Jahren das bestverkaufte Männermagazin, ein Klassiker. Darin zu erscheinen ist eine Ehre, die nehmen nicht jede. Außerdem ist an mir nichts getürkt. Ich werbe mit meiner Nacktheit auch für den unverstellten Frauenkörper.
SPIEGEL: Sind Sie eine Feministin?
Ling: Für mehr weibliche Rechte zu kämpfen, lehne ich ab. Frauen und Männer sind natürlicherweise verschieden, wir müssen uns nicht den Männern angleichen. Der menschliche Körper ist sehr schön, das muss bewahrt und geehrt werden. Man sollte respektieren, was man von der Natur bekommen hat.
SPIEGEL: Wie alt sind Sie?
Ling: Ich fühle mich seit Jahren wie 26. Bei Dreharbeiten bin ich so alt, wie der Regisseur es von mir verlangt. Im Schauspielerberuf ist es besser, aus seinem Alter ein Mysterium zu machen.
SPIEGEL: Genießen Sie es, ein Filmstar zu sein?
Ling: Ich genieße es, als Künstlerin in meiner Rollen- und Projektwahl frei zu sein und reisen zu können. In mir wohnen viele Persönlichkeiten: die Provokateurin, die Sanfte, die Unschuldige im Minirock.
SPIEGEL: Sie strahlen gleichzeitig Sex und Intelligenz aus. Fühlen Sie sich als die asiatische Ausgabe von Sharon Stone?
Ling: Nach "Basic Instinct" habe ich Sharon Stone aus den Augen verloren. Ich weiß nur, dass sie sehr hübsch ist. Und dass ich sie mir wieder mehr auf der Leinwand wünsche.
SPIEGEL: Wissen Sie, dass man Sie wegen Ihrer Aufmachung auf der "Berlinale" die "Berlinackte" nannte?
Ling: Ich tanzte doch nur ein bisschen in meinem Armani-Kostüm. Die Jury hatte mich ja aus einem ganz bestimmten Grund eingeladen: Weil ich etwas Glamour in die Veranstaltung bringen sollte.
SPIEGEL: Planen Sie schon den nächsten verwegenen Schritt?
Ling: Da liegen Sie völlig falsch. Ich lebe intensiv den Moment und vertraue meinem Instinkt - diese Devise führte mich bislang immer an den richtigen Ort. Hätte ich einen Masterplan, wäre ich nie so weit gekommen. INTERVIEW: PHILIP WEGMÜLLER
Von Philip Wegmüller

DER SPIEGEL 31/2005
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