01.08.2005

SKANDALEIm Schlund

Krimineller Schund oder legendäre Avantgarde? Der Kulturkampf um den Pornofilm „Deep Throat“ ist wieder ausgebrochen - in einer neuen Dokumentation.
Vom Tellerwäscher zum Millionär, das kann angeblich jeder schaffen, zumindest in Amerika. Doch vom Friseur zum Regisseur eines schmuddeligen Millionenspiels aufsteigen, eine Prozesslawine auslösen und einen Kulturkampf, der in immer neue Runden geht - das ist bisher nur einem gelungen: Gerard Damiano, Jahrgang 1928, ein öliger Figaro aus dem New Yorker Stadtteil Queens. Viele Menschen verfluchen bis heute den Tag, an dem er Fön und Schere gegen eine Kamera tauschte.
Über Damianos Meriten als Friseur ist wenig bekannt (er lobt sich noch heute, für seine Kundinnen "wie ein Beichtvater" gewesen zu sein); als Filmemacher zumindest war Schneiden nicht seine Stärke. Auch sonst verstand er eher wenig vom Filmhandwerk, und Drehbücher schreiben konnte er erst recht nicht: "Es muss doch mehr im Leben geben als nur herumzuvögeln", lautet eine der wenigen Dialogzeilen in Damianos bekanntestem Film "Deep Throat"; ein Satz, der dann ausgiebig widerlegt wird. Denn "Deep Throat" (tiefe Kehle), Anfang 1972 in sechs Tagen für 25 000 Dollar in Florida gedreht, ist ein Pornofilm - und gilt bis heute als das profitabelste Werk der Kinogeschichte.
600 Millionen Dollar soll "Deep Throat" eingespielt haben, eine Schätzung, denn einen Großteil des Geldes kassierte die Mafia, in bar und bisweilen mit vorgehaltener Waffe. Trotz dieser nach Hollywood-Maßstäben eigentlich unschlagbaren Kombination - neben Sex, Geld und Gewalt gehören zu "Deep Throat" auch noch mindestens ein Todesfall und eine Wiederauferstehung - dauerte es mehr als 30 Jahre, bis die Filmindustrie das Phänomen "Deep Throat" als Thema entdeckte.
Jetzt zeigt der Dokumentarfilm "Inside Deep Throat" (Regie: Fenton Bailey und Randy Barbato), eine grelle, flott montierte Mischung aus Archivaufnahmen und neuen Interviews mit Zeitzeugen, wie ein albernes Rammel-Filmchen zum Politikum wurde (Start: 11. August). Bailey und Barbato dürfen als Experten auf diesem Gebiet gelten: Zu ihrem Lebenswerk gehört auch ein Film über Monica Lewinsky.
Diesmal erzählen die Regisseure unter anderem die traurige Geschichte von Linda Boreman, einer haltlosen jungen Frau auf der Suche nach ihren 15 Minuten Ruhm. Tatsächlich wurde sie eine Art Star, 30 Jahre lang, aber es war eher ein Fluch. Denn bis zu ihrem Unfalltod 2002 im Alter von 53 Jahren wurde Boreman von jener Rolle verfolgt, die sie 1972 unter dem Künstlernamen Linda Lovelace gespielt hatte, für 1200 Dollar Gage und angeblich unter Gewaltandrohung, wie sie später behauptete: eine Frau, deren Klitoris in der Kehle sitzt.
Damals tobte die sexuelle Revolution auch im Kino - im selben Jahr wie "Deep Throat" kam Bernardo Bertoluccis "Letzter Tango in Paris" heraus -, und Lovelace' Schlund wurde zur Goldgrube. Wer als fortschrittlich gelten wollte in den USA, musste zumindest glaubhaft versichern können, die Porno-Klamotte gesehen zu haben. So erinnert sich die Autorin Erica Jong ("Angst vorm Fliegen"), die wie "Playboy"-Gründer Hugh Hefner oder der Schriftsteller Norman Mailer für die Dokumentation interviewt wurde, an eine Party, "bei der alle kifften" und "Deep Throat" guckten.
Längst lief der Film nicht mehr nur in klebrigen Bahnhofskinos, sondern auch in renommierten Häusern am Times Square. Anfangs sorgte, Pardon, ausgerechnet Mundpropaganda dafür, dass in den Sälen nicht nur Männer in langen Mänteln saßen, sondern auch Paare, wissbegierige Damen im Rentenalter und sogar Jackie Onassis, verwitwete Kennedy. Spätestens als die "New York Times" über den neuen "Porn Chic" berichtete und dabei "Deep Throat" penibel analysierte - der Reporter zählte 15 sexuelle Handlungen in 62 Minuten -, war Damianos Dilettantenphantasie im Mainstream angekommen.
Doch auch das FBI und einige Staatsanwälte guckten ganz genau hin. "Deep Throat"-Kopien wurden, begleitet von großem Medienrummel, aus dem Verkehr gezogen, was die Neugier natürlich noch mehr anheizte. Von der Gratisreklame der Staatsmacht profitierte vor allem die Mafia, die die Produktionskosten vorgestreckt hatte und nun den Großteil der Erlöse direkt an den Kinos abgriff.
Vor Gericht landete allerdings zunächst der Hauptdarsteller: Harry Reems, der nach Augenzeugenberichten "schon beim Surren der Kamera eine Erektion" bekam, wurde wegen Verbreitung "obszönen Materials" verurteilt. Dass sich Prominente wie die Schauspieler Jack Nicholson und Warren Beatty mit ihm fotografieren ließen, nützte nichts: Der Prozess machte alle naiven Träume auf eine Schauspielkarriere in seriöseren Filmen zunichte.
Trotzdem ist Reems der heimliche Held der Dokumentation "Inside Deep Throat", für die er nun in Interviews Reklame macht, gegen ein großzügiges Honorar der Universal-Studios. Denn nachdem Reems in den achtziger Jahren völlig in den Suff abgestürzt war, baute er sich eine neue Existenz auf: Er wurde trocken, religiös und arbeitet heute als Immobilienmakler. Am Ende von "Inside Deep Throat" posiert er vor seiner Villa.
Einige seiner Verfolger - so zeigt es die Dokumentation - hocken dagegen immer noch in ihren Büros und räsonieren darüber, dass im Moment leider die verdammten Terroristen alle ihre Kräfte binden. Anschließend, verkünden sie, gehe der Kampf gegen den Porno-Schund weiter.
Die gute Nachricht: Gerard Damiano ist inzwischen im Ruhestand. MARTIN WOLF
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 31/2005
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