09.02.1976

Streß: Neue Krankheit des Jahrhunderts

Ein Mechanismus der Natur, ursprünglich zum Schutz des Lebens entwickelt, wurde zum Schlüsselwort für eine krank machende Fehlsteuerung im menschlichen Organismus: Streß. Die Belastungen der Industriegesellschaft machten Streß zum "medizinischen Problem ersten Ranges". Helfen Fitneß-Programme und Yoga?

Wegen der Noten", hatte der 13jährige Realschüler Freunden anvertraut, werde er "noch durchdrehen". Dann kamen die Zeugnisse. Der Junge schoß sich mit der Pistole seines Vaters in den Kopf und starb im Krankenhaus.

Als das Unglück geschah, in Schirmitz in der Oberpfalz Ende vorletzter Woche, wurde im bayrischen Landtag über die Ursache solcher Kurzschlußhandlungen debattiert. Stichwort: Schulstreß.

Bayerns Kultusminister Hans Maier, Vater von fünf Töchtern: "Der Streß ist das Virus unserer Zeit, das auch vor der Schultür nicht haltmacht." Es war wohl die erste deutsche Parlamentsdebatte über Streß. Zum Politikum war Streß schon vor drei Jahren geworden, als Westdeutschlands Fluglotsen den Luftverkehr halb lahmlegten und der Nation vor den Fernsehkameras ihr Streßleid klagten. Die Politiker fühlten mit: Auch ihr "Streß in Bonn" war, 1972, einen TV-Film wert.

Streß peinigt die Affen in den Zoos von Tokio; deswegen bekommen sie jeden Montag frei. Gestreßt fühlten sich, beispielsweise letzte Woche, der Olympionike Franz Klammer beim Start zum Abfahrtslauf am Patscherkofel ebenso wie die Crew des Supertankers "Ardshiel", die mit Kurs auf den Persischen Golf gerade um das Kap der Guten Hoffnung fuhr: noch 20 Tage Einsamkeit und Monotonie.

Streß, natürlich, waltet auch im Untergrund. "Das ist ein irrsinniger Streß, den muß man sich mal vorstellen", weiß "Bommi" Baumann, 28, seit sechs Jahren als Anarchist gesucht; erstens "der Verfolgungsstreß" und zweitens der "irrsinnige Streß", rumzurennen, "ohne eine Frau zu sehen" (so "Bommi" in seinen Memoiren "Wie alles anfing").

Und geradeso erging es dem "Bommi"-Verfolger Manfred Kittlaus, Leiter der Abteilung Staatsschutz bei der Berliner Kripo. Als er bei der Lorenz-Entführung "Tag und Nacht wie ein Computer Entscheidungen fällen mußte", stand rechts von ihm "ein großes Photo von Lorenz". Um nicht "der Streßsituation zu ei-liegen", hat der Kriminaldirektor "das Bild vor jeder Entscheidung angeguckt" -- meditative Entspannung als Ausweg aus dem Dauerstreß.

Streß also, zumindest das Wort, ist allgegenwärtig, mal als "Würze des Lebens" ("Capital"), mal als "Mörder" (Münchner "Abendzeitung"), als gute oder böse Fee, übernommen mittlerweile in fast alle Kultursprachen -- nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) "jenes Phänomen, das oft als die "neue Krankheit des Jahrhunderts" bezeichnet wird".

Vielleicht nur ein Modewort, eine Chiffre, die das allgemeine Unbehagen umschreibt? Er "gestehe", schrieb Max 3. Halhuber, ärztlicher Direktor der Rehabilitationsklinik Höhenried, daß ihm der allumfassende Gebrauch des Streßbegriffs "bis vor wenigen Jahren ... als "Mode' suspekt war. Heute denke ich anders

Heute, meint Halhuber, durch dessen Klinik am Starnberger See in den letzten acht Jahren mehr als 38 000 Infarktgefährdete und Infarktpatienten geschleust wurden, sei Streß "als gemeinsamer Nenner der Infarktrisikofaktoren" ein "gesundheitserzieherisches, medizinpsychologisches und soziologisches Problem ersten Ranges geworden, dessen praktische Bedeutung die meisten Ärzte noch nicht erkannt haben".

Im ersten Januarheft der Fachzeitschrift "Therapiewoche" rechnete der Heidelberger Physiologe und Sozialmediziner Hans Schaefer seinen Kollegen vor: Neben dem Herzinfarkt, dessen Häufigkeit "immer noch steil ansteigt", seien es vier weitere Todesursachen, die das Leben des Bundesbürgers "besonders drastisch verkürzen":

* Verkehrsunfälle -- häufig direkte Folge der Überbeanspruchung durch Streß am Lenkrad;

* Leberzirrhose durch Alkohol -- der in Mengen konsumiert wird, um die

* Szene aus Fernseh-Serie "Ein Herz und eine Seele".

Angst, die der Streß macht, aufzulösen;

* Lungenkrebs und Bronchitis -- Rauchen und Luftverschmutzung sind dabei die Stressoren.

Überdies scheint Streß die Entstehung aller Arten von Krebs zu fördern, weil Dauerstreß die körpereigene Abwehrkraft gegenüber unkontrolliertem Wachstum der Zellen deutlich schwächt. Durch den gleichen Mechanismus setzt Streß die Widerstandsfähigkeit gegen Infektionen herab. "Streß", sagt Schaefer, "ist der Inbegriff dessen, was unser Leben verkürzt."

Doch das ist nur die eine, die Schattenseite des Begriffs Streß. Und die Wissenschaftler haben zur Verwirrung beigetragen, indem sie es jahrelang zuließen, daß der Begriff so einseitig, als Sammelbegriff für die mißlichen Folgen aller möglichen Umweltreize, verwendet wurde.

In Wahrheit meint das Wort Streß -- und so wird es auch vom Begründer der Streßforschung, dem kanadischen Mediziner Hans Selye, 68, verstanen -- ein "universelles Lebensphänomen

Das Streßprinzip gilt für einzellige Pantoffeltierchen (die es unsterblich macht), für den Zitterrochen (dem es Elektrizität entlockt), für das Hausschwein und die wilde Sau. Was auf der Erde kreucht und fleucht, sich isoliert, begattet, bekämpft oder tötet, steht unter Streß. Streß ist der Motor des Lebens und der Evolution.

Ein "Phänomen", das "hilft, rettet, beflügelt, reguliert, ausgleicht, verzerrt, krank macht, unglücklich und sogar tötet" -- so schillernd umschreibt auch der Bestseller-Autor und gelernte Chemiker Frederic (früher "Friedrich") Vester in einer derzeit laufenden ZDF-Fernsehserie (sonntags. 14.45 Uhr) den Streß. Titelfragen auch des zur Serie erschienenen Streßbuchs**: "Warum ist er lebenswichtig? Wodurch ist er entartet?"

Es gäbe keine Spezies "Homo sapiens", wenn der Streß nicht wäre. Vernunftbegabte Menschen sind das Produkt einer zwei Millionen Jahre andauernden Entwicklung, bei der Streß den Affen Beine machte, sie zu Hoch- und Höchstleistungen zwang, ihre biologische Struktur so umformte, daß schließlich aufrecht gehende Jäger und Sammler die Erde bevölkerten.

"Jedermann weiß, was Streß ist -- und doch weiß es keiner", so umschreibt Selye, der Senior der Streßforschung, seinen Gegenstand. "Das Wort "Streß" bedeutet, genau wie "Erfolg", "Versagen" oder "Glück", für verschiedene Menschen Unterschiedliches."

Zu Recht, meint Selye. Denn gleichgültig, ob ein Geschäftsmann unter dem Druck seiner Kunden und seiner Angestellten stehe, ob ein Sportler zum Wettlauf um den Sieg antrete oder ein Ehemann hilflos zusehen müsse, wie seine Frau langsam an Krebs dahinsiecht -- "sie alle leiden unter Streß" (Selye).

"Wer wird schon den Schreibtisch hochstemmen?"

Die Probleme, denen sie sich konfrontiert sehen, sind unterschiedlich; doch stets reagiert ihr Organismus nach einem stereotypen Schema, mit einer Reihe von identischen biochemischen Veränderungen.

So unterschiedlich die Streßauslöser ("Stressoren") auch sein mögen, sie rufen "immer die gleiche biologische

* Ursprünglich bedeutete das englische Wort "stress nur Druck oder "Belastung" und bezog sich etwa auf die Verformung von Metallen.

** Frederic Vester: "Phänomen Streß". Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart; 376 Seiten: 29,80 Mark.

Streßantwort hervor" mit dem biologischen Ziel, den jeweiligen Organismus für eine plötzlich erhöhte Anforderung aufzurüsten.

Die Gleichförmigkeit dieser Reaktion bei allen Menschen (und bei Tieren) auf unterschiedlichste Stressoren mutet an wie ein genialer Trick der Natur, eine Art General-Alarmplan für alle nur denkbaren Bedrohungen des Organismus:

Der Schlag ins Genick, die (mit Schuldgefühlen beladene) außereheliche Beiwohnung, ein Grand ohne vieren, der Sturz ins Sprungtuch, Ritterkreuz-Verleihung oder Grippe-Anfall, Schuß ins Bein oder verschossener Elfmeter beim Europacup-Finale -- immer rollt der gleiche Streß-Countdown, bei dem auf stets dieselbe Weise die Nervenzellen körpereigene Hormone aktivieren, damit der Leib überleben möge.

Die Idee zu einer so umfassenden Auffassung von Streß kam dem gebürtigen Wiener Selye (der sich 1934 in Montreal niederließ) erstmals 1925. Damals studierte der 18jährige Arztsohn an der deutschen Universität in Prag.

In einer der "ersten Vorlesungen über Innere Medizin wurden uns mehrere Patienten im Frühstadium verschiedener Infektionskrankheiten gezeigt". erinnert sich Selye. Während der Professor sich ins Detail verlor, grübelte der Student über das Allgemeine nach: Warum fühlten sich alle Patienten, trotz ganz unterschiedlicher Leiden, miserabel? Weshalb litten sie allesamt an diffusen Beschwerden, belegten Zungen und Schmerzen in den Gelenken? Gab es vielleicht ein übergeordnetes "allgemeines Krankheitssyndrom, eine Gruppe von Zeichen und Symptomen, die gemeinsam auftreten und alle Krankheiten charakterisieren"?

Zehn Jahre später, 1935 in Montreal, kam ihm der reichlich ketzerische Einfall wieder in den Sinn. Der polyglotte Doppeldoktor -- Dr. med., Dr. phil., neun Sprachen -- versuchte damals vergebens, in den "Eierstöcken von Rindern ein neues Hormon zu finden". Er entdeckte statt dessen den Streß und seine Biochemie.

Staunend beobachtete der Forscher, daß seine Versuchstiere, meist Mäuse und Ratten, auf alle Injektionen gleich reagierten -- egal ob er ihnen Eierstock- oder Milzextrakt, Nierenzellen oder gar Gifte einspritzte. Bald kam Selye dahinter, daß auch Hunger, Lärm und Angst, zarte Schläge auf den Hinterkopf, Elektroschocks oder Rangordnungskämpfe immer dieselbe Reaktionskette zur Folge hatten.

Sie beginnt stets mit einem blitzschnellen Umschalten des Organismus in einen höheren Bereitschaftszustand; Selye nennt diese Phase die "Alarmreaktion".

Offenbar handelt es sich dabei um einen seit Jahrmillionen in allen höheren Tierarten und auch im Menschen eingebauten Verteidigungsmechanismus: Energiereserven für eine extreme Muskelleistung werden mobilisiert, eine sekundenschnelle Vorbereitung auf Flucht oder Angriff, ausgelöst durch das winzigste Zeichen von Gefahr.

Streßbuch-Autor Vester hat, am Beispiel eines vorgeschichtlichen Menschen "in freier Wildbahn", diese Alarmreaktion anschaulich beschrieben: "Versuchen wir uns vorzustellen, wie er vor seiner Feuerstelle liegt, sich von der Jagd ausruht. Plötzlich hört er ein Knacken, sieht er den Schatten eines sich nähernden Raubtieres. Ohne zu denken, reagiert jetzt sein Körper automatisch und blitzschnell mit einer momentanen Energiemobilisierung. Denn jedes Denken, jede Überlegung, wäre Zeitvergeudung ..."

Wie vom Computer gesteuert, läuft nun ab, was Selye den allgemeinen "Ruf zu den Waffen" genannt hat: In einer Region des Zwischenhirns wird Angst signalisiert und über den Sympathikusnerv schlagartig die Nebenniere aktiviert. Von dort werden die Hormone Adrenalin und Noradrenalin in den Blutkreislauf ausgeschüttet. Der Herzschlag wird beschleunigt, der Blutdruck steigt, Zucker und Fettreserven werden angezapft und in die Muskeln geschleust, "wo sie wie eine Traubenzuckerspritze wirken und sozusagen Vollgas geben" (Vester).

Über die Hirnanhangdrüse, die Hypophyse, ist inzwischen ein weiteres Hormon aus der Nebenniere abgerufen worden: Hydrocortison. Verdauungsprozesse und Sexualfunktionen werden jetzt ausgeschaltet, so daß alle Energie ungeteilt auf die Begegnung mit der Gefahr gerichtet werden kann. Rote Blutzellen überschwemmen die Arterien, um dem Körper zu mehr Sauerstoff zu verhelfen. Die Blutgerinnungsfaktoren sind erhöht, damit sich bei eventuellen Verletzungen Wunden rascher schließen. "So präpariert, kann unser Steinzeitmensch nun ohne Schwierigkeiten fliehen, seine Beute jagen und ergreifen oder in Sekundenschnelle in seine Höhle verschwinden."

Dieser biochemisch vorprogrammierte Alarmplan (siehe Graphik Seite 49) kann auch heute noch für den Menschen lebensrettend sein -- etwa wenn er sich mit einem gewaltigen Hechtsprung, für den seine Kraft normalerweise gar nicht reichen würde, vor einem herabstürzenden Balken oder einem heranrasenden Auto in Sicherheit bringt.

Doch allzuoft schießt heutzutage diese Alarmreaktion ins Leere: Alle auch noch so unterschwelligen Stressoren der modernen Industriegesellschaft, sei es der Straßenlärm oder der Ehezwist in der Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung, sei es die grünpflanzengarnierte Hierarchie im Großraumbüro oder auch nur der Fernsehkrimi -- all solche Wahrnehmungen präparieren, gemäß dem überkommenen Steinzeitprogramm, den Organismus auf Angriff oder Flucht, also auf körperliche Leistung. Vester: "Doch was tun wir? Nichts!"

Wer kommt schon, fragt der Fernsehautor, auf den Einfall, nach einer starken Streßsituation, etwa einem Familienstreit, einen Fluß zu durchschwimmen oder, von Lärm gequält, auf einen Baum zu klettern? Wer wird schon, wenn ihn sein Chef abkanzelt, mit lautem Geschrei den Schreibtisch hochstemmen? "All das tun wir nicht. Im Gegenteil Trotz der vorbereiteten Höchstleistung verharrt unser Körper meist völlig bewegungslos."

Doch die Energiemobilisierung ist nicht spurlos rückgängig zu machen. Die ungenutzten Brennstoffe werden in Cholesterin umgewandelt und in die Gefäßwände eingelagert, wo sie die Arteriosklerose beschleunigen. Verschiebungen des Hormonhaushalts führen zu Störungen im vegetativen System. Die Folge: Kreislaufbelastung, Erhöhung des Infarktrisikos. Weitere Streßfolge: Die Immunabwehr des Körpers wird herabgesetzt, die Anfälligkeit für Infektionen wächst. Klamotte und Thriller haben den gleichen Effekt.

Es gehört zu den fundamentalen Einsichten des Streßforschers Selye, daß Streß eine universelle Antwort des Körpers ist. Selye nennt ihn die "unspezifische Antwort des Organismus auf alle Anforderungen, die an ihn gestellt werden". Und er erläutert diese Definition: Während beispielsweise Schweißabsonderung die spezifische Antwort des Körpers auf zu große Hitze ist (Kühlung durch Verdunstung) oder Gänsehaut, also das Zusammenziehen der Blutgefäße und kleinen Muskeln in der Haut, die spezifische Antwort auf Kälte, fordern Hitze wie Kälte noch zusätzlich eben jene "unspezifische" Reaktion ab -- die Streßreaktion soll den Körper dazu befähigen, sich der veränderten Situation anzupassen.

Diese Anpassungsreaktion ist stets die gleiche, ob der Stressor Hitze oder Kälte heißt, Trauer oder Freude. Selye: "Was zählt, ist nur, in welchem Ausmaße dem Organismus Anpassung abverlangt wird."

Beispiel: Die Mutter, die plötzlich erfährt, daß ihr einziger Sohn gefallen ist, erleidet einen Schock. Wenn sich die Nachricht Jahre später als falsch erweist und ihr Sohn unvermutet ins Zimmer tritt, ist das ein Glücks-, also ein genau entgegengesetztes Erlebnis. Und dennoch: Die Streßwirkung der beiden Ereignisse ist biochemisch die gleiche.

Das Beispiel verdeutlicht auch, wie weit sich die Streßsituation des modernen Großstadtmenschen vom Streßmechanismus der Vorzeit entfernt hat.

Ging es ursprünglich um einen jeweils nur kurzen Alarmzustand, um eine vorübergehende Ausnahmesituation mit dann wieder folgenden Erholungs- und Entspannungsphasen, so sind Menschen heute immer mehr einem Daueralarm ausgesetzt, einem wahren Trommelfeuer von Umweltreizen. einem Zustand ständiger und immer neuer Erregung. Die Streßreize haben an Stärke und Dauer so zugenommen, daß die Anpassungsfähigkeit des menschlichen Organismus überfordert wird.

Schon bald nach Beginn seiner Experimente mit Ratten und Mäusen hatte Streßforscher Selye festgestellt, daß die "Alarmreaktion" noch nicht den ganzen Streßmechanismus ausmacht.

Ihr folgt eine "Phase der Anpassung": Bei Andauern des Streßreizes kommt es zu einer deutlichen Zunahme des Widerstands gegen die Belastung. Und dem folgt schließlich noch eine dritte Phase: Läßt der Streß nach, erholt sich der Organismus wieder. Dauert er jedoch fort und wirkt der Streßreiz schwerwiegend genug, kommt es zu einer "Phase der Erschöpfung" -- mitunter sogar zum Tode.

Der Tod durch Erschöpfung ist in diesem Fall nicht zurückzuführen auf das Versiegen von Energiereserven; vielmehr ist einfach die Grenze der Anpassungsfähigkeit des Organismus überschritten.

inzwischen haben Psychologen für verschiedene Stressoren eine Punkteskala (siehe Graphik) und haben Biochemiker sogar eine Art Meßeinheit für den Grad der Streßbelastung des Organismus entwickelt.

Anzeiger für die Intensität eines durchlebten Streß ist die jeweils meßbare Konzentration von Adrenalin und Noradrenalin, den beiden vom Nebennierenmark ausgeschütteten Hormonen, im Blut oder Harn.

Durch Mengenbestimmungen dieser beiden Hormone, die zur Wirkstoffklasse der sogenannten Katecholamine gehören, konnten zum Beispiel die Forscher des schwedischen "Laboratoriums für Klinische Streßforschung" Selyes theoretischen Ansatz weithin experimentell bestätigen.

So analysierte Lennart Levi, Leiter des Instituts, bei 20 jungen Damen jeweils vor, während und nach einem Filmabend die Hormonkonzentration. "Charleys Tante", die alte Klamotte mit Heinz Rühmann, und der Thriller "Maske des Satans" hatten den gleichen Effekt, nämlich einen deutlichen Anstieg der Katecholamine.

Ähnliche Hormonwerte freilich wurden auch gemessen nach Einwirkung von Hitze (28 Grad), Lärm (90 Dezibel, vergleichbar einer verkehrsreichen Kreuzung) und milden Elektroschocks. Lust oder Angst, Liebe oder Leid, für den Streßmechanismus ist es einerlei. Selye: "Ein schmerzhafter Schlag oder ein leidenschaftlicher Kuß können den gleichen Streß bedeuten."

Ähnlich dialektisch steht es mit Arbeit und Müßiggang, Gemeinschaft und Isolation. Wie Karl Marx, der die Arbeit im "Kapital" zur "ewigen Naturnotwendigkeit" erklärt bat, deklarieren auch die Streßforscher Arbeit zur "biologischen Notwendigkeit" (Selye). Entgegen weitverbreiteter Ansicht sei "Arbeit an sich" kein krankmachender Streß.

Streß jedoch zeigte sich bei Arbeitern, denen zuviel abverlangt wurde -- aber auch zum Beispiel bei schwedischen Sägewerksarbeitern, die unter der Reizarmut, der Monotonie ("stimulus under bad") ihres Jobs litten. Der Anblick des Siegers -- ein tödlicher Streß.

Unfreiwillige Arbeitslosigkeit jedenfalls ist Streß par excellence, weil der wirkliche oder auch nur eingebildete Verlust der sozialen Nützlichkeit dem Leben seinen Sinn zu rauben scheint. Auch viele Beamte, die an der Altersgrenze gesund aus dem Dienst scheiden, kränkeln dann und sterben, weit vor der Zeit, den "Pensionierungstod".

Jede Art von Frustration ist Streß, vor allem dann, wenn sie lange anhält und durch irgendeine Hierarchie abgesichert wird. Nicht wer oben ist, in der Chefetage, wird vom Streß gebeutelt, sondern vor allem der Möchtegern-Aufsteiger. Er bezahlt seinen Ehrgeiz mit häufig unbewußter Angst und einer Überdosis Katecholamine.

Besonders bedrohlich wirkt Hierarchie dann, wenn sie, anders als auf dem Hühnerhof, nicht durch eine schlichte Hackordnung stabilisiert wird, sondern durch wechselnde "Rollen" ständig neue Anforderungen stellt: braver Untergebener im Büro, starker Vater zu Haus, fröhlicher Stammtischbruder, rabiater Autofahrer. "Jeder Zweifel an der Rangordnung", schreibt dazu Frederic Vester, "setzt sich je nach Typ in Aggression, in Depression, in Angst, Flucht oder gar Verzweiflung um."

Verschlimmert wird jeder Streß zudem durch "Dichte": Je näher ein Affe dem anderen auf den Pelz rückt, desto mehr Katecholamine scheiden beide aus.

Daß der soziale Dichtestreß meßbare körperliche Veränderungen und sogar den Tod hervorrufen kann, wurde in den letzten Jahren vor allem von dem Münchner Zoologen Dietrich von Holst bei einer besonderen Art von Baumspitzhörnchen, den Tupajas, nachgewiesen. Die (normalerweise in Südostasien lebenden) eichhörnchengroßen Tupajas erwiesen sich als ideale Beobachtungsobjekte für Streßexperimente: Bei jedem Streß, und zwar immer gerade so lange, wie die Belastung anhält, sträuben sich ihnen die Haare am Schwanz -- eine Art natürlicher Zeigerausschlag zur Streßmessung.

Geraten zwei männliche Tupajas um Bau und Braut in einen Kampf, so bleibt der Verlierer, nach den Beobachtungen des Münchner Zoologen, "bei Anwesenheit des Siegers ausdauernd erregt". Ängstlich sträubt sich dem Unterlegenen das Fell. Er "verliert an Körpergewicht und stirbt innerhalb kurzer Zeit".

Nicht minder bedrohlich ist der soziopsychische Mechanismus der Isolation. Jeder erzwungene Mangel an Kommunikation und Sinnesreizen führt sogar dann zu streßbedingten Leiden. wenn er durch behagliche Temperatur und schmackhafte Nahrung gelindert wird. Das gilt, weil der Streßmechanismus ein universelles biologisches Prinzip ist, für Ratten wie Rentner und Rechtsbrecher in gleicher Weise.

Gleichförmig reagieren Mensch und Tier auch auf lede Art von Lärm: Er versetzt sie in einen bewußten oder unbewußten Alarmzustand**. Der Katecholamin-Spiegel steigt. Da aber, anders als in der freien Wildbahn, Geräusche der Zivilisation nur selten vor unmittelbarer Gefahr warnen, streßt der Fehlalarm die Organe völlig umsonst. Zudem gibt es an Lärm keine Gewöhnung und vor Schallwellen keinen körpereigenen Schutz. Die gleichsam lidlosen, also ungeschützten Ohren registrieren Lärmstreß und rund um die Uhr, auch im Schlaf. Die Angst vor dem Schock streßt stärker als der Schock.

Als besonders üble Kombination der Stressoren Hetze, Angst, Isolation und Lärm gilt den Forschern das Autofahren. Aufzeichnungen der Herzstromkurven gesunder Fahrzeuglenker bestätigen den schlimmen Verdacht: Stets ist der Puls beschleunigt. der Blutdruck erhöht, die Sauerstoffversorgung des hohlen Muskels gemindert. Berufskraftfahrer werden deshalb bevorzugt Opfer eines Herzinfarkts.

Er trifft aber auch berühmte Dirigenten, deren Herz dem Streß der "Erwartungsangst" nicht standhält: "Unmittelbar bevor man anfängt, ist der Streß am intensivsten". behauptet Herbert von Karajan. Der Maestro kannte zwei Kollegen, die unter diesem Streß in der gleichen Pause vor dem dritten Akt des "Tristan" zusammenbrachen.

Weniger spektakulär stirbt man montags früh, zur hohen Zeit des Infarkts, im Büro und in der Fabrik. Wer am Fließband Arbeit hat, der lebt, im Durchschnitt, 15 Jahre weniger als ein Pfarrer.

Was aber das Streßphänomen so unheimlich, so ungreifbar macht, ist die Tatsache, daß jeder Mensch in individueller Weise auf die verschiedenen Stressoren reagiert:

* Beat ist dem Beatle Wohlklang und kein Streß (jedenfalls kein unmittelbarer; Hörschäden auf längere Sicht sind dann doch wieder Streßfolgen).

* Während der Hundebesitzer sich beim Abendspaziergang am Gebell seines "Hannibal" erfreut, fühlt sich der Nachbar davon lärmbelästigt und gestreßt.

* "Während der Sprengmeister mit Befriedigung die Detonation im Felsen hört -- für ihn heißt das: Die Sprengung hat funktioniert" (Vester), ruft das dumpfe Grollen bei einem Spaziergänger vielleicht Kriegserinnerungen und damit Furcht oder Angst wach, erst Stunden später beruhigt sich sein Kreislauf.

Aber nicht nur die Empfindsamkeit des einzelnen gegenüber Stressoren ist unterschiedlich -- mindestens ebenso große Differenzen zeigen sich auch in der Art, wie der Organismus reagiert.

Die Forscher sprechen in diesem Zusammenhang geradezu von zwei Grundstreßtypen. Die Unterscheidung hängt zusammen mit der Grundstruktur des unbewußten, "vegetativen" Nervensystems beim Menschen. Dieses feingesponnene Geflecht steuert die automatisch" ablaufenden Lebensprozesse wie Herzschlag, Verdauung oder Atmung und ist dem Willen nicht unterworfen.

Sein Eigenleben reguliert das vegetative System vielmehr durch die sinnvolle Balance von "Sympathikus" und "Vagus". Die beiden Nervenstränge stimulieren jeweils gegensätzliche Aktivitäten: Der "Sympathikus" speist Aktivität, Flucht und Angriff, der "Vagus" Ruhe und Erholung.

Vorwiegend "sympathikoton" gesteuerte Zeitgenossen -- Prototyp: Bundeskanzler Helmut Schmidt -- bekommen bei zuviel Streß rasch Herz-Kreislauf-Beschwerden oder gar, wie Schmidt, eine Überfunktion der Schilddrüse. "Vagotoniker" dagegen -- Prototyp: Ex-Kanzler Willy Brandt -- reagieren mit Ermattung und Depression, mit Gastritis oder gar Magengeschwüren. Als widerstandsfähig gegenüber Streß erweisen sich nur die Menschen, bei denen Sympathikus und Vagus das ursprüngliche Gleichgewicht halten, komme was wolle. Konrad Adenauer war so einer.

Noch ist, bei aller Gleichförmigkeit der biochemischen Reaktionsmuster, das "Schicksalhafte der leiblichen Reaktion" (so der Heidelberger Streßforscher Schaefer) für den einzelnen im Ungewissen. Ob es den Magen oder den Darm trifft, ob Schilddrüse oder Herz und Kreislaufsystem geschädigt werden -- die "Organwahl" (Schaefer) des krankmachenden Streß bleibt trotz aller Forschung häufig rätselhaft.

Daß Streß wirklich zu schweren Organleiden führen und mitunter sogar als direkter Todbringer wirken kann, ist mittlerweile zweifelsfrei. Jeweils zwei Fälle beispielsweise sind aus der Höhenrieder Klinik überliefert, bei denen Infarktpatienten entweder beim schuldgefühlbeladenen Beischlaf mit dem Kurschatten oder beim Betrachten

* Auf einem Plakat der "Roten Armee Fraktion". ** Die Worte "Lärm" und "Alarm" haben die gleiche Wurzel. Sie leiten sich her von dem römischen Kriegsruf "ad arma!" = "zu den Waffen!"

eines Fußballspiels am Fernsehschirm starben.

Und in geradezu klassischen Tierversuchen wurde mittlerweile auch die organschädigende Wirkung psychischer Streßfaktoren bestätigt.

In einem Experiment wurden Ratten mit unregelmäßigen Stromstößen gestreßt: Eine Gruppe der Versuchstiere blieb dabei ungewarnt. die andere wurde, durch das Aufleuchten eines Lämpchens vor jedem Stromstoß, vorgewarnt. Ergebnis: Beide Versuchsgruppen zeigten nach dem Experiment Magengeschwüre (im Gegensatz zu einer Kontrollgruppe von ungestreßten Tieren). Aber vermehrt (im Durchschnitt sechsmal so häufig) traten die Magengeschwüre bei den nicht vorgewarnten Ratten auf -- sie hatten in ständiger Erwartungsangst vor dem elektrischen Schock gelebt.

Verhältnismäßig milde wiederum waren die Organschädigungen in einem anderen Experiment bei Ratten, die mit Hilfe eines Laufrades die Stromstöße jeweils hatten beenden oder hinausschieben können: Sie konnten ihren Streß sozusagen selber steuern.

Nicht zuletzt an solche Versuchsergebnisse knüpfen die Forscher die Hoffnung, daß sich auch beim Menschen Streß und Streßfolgen therapeutisch angehen lassen.

"Alle gestreßt, aber noch nicht desolat."

"Es gibt kein Patentrezept", schränkt der Höhenrieder Klinikchef Halhuber ein, "keine umfassende Therapie, gleich gut für jeden." Die falsche Antwort auf Streßfolgen wie Schlaflosigkeit, Erschöpfung oder Impotenz sei sicher jene, die von Ärzten derzeit am häufigsten gegeben wird: Valium, Librium, Dogmatil oder wie sonst die pharmazeutischen Zudecker und Aufputscher heißen mögen.

Mit einem Dreifach-Programm versuchen demgegenüber moderne Rehabilitationskliniken und Antistreß-Zentren den Gefährdeten und den Geschädigten bei der Bewältigung ihres Problems zu helfen:

* Abbau und Vermeidung von Streß in der Umwelt des Patienten; dabei genüge es nicht, meint Halhuber, etwa den vordergründigen Stressor Zigarette zu entfernen, man müsse auch fragen: "Warum raucht er? Welche Belastung steckt dahinter?"

* Unterbrechung des sich aufschaukelnden Daueralarms -- entweder durch Verhaltenstherapie, etwa um die Angst- und Unterlegenheitsgefühle gegenüber dem Chef abzubauen, oder auch durch autogenes Training und Yoga.

* Neutralisierung der durch Streß angestauten Energien, vor allem durch körperliche Bewegung, aber auch durch Antistressoren wie Kreativität, Zuwendung und Zärtlichkeit,

Kein Wunder, daß Antistreß-Programme aller Art zu einem der gängigsten Marktartikel geworden sind, ob nun in der volksnahen Form der Trimm-dich-Kampagne oder in der exklusiveren Variante, wie sie jeder bessere Kurort nun anbietet.

"Wer langläuft, lebt länger", künden die Wintersportplätze, Meerwasserschwimmbäder empfehlen sich zur Streßprophylaxe. Und wenn es ganz fein kommt, nennt es sich "Psychophysisches Fitneßtraining", so bei dem Diplom-Sportlehrer und ehemaligen Eisschnelläufer und Weltrekordler Günter Traub, der seine Klientel, von Niki Lauda bis Siegfried Unseld, von Dunja Rajter bis Niki de Saint Phalle, in St. Moritz versammelt. Traub: "Alle gestreßt, aber noch nicht desolat."

Traub setzt, wie fast alle derartigen Antistreß-Zentren, außer Bewegungstherapie, Spezialdiät und Vibrationsmassage auch noch die mehr psychischen Antistreßhilfen ein: Yoga und autogenes Training.

Mit dem Hinweis, daß dazu keineswegs das ganze Abrakadabra der "Transzendentalen Meditation" oder anderer fernöstlicher Guru-Riten nötig sei, hat der amerikanische Physiologe Herbert Benson in den USA gerade einen Bestseller-Erfolg erzielt: Es genügt schon, sagt Benson, wenn man sich schlaff auf einen Stuhl setzt und irgendein emotionsfreies Wort vor sich hinspreche, Beispiel: "One, one, one ..."

Der Effekt, nach welchem Versenkungsrezept auch immer, ist stets derselbe: Der Puls sinkt, ebenso der Sauerstoffverbrauch, die Intensität der Alphawellen im Gehirn nimmt zu. Eine neuere Variante zur bewußten Beeinflussung von Körpervorgängen wie Blutdruck, Puls und Darmbewegung ist in Amerika mittlerweile mannigfach erprobt worden: das sogenannte Bio-Training ("Biofeedback"). So gelang es beispielsweise Herzpatienten, etwa im Herzforschungszentrum Baltimore, ihre Pulsfrequenz um 20 Prozent nach oben oder unten zu steuern und so einer Verkrampfung des Herzmuskels zu begegnen.

Doch Kulturpessimisten haben unterdessen schon die Frage aufgeworfen, ob durch all solche Maßnahmen, vom Biofeedback bis zum Fitneß-Training, das Streßschicksal der Menschheit wirklich noch zu wenden sei. Denn die einst so sinnvolle Alarmreaktion des Organismus taugt offenbar immer weniger für die modernen Zeiten.

Da er aber angeboren ist und auf dem Erbweg unkorrigierbar weitergegeben wird, steuert der Dreitakt Alarm -- Widerstand -- Tod möglicherweise die ganze Menschheit an den Abgrund: Gestreßte Menschen leben kürzer, sind häufiger krank, bringen weniger Nachkommen hervor, können die potentiellen Fähigkeiten ihres Gehirns nicht sinnvoll nutzen.

Ein gezielter Konterschlag der Natur? Manche Wissenschaftler spekulieren schon in diese Richtung.

Wie die gestreßten Lemminge sich in Massen ins Meer stürzen, wie der Dinosaurier an seiner eigenen schieren Größe einging und wie schon 475 Tierarten durch die Aggression des Zweibeiners Mensch umkamen -- so könnte auch das Menschengeschlecht am Ende durch ein Übermaß an selbstfabriziertem Streß zugrunde gehen: einprogrammierte Revanche des Biosystems Erde.


DER SPIEGEL 7/1976
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