09.02.1976

Chruschtschow: Sie haben mich bespuckt!

Protokolle des Bruchs zwischen der Sowjet-Union und Albanien

Zum 30. Gründungstag der Volksrepublik Albanien am 11. Januar sprach Moskau die Albaner wieder als "Brudervolk" an -- obwohl Albanien unter Parteichef Enver Hodscha 1960 mit Moskau gebrochen hat, aus dem Warschauer Pakt ausgetreten ist und auf der Seite Chinas steht. Die UdSSR bot jetzt "Wiederherstellung der Freundschaft und Zusammenarbeit" an -- Hodscha dagegen ließ vor kurzem die Protokolle der letzten Verhandlungen mit dem Kreml im Jahre 1980 publizieren. Sie bieten einen seltenen Einblick in den Umgang von KP-Führern untereinander und die Umstände, wie Moskau einen Verbündeten verlor -- und einen U-Boot-Stützpunkt im Mittelmeer.

Telegramm Hodschas aus Tirana an seinen Premier Mehmet Shehu (in New York) vom 4. Oktober 1960: Genosse Mehmet,

die Tagung in Moskau* begann am Samstag. Suslowchen hat sie eröffnet. Zugegen waren Koslowchen, Andropowchen, Muchitdinowchen und Pospelowchen** und andere. Kälte und Eis. Teng Hsiao-ping wird vor Hysni*** sprechen, der voraussichtlich Donnerstag oder Freitag reden soll. Die (sowjetische) Erklärung ist faul, revisionistisch, eine flaue Wiederholung und ein Auswalzen der Fragen, um das Gift zu versprühen, das wir schlucken sollen, unterwegs wurde etwas Puderzucker darüber gestreut, damit das Gift süß schmeckt. Man hat einige "Finten" eingebaut, angeblich Rückzüge, die uns aber keineswegs befriedigen.

Hysni schrieb mir, daß er mir die Eröffnungsansprache schicken wird, damit ich sie durchlese. Das Eisen muß geschmiedet werden, solange es heiß ist, denn wenn nun der Zirkusclown (Chruschtschow) entwischt, macht er tausend Kunststückchen, und in 10 bis 15 Jahren kann er Schreckliches anstellen.

* Zur Vorbereitung einer Gipfelkonferenz.

** Sowjetfunktionäre Suslow, Andropow, Muchitdinow, Pospelow.

*** Albaniens Delegierter. Teng Haiao-ping war Chinas Delegierter und ist heute de facto Regierungschef in Peking.

**** Ostblock-Gipfel im Juni 1960.

***** Deckname von Enver Hodscha.

Hysni schrieb mir, daß Koslowchen ihn gestern zum Mittagessen eingeladen hatte, doch Hysni dankte und ging nicht hin. Angesichts dessen, was er (Koslow) uns angetan hat, kam das sehr gelegen, er soll wissen, mit wem er es zu tun hat.

Aus sicheren Quellen erfuhren wir, daß die Bukarester Beratung**** hinter dem Rücken unserer Partei und der Kommunistischen Partei Chinas vorbereitet worden war. Chruschtschow hatte alle seine Kinderchen informiert, mit ihnen diskutiert und ihre Zustimmung dazu eingeholt, wie die Fragen in Bukarest aufgeworfen werden sollten, was besprochen und wie es beschlossen werden sollte. Das ist offen keine Fraktion, sondern schon eine Verschwörung. Hierauf liefen die Bemühungen von (Sowjetbotschafter) Iwanow mit (dem Moskau-treuen Albaner) KO9O Tashko hinaus, als sie darauf bestanden, ich solle in Urlaub fahren: Sie wollten mich bloßstellen und in den Schlamm zerren. Aber sie können uns ...

Ich umarme Dich, und wir erwarten Dich bald.

Shpati*****

Brief Hodschas an seinen Delegierten Hysni Kapo in Moskau: 7. Oktober 1960. 24 Uhr

Meiner Meinung nach wollen die Sowjets die Dinge abschließen, auf ihren Mist einen Deckel setzen. weil es vorläufig nicht in ihrem Interesse ist, die Widersprüche zu vertiefen. Sie sind bereit, einige Zugeständnisse zu machen, nur damit sie über den Fluß kommen, ohne naß zu werden: Sie werden die geforderten Korrekturen machen, in dieser oder jener Form, und sagen, "wozu Debatten und Diskussionen", "wir sind einverstanden", "geht schön nach Hause!"

Vielleicht irre ich mich in der Einschätzung des Manövers, das die Sowjets vornehmen könnten. Ich sagte es schon anfangs, ich habe das Material nur überflogen. Deine Rede nimmt aber den Sowjets diese Möglichkeit, denn daraus geht klar hervor, daß wir noch Rechnungen zu begleichen haben. Unsere Reden können anfangs wie ein "Präludium" klingen, müssen dann aber hervorbrechen wie Beethovens Symphonien; wir sind nicht für "Serenaden und Nocturnes".

"Die Deutschen führten faule Ausreden an."

Die Genossen sind zum prijom* bei den Deutschen** gegangen, ich nicht, da ich den Brief geschrieben habe, damit ich ihn morgen mit dem Flugzeug mitschicken kann. Ich bin auch deshalb nicht zum Empfang zu ihnen gegangen, um ihnen zu verstehen zu geben, daß es uns nicht gefallen hat, daß ihre Delegation den offiziellen Besuch nicht erwiderte, obwohl sie den Zeitpunkt und die Zusammensetzung bestimmt hatten. Sie führten faule Ausreden an, der Grund ist aber der, den wir kennen und wofür Ihr dort kämpft.

Ich umarme Dich mit Sehnsucht, Enver

Gespräch Hodschas mit ZK-Funktionär Andropow*** in Moskau am 8. November 1960:

HODSCHA: Heute benachrichtigte man mich, daß Chruschtschow den Wunsch geäußert hat, sich morgen um 11 Uhr mit mir zu treffen. ich hatte beschlossen, der Aufforderung nachzukommen, doch heute habe ich das sowjetische Material gelesen, in dem Albanien nicht als sozialistisches Land aufgeführt ist.

ANDROPOW: Was für Material ist das, ich verstehe Sie nicht, zeigen Sie mir konkret, welches Material Sie meinen, wo steht das?

HODSCHA: Es ist das Material, das die Kommunistische Partei der Sowjet-

* Russisch im Original: "Empfang". ** DDR-Botschaft in Tirana. *** Heute KGB-Chef und Politbüro-Mitglied.

Union der Kommunistischen Partei Chinas sandte.

ANDROPOW: Was hat das damit zu tun, das ist ein Brief an China, was hat China mit Albanien zu tun?

HODSCHA: Das hat mein Treffen mit Chruschtschow unmöglich gemacht.

ANDROPOW: Ich verstehe nicht, was steht in diesem Material über Sie? "Ein Sowjetadmiral, der die Gewohnheit hatte zu trinken."

HODSCHA: Lesen Sie es, und Sie werden es sehen.

ANDROPOW: Ich habe das Material gelesen und kenne es sehr gut, weil ich an seiner Ausarbeitung selbst beteiligt war. Aber Ihre Erklärung, Genosse Enver, ist eine sehr ernste Erklärung.

HODSCHA: Ja, ernst. Sagen Sie Chruschtschow, ob Albanien ein sozialistisches Land ist oder nicht, entscheidet nicht Chruschtschow, das hat das albanische Volk selbst mit seinen Kämpfen, mit seinem Blut entschieden. Das hat die Partei der Arbeit Albaniens entschieden, die auf dem marxistisch-leninistischen Weg schritt und stets auf ihm schreiten wird.

ANDROPOW: Ich verstehe Sie nicht, Genosse Enver, das ist doch Material für China, was hat das mit Albanien zu tun?

HODSCHA: Ich spreche von meinem Vaterland, von meinem Volk, von meinem Land.

ANDROPOW: Das ist eine sehr ernste Erklärung, ich kann darüber nur mein Bedauern äußern.

HODSCHA: Wir werden die Beratung der Parteien abhalten, dort wird unsere Partei ihre Ansicht äußern. So, nun auf Wiedersehen!

Unterredung der albanischen KP-Delegation mit den Vertretern der KPdSU Mikojan, Koslow. Suslow, Pospelow, Andropow in Moskau am 10. November 1960:

Als erster ergriff A. Mikojan das Wort, der sein "Bedauern" über die zwischen der Kommunistischen Partei der Sowjet-Union und der Partei der Arbeit Albaniens entstandene Meinungsverschiedenheit äußerte und unserer Partei vorwarf, sie sei angeblich an den Meinungsverschiedenheiten schuld, denn sie "hege" gegenüber der KPdSU "nicht mehr das gleiche Vertrauen wie früher ..."; unsere Offiziere auf dem Seestützpunkt in Vlora würden sich jetzt völlig anders zu den sowjetischen Offizieren verhalten, "wollt ihr vielleicht aus dem Warschauer Pakt hinaus? ... -- "Sagt uns", fuhr er fort, "was unsere Fehler sind, wir werden es euch nicht übelnehmen. Wir nehmen es euch übel, wenn ihr hinter unserem Rücken sprecht."

HODSCHA: Einige eurer Matrosen haben unsere Matrosen geschlagen. Es gab einen Zwischenfall zwischen einem unserer Marineoffiziere und einem aus Sewastopol zur Inspektion gekommenen sowjetischen Konteradmiral, der die Gewohnheit hatte zu trinken. Er hatte sich an einen unserer Offiziere gewandt und von ihm verlangt zu berichten, was auf dem Plenum des Zentralkomitees beschlossen worden war, denn, so sagte er: "Ich muß in Sewastopol darüber Vortrag halten, man wird mich dort fragen." Unser Offizier nahm seine Mütze und ging, um den Vorfall seinem Kommandeur zu berichten.

Bei unserem Stab ist ein sowjetischer Konteradmiral, wir wissen nicht, was er ist, aber ein Konteradmiral ist er nicht. Er sagte: "Die Unterseeboote können euch nicht übergeben werden, weil ihr dazu nicht ausgebildet seid." Unser Verteidigungsministerium richtete einen Brief an (den sowjetischen Marine-Chef) Gorschkow und erklärte die Sache kameradschaftlich.

MIKOJAN: Was ist dann der Grund?

HODSCHA: Das müssen Sie uns sagen. ... Kommen wir jetzt zur Frage des Austritts aus dem Warschauer Vertrag, da ihr am Anfang davon gesprochen habt ...

MIKOJAN: Nein, aber der Eindruck entsteht.

HODSCHA: Wißt ihr, daß man uns mit dem Ausschluß aus dem Warschauer Vertrag gedroht hat? Das hat Gretschko* getan.

MIKOJAN: Wir wissen nichts, sagt es uns.

HODSCHA: Eure zwei Marschälle Malinowski und Gretschko haben es gesagt, ihr müßt es wissen.

MIKOJAN: Ihr werdet es vielleicht nicht glauben, ich weiß aber nichts davon.

HODSCHA: Euer Botschafter hat sich niederträchtig benommen. Wir hatten ihn gern. Nach seiner Rückkehr aus Moskau aber begann er, uns anzugreifen, und er behandelt uns mit Verachtung.

MIKOJAN: Ich habe niemals gedacht, daß er so weit gehen würde.

HODSCHA: Mir können Sie nicht glauben, aber Ihren Tschinowniks** glauben Sie.

MIKOJAN: Unser Botschafter hat uns über Sie nichts Schlechtes berichtet. Als Mensch ist er korrekt.

SUSLOW***: Nicht sehr klug, besonders politisch. "Wir hatten nur noch für 15 Tage Brot."

MIKOJAN: Sagt uns, was wir tun sollen, um unsere Beziehungen zu regeln. Den Botschafter werden wir auswechseln.

HODSCHA: Nachdem ihm der Erste Sekretär des Zentralkomitees der Partei so viel gesagt hatte, hätte er nach Hause gehen und sich schlafen legen müssen. Wenn aber euer Botschafter losgeht und sich den einen oder anderen greift, so sind er und Genossen keine Diplomaten und nicht Vertreter eines sozialistischen Landes, sondern Auskundschafter.

Die Angestellten der (Sowjet-)Botschaft haben sich an den Vorsitzenden der Revisionskommission herangemacht und ihn auf zw& Treffen bearbeitet, das dritte Mal dann luden sie ihn zum Mittagessen ein. Dort waren sie zu dritt -- der Botschafter, der Botschaftsrat und der Sekretär. Und dort stellte sich unser Genosse gegen die Parteilinie.

Wir denken, daß man damit bezweckte, in unserer Partei Diversion hervorzurufen. Ihr Botschafter ging noch weiter. Auf dem Flughafen sagte er zu unseren Generälen: "Mit wem wird die Armee sein?"

* Oberbefehlshaber des Warschauer Pakts, heute Verteidigungsminister der UdSSR und Politbüro-Mitglied.

** Russisch im Original: Bürokratische Beamte. *** Heute Chefideologe der KPdSU und Politbüro-Mitglied.

MIKOJAN, KOSLOW: Er ist dumm.

HODSCHA: Solche "Rechtfertigungen" können wir nicht schlucken, obwohl wir nicht eure Erfahrung haben. Iwanow hat so gehandelt, Gretschko ebenfalls, Chruschtschow hat Teng Hsiao-ping Gemeinheiten über Albanien gesagt, aber Sie geben nichts zu. Wir sind jedoch euch gegenüber immer aufrichtig gewesen. Auch Kossygin hat sich bei einem Gespräch mit mir nicht gut benommen. Er verhielt sich mir gegenüber, als wäre er der Herr. Er sagte: "In eurer Partei gibt es Feinde, die uns spalten wollen."

In diesem Jahr stand es bei uns infolge der sehr schweren Witterungsbedingungen schlecht ums Brot. Wir hatten nur noch für 15 Tage Brot. Wir erbaten von euch 50 000 Tonnen Getreide, 45 Tage warteten wir auf Antwort, erhielten aber keine. Wir kauften in Frankreich gegen Devisen . . . Ihr habt uns Bedingungen gestellt, und wir mußten euch Gold anbieten, um das erforderliche Getreide zu kaufen.

PREMIER SHEHU: Wie können Sie sich unserem Land gegenüber so verhalten? Sie sollten sich schämen, Genosse Koslow, daß Sie sich erlaubten, dem kleinen Albanien das Ultimatum zu stellen: "Entweder mit uns oder mit China."!

HODSCHA: Wie wir, so müßt auch ihr für die Einheit des sozialistischen Lagers sein, für eine Milliarde Menschen. Wir lieben die Sowjet-Union, aber auch das chinesische Volk, auch die KP Chinas lieben wir sehr. Weshalb aber sprechen Sie, Genosse Koslow, vom "Zickzack" unserer

Partei, mit wem wir seien, "mit den 200 oder mit den 600 Millionen"? Auch auf dem Treffen, an dem andere Botschafter teilnahmen, sagten Sie, daß eine Bombe genüge, um Albanien in Schutt und Asche zu legen ...

"Wir mögen schlechte Menschen sein, dumm aber sind wir nicht."

HYSNI KAPO: Ihr sagt, wir würden angeblich hinter eurem Rücken reden. Chruschtschow hat aber am 22. Oktober zu dem Genossen Teng Hsiaoping gesagt, von nun an würde er sich zu Albanien wie zu Jugoslawien verhalten.

ANDROPOW: Die Sache war folgendermaßen: Im Gespräch mit den chinesischen Genossen sagte Genosse Chruschtschow, einige albanische Führer wären nicht zufrieden, weil die Berlin-Frage noch nicht geregelt ist. HODSCHA: Nach Chruschtschows Rückkehr von Paris fragte mich Iwanow zur Berlin-Frage. Ich antwortete: Meiner persönlichen Ansicht nach ist der Imperialismus erschüttert, unsere Positionen sind stark, in Amerika ist eine günstige politische Lage entstanden, die zur Lösung der Berlin-Frage ausgenützt werden könnte. Das war meine persönliche Ansicht.

MIKOJAN: Daran ist nichts Schlechtes, nicht aber so wie es mancher getan hat, der uns beleidigte, und zu unserem Offizieren sagte, in Berlin seid ihr zurückgeschreckt, habt euer Wort nicht gehalten und so weiter ...

ANDROPOW: Chruschtschow sagte: Wir hatten mit den Albanern gute Beziehungen, wie aber die Dinge stehen, können wir euch nicht vertrauen, wir haben Albanien verloren.

MIKOJAN: Wir mögen vielleicht schlechte Menschen sein, dumm aber sind wir nicht. Wozu brauchen wir eine Verschlechterung der Beziehungen?

HODSCHA: Nach dem, was Iwanow und Genossen tun, habe ich mich mit euren Leuten in Tirana nicht mehr getroffen, und ich werde mich mit ihnen auch nicht mehr treffen.

MIKOJAN: Eure Kader haben die Haltung uns gegenüber geändert. Das Zentralkomitee unserer Partei wird nicht erwähnt, Chruschtschow wird nur erwähnt, um zu sagen, daß er nicht richtig handelt.

HODSCHA: Ich muß euch freundschaftlich sagen, daß Chruschtschow uns oft vorgeworfen hat, "hitzköpfig" zu sein. Aber Chruschtschow selbst muß seine Worte kontrollieren, weil jeder Staat, jeder Mensch seine Würde hat. Er hat gesagt, wir werden Albanien wie Jugoslawien behandeln. Solche Dinge dürft ihr nicht in Dokumente schreiben.

Wir verlangen von den Genossen der Führung der KPdSU, daß sie vorsichtiger sind. Denn an über 80 Parteien ein Dokument zu verteilen, in dem Albanien nicht zu den sozialistischen Ländern gerechnet wird, und uns dann aufzufordern: "Kommt, wir wollen miteinander sprechen", das ist für uns vollkommen unannehmbar.

SUSLOW, MIKOJAN: Wir wollen uns treffen, um uns darüber zu unterhalten, wie wir unsere Beziehungen verbessern können.

HODSCHA: Auch wir wünschen, daß sich unsere Beziehungen verbessern.

SUSLOW: Aber nicht in einem solchen Ton.

Gespräch der albanischen Delegation mit Chruschtschow im Moskauer Kreml am 12. November 1960:

CHRUSCHTSCHOW: Sie können zu sprechen beginnen, wir hören zu.

HODSCHA: Sie haben uns eingeladen, der Hausherr spricht zuerst.

CHRUSCHTSCHOW: Ich kann nicht verstehen, was nach meinem Besuch in Albanien im Jahr 1959 geschehen ist! Solltet ihr auch damals mit uns unzufrieden gewesen sein, so muß ich stumpfsinnig und sehr einfältig sein, daß ich es nicht gemerkt habe. Wir haben uns damals nur Gutes gesagt, wenn wir von einzelnen Scherzen absehen, wie dem mit Genossen Mehmet Shehu über die Pappeln.* In welchem Ton

* "Die einzige Bemerkung, die Chruschtschow während seines Besuches in Albanien im Mai 1959 zu machen wußte, war, daß die unsere Fahrstraßen säumenden Pappeln durch Feigen- und Pflaumenbäume ersetzt werden sollten!" (Albanische Erläuterung.)

sollen wir sprechen"? Wenn ihr keine Freundschaft mit uns wollt, so sagt es.

HODSCHA: Wir wollen immer Freunde sein, wir wollen uns freundschaftlich unterhalten. Das heißt aber nicht, daß wir in allem mit euch einverstanden sein müssen.

CHRUSCHTSCHOW: Wir betrachten euch als Freunde. Es ist meine Schuld, daß ich euch zuviel vertraut habe.

"Wenn eine Dummheit sich öfter wiederholt, dann ist es eine Linie."

SHEHU: Ich bitte den Genossen Chruschtschow, sich an unsere Besprechungen vom Jahr 1957 zu erinnern. Wir sprachen zu Ihnen offenen Herzens über alle Fragen. Sie hörten uns zu, standen dann auf und sagten zu uns: "Ihr wollt uns doch nicht auf den Weg Stalins zurückführen!"

CHRUSCHTSCHOW: Ihr sagt, in der Sowjet-Union seien junge, unerfahrene Menschen an die Macht gekommen. Wollt ihr uns vielleicht belehren?

HODSCHA: Wissen Sie aber, was euer Botschafter gesagt hat? Er hat die Frage gestellt, wem die albanische Armee treu bleiben werde. Das hat er zu unseren Generälen auf dem Flughafen in Anwesenheit eures Generals gesagt.

CHRUSCHTSCHOW: Wenn der Botschafter so etwas gesagt hat, so hat er eine Dummheit begangen.

HODSCHA: Es ist aber eine pelitische Dummheit.

CHRUSCHTSCHOW: Es ist eine beliebige Dummheit.

MIKOJAN: Drückte dieses Verhalten des Botschafters etwa unsere Linie aus?

HODSCHA: Die Dummheit eines Dummen kann man einmal verzeihen, auch wenn sie politischen Charakter hat, aber wenn sie sich öfter wiederholt, dann ist es eine Linie.

CHRUSCHTSCHOW: Ja, das stimmt.

MIKOJAN: Wir haben doch den Botschafter zurückgerufen. Weshalb tretet ihr die Sache jetzt so breit?

HODSCHA: Gut, lassen wir den Botschafter, doch was ihr über Albanien und die Partei der Arbeit in eurem Brief an die chinesischen Genossen geschrieben habt, ist unerhört.

MIKOJAN: Wir haben unsere Ansicht geäußert.

RAMIZ ALIA*: Ihr bezichtigt uns vor allem des Antisowjetismus. (Er liest die Seite 46 des Briefes vor.)

CHRUSCHTSCHOW: Das ist unsere Ansicht. Werdet nicht hitzig.

SHEHU: Ihr attackiert uns, und wir sollen nicht hitzig werden --

* ZK-Sekretär der Albanischen Partei der Arbeit".

CHRUSCHTSCHOW: Wir bedauern, was mit diesen Menschen (aus der albanischen Partei ausgeschlosse nen Sowjetfreunden) geschehen ist. Koço Tashko habe ich nicht gekannt, vielleicht habe ich ihn schon zu Gesicht bekommen, aber auch wenn ihr mir ein Photo von ihm zeigt. werde ich mich nicht erinnern.

HODSCHA: Wenn Sie ein Photo von ihm wollen, können wir es Ihnen schicken.

CHRUSCHTSCHOW: Die Belishova kenne ich weniger als Sie. Ich weiß, daß sie Mitglied des Politbüros war. Sie erzählte uns über ihr Gespräch in China, Kossygin hat das dem Genossen Shehu bei seinem Aufenthalt in Moskau gesagt. Als er es hörte, wurde er ganz blaß vor Wut. Sie war eine mutige Frau, sie sagte uns offen, was sie fühlte. Es ist eine Tragödie. Ihr habt sie ausgeschlossen, weil sie für die Freundschaft mit uns war! Daher haben wir darüber in dem Dokument geschrieben.

HODSCHA: Sie bezeichnen also das, was hier in eurem Material steht, als richtig?

CHRUSCHTSCHOW: Ja.

"Genosse Envor, nicht so laut!"

HODSCHA: Hier gibt es zwei Dinge. Erstens sagt ihr, daß wir ein Mitglied des Politbüros auf undemokratischem Weg ausgeschlossen hätten. Wer hat euch das gesagt, daß es nicht nach den demokratischen Regeln und leninistischen Normen erfolgt ist, sondern, wie ihr es nennt, "nach stalinistischen Methoden"?

Zweitens, ihr sagt, wir hätten sie wegen Pro-Sowjetismus ausgeschlossen, und daraus ergibt sich, daß wir antisowjetisch sind.

CHRUSCHTSCHOW: Wenn ihr bereits vorher mit der Absicht hergekommen seid, keine Übereinkunft zu erzielen, sondern die Beziehungen zu verschlechtern, dann sagt es gleich, damit wir keine Zeit verschwenden.

HODSCHA: Auch wir haben unsere Meinung, und sie entspricht nicht Ihrer. Sie haben uns zwei-, dreimal schon die Frage gestellt, ob wir für die Freundschaft oder für die Verschlechterung der Beziehungen sind. Ihr wollt aber keinen einzigen eurer Fehler einsehen. Ihr habt uns gegenüber Kritiken, auch wir haben welche euch gegenüber.

CHRUSCHTSCHOW: Ein Genosse von euch hat unseren Militärs gesagt, Chruschtschow sei kein Marxist.

HODSCHA: Welches Interesse haben wir daran, daß sich unsere Militärs auf dem Stützpunkt von Vlora streiten? Ihr dagegen zieht "Dokumente" hervor, ein Genosse von uns habe so und so gesagt. Schaut lieber auf eure Militärs. Ich habe Mikojan gesagt, daß euer Konteradmiral auf dem Militärstützpunkt in Vlora kein Konteradmiral ist.

CHRUSCHTSCHOW: Wenn ihr wollt, können wir den Stützpunkt räumen.

HODSCHA: Dann ist das wahr, was Malinowski und Gretschko gesagt haben. Wollt ihr uns vielleicht drohen? Wenn das Sowjetvolk hört, daß ihr den Stützpunkt von Vlora räumen wollt, wo er doch dazu dient, Albanien und die anderen sozialistischen Länder Europas zu verteidigen, wird es euch das nie verzeihen ...

CHRUSCHTSCHOW: Genosse Enver, nicht so laut.

HODSCHA: Wenn ihr den Stützpunkt räumt, werdet ihr einen großen Fehler begehen. Wir haben auch ohne Brot und barfuß gekämpft, uns aber nie jemandem gebeugt.

CHRUSCHTSCHOW: Die Unterseeboote gehören uns.

"Nehmen Sie dieses Wort zurück!"

HODSCHA: Euch und uns, wir kämpfen für den Sozialismus. Das Gebiet des Stützpunktes gehört uns. Über die Unterseeboote haben wir unterschriebene Abkommen. die dem albanischen Staat Rechte zuerkennen. Ich verteidige die Interessen meines Landes.

MIKOJAN: Chruschtschow war nicht dafür, den Stützpunkt zu räumen. Ich habe ihm gesagt, wenn unsere Offiziere sich mit den Albanern streiten, wozu sollen wir dann den Stützpunkt halten?

SHEHU: Ihr habt uns als Feinde betrachtet. Auch hier in Moskau habt ihr uns beschatten lassen. Ihr wißt das genau.*

HODSCHA: Wenn ihr darauf besteht, können wir den Warschauer Vertrag einberufen. Der Stützpunkt von Vlora aber gehört uns und wird uns gehören.

CHRUSCHTSCHOW: Sie erhitzen sich, Sie haben mich bespuckt, mit euch kann man nicht reden.

HODSCHA: Sie sagen immer, wir seien Hitzköpfe.

CHRUSCHTSCHOW: Sie entstellen meine Worte. Kann der Dolmetscher eigentlich Russisch?

HODSCHA: Lassen Sie den Dolmetscher in Ruhe. er kann sehr gut Russisch. Ich respektiere Sie, Sie müssen auch mich respektieren.

CHRUSCHTSCHOW: Macmillan hat so mit mir reden wollen.

MEHMET SHEHIJ und HYSNI KAPO: Enver Hodscha ist nicht Macmillan, darum nehmen Sie das Wort zurück!

CHRUSCHTSCHOW: Wo soll ich es denn hinstecken?

MEHMET SHEHU: Stecken Sie es in Ihre Tasche!

HYSNI KAPO: (an die Mitglieder seiner Delegation gewandt): Ich bin nicht bereit, die Gespräche so fortzusetzen.

Enver Hodscha und Genossen stehen auf und verlassen den Saal.

* Gemeint sind die Abhöranlagen, die die Sowjetrevisionisten versteckt sowohl im Quartier der Delegation der Partei der Arbeit als auch in den Büros der Botschaft der Volksrepublik Albanien in Moskau angebracht hatten" (Albanische Erläuterung).


DER SPIEGEL 7/1976
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Chruschtschow: Sie haben mich bespuckt!