09.02.1976

FILMBevölkerung verhaftet

„Es herrscht Ruhe im Land“. Spielfilm von Peter Lilienthal. Deutschland/Österreich 1976; Farbe, 100 Minuten.
Politische Filme sind meist un- oder übermenschlich, sie attackieren sinnlich nicht faßbare Machtstrukturen oder schaffen zur Identifikation einladende Helden. Was an Lilienthals Film heilsam verstört, ist, daß er weder das eine noch das andere versucht, sondern sich mit engagierter Zuneigung jener annimmt, die unter dem Begriff "Kleinbürger" zusammengepfercht sonst nur die Statisterie in den Polit-Dramen abgeben dürfen: Handwerker, Pensionsbesitzer, Krämer mit ihren sprichwörtlichen Seelen.
Sie bilden die Bevölkerung eines kleinen lateinamerikanischen Städtchens, in dessen Gefängnis eines Tages politische Häftlinge eingeliefert werden. Die Verwandten draußen organisieren ein Hilfskomitee, das überall auf Angst und geheime Sympathie stößt. Als einem Teil der Häftlinge durch eingeschmuggelte Waffen und Uniformen der Ausbruch gelingt, übernimmt das Militär die Macht in der Stadt. Es massakriert die zurückgebliebenen Häftlinge und schwemmt mit einer brutalen Verhaftungswelle nahezu die gesamte Bevölkerung ins örtliche Fußballstadion. So herrscht wieder Ruhe im Land, einem Land nun ohne Bewohner.
Peter Lilienthal und sein Autor, der im Berliner Exil lebende Chilene Antonio Skarmeta, haben aber nicht diese so groteske, wie in der Logik der Faschisten folgerichtige Vision an den Schluß ihres Filmes gestellt: sondern die trotzig-tapfere Tat eines alten Pensionsbesitzers (gespielt von dem 83jährigen Charles Vanel), der, nachdem man bereits seine gesamte Familie interniert hat, ein paar Brötchen schmiert, sich von einem Jungen im Taxi vors Stadion fahren läßt, die Soldaten als Schweine und Faschisten beschimpft und daraufhin erhobenen Hauptes in die Gefangenschaft geht.
Leute wie er, die sonst durch grobe Raster politischer Aufmerksamkeit fallen, machen die Brutalität eines Terrorregimes klar, da ihnen nicht einmal mehr die Möglichkeit zu indifferentem Verhalten bleibt: Aus seinem Schicksal, oder dem des zunächst feigen Händlers, in dem das Militär zu Unrecht den Waffenschmuggler vermutet und ihn daraufhin brutal mit Stromschlägen foltert, erwächst eine Solidarität im Leid, die zum Nährboden des Widerstands wird. Die Ruhe im Land, so scheint die Hoffnung durch den Film, ist nur eine Ruhe vor dem Sturm.
In "La Victoria" hatten Lilienthal und Skarmeta vor drei Jahren den Wahlsieg Allendes mit eben diesen kleinen Leuten aus den Elendsvierteln der großen Städte gefeiert. "Es herrscht Ruhe im Land" ist das bittere Eingeständnis der Niederlage, aber auch die eindringliche und überzeugende Aufforderung, sie nicht hinzunehmen. Wolfgang Limmer
Von Wolfgang Limmer

DER SPIEGEL 7/1976
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