29.03.1976

ZYPERNLaus Im Pelz

Erzbischof Makarios ist wieder der alte. Er laßt den Putschisten Sampson vor Gericht stellen und riskiert so Zwist unter den Inselgriechen und zugleich Krach mit Athen.
Nikolaki", fauchte der Athener seinen zypriotischen Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung an, "warum machst du so langsam? Ich brauch" den Kopf von Mouskos!"
Das Gespräch fand statt im Juli 1974, kurz bevor die Türken auf Zypern einfielen. Michael Mouskos, 62, besser bekannt als Erzbischof Makarios, rettete seinen Kopf: Er floh.
Der Athener am Telephon, Junta-Chef Dimitrios Ioannidis, 52, sitzt derzeit auf Lebenszeit im Gefängnis Korydallos. Seinen Gesprächspartner erwischte es vorletzte Woche: Nikolaos Sampson, 40, als Briten- und Türkenkiller, als Acht-Tage-Präsident von 1974 in Zyperns bewegte Geschichte eingegangen, wurde verhaftet.
Als Makarios im Dezember 1974 wohlbehalten heimgekehrt war, hatte er seinen Gegnern vom Balkon seines Palastes in Nikosia symbolisch den "Ölzweig" angeboten, zum Zeichen des Vergebens und Vergessens. Ungestört polemisierte Sampson seither in den Spalten seiner erzreaktionären Zeitung "Machi" ("Schlacht") gegen den bärtigen Popen, ebenso ungehindert reaktivierte er seinen etwa 300 Mann starken Schlägertrupp und scharte wieder Makarios-Gegner in Polizei und Nationalgarde um sich, sowie Mitstreiter aus der Untergrundorganisation Eoka-B, die immer noch vom Anschluß an Griechenland träumt.
Noch am 25. Januar, anläßlich eines Gedenk-Requiems für den 1974 verstorbenen Eoka-Helden General Grivas in Limassol, ließ Sampson sich als Nationalheld feiern und auf Händen tragen.
Gleichwohl muß ihm in den letzten Wochen mulmig zumute geworden sein. Als am 16. März vor der "Machi"-Redaktion vier Polizeiautos vorfuhren, war sein Zimmer leer -- man fand ihn in der Amtsstube seines Anwalts.
Sampson, so begründet Inselpatriarch Makarios seine Ungnade, "ließ keine Gelegenheit aus, den nationalen Interessen zu schaden". Es gelte, "einen Reuelosen" zu bestrafen. Makarios '76: Wieder ganz der alte, der, vom Gros seines Völkchens hysterisch verehrt. Zwist unter den Inselgriechen riskiert, obwohl -- nicht zuletzt wegen seiner eigenen Starrköpfigkeit -- eine Regelung zwischen Inselgriechen und -türken noch längst nicht erreicht ist.
Die Eoka-B verfügt über schätzungsweise 7000 Feuerwaffen und massenhaft Munition. Wohl wissend, daß Sampsons Verhaftung dessen Anhänger auf den Plan rufen könnte, versetzte Makarios seine Polizei in Alarmzustand, aber auch die 15 000 Mann Nationalgarde, auf die er sich nicht recht verlassen kann: In ihr tun immer noch 35 Junta-Offiziere aus Griechenland Dienst. Sie sollen vorige Woche einen Putsch versucht haben.
Und auch sonst ist er der alte, wenn es darum geht, mit dem Applaus griechischer Oppositioneller Athener Konzepte zu durchkreuzen: Griechenlands Premier Karamanlis hat kein Interesse, ausgerechnet im Jahr der Präsidentschaftswahl die USA zu verärgern -- etwa durch eine Untersuchung des Zypern-Putsches vor Gericht, wobei die fragwürdige Rolle Kissingers sowie der CIA ans Tageslicht kommen könnte.
Für US-Präsident Ford, von dem sich Karamanlis Vermittlung im Zypern- und Ägäis-Ölkonflikt verspricht, stehen die Stimmen von zwei Millionen Amerika-Griechen auf dem Spiel. Karamanlis hat darum den fälligen Athener Prozeß suspendiert. Makarios, den Karamanlis -- wie er Bonns Kanzler Schmidt anvertraute -- als Laus im Pelz spürt, nahm keine Rücksicht. Im Mai steht Sampson vor Gericht. "Putschhandlungen ... gegen den rechtmäßigen Präsidenten der Republik, seine Garde, die legale Regierung, die Sicherheitskräfte und die Demokratie" wirft ihm die Anklageschrift vor, ferner "das Amt des Präsidenten mißbraucht, die Änderung der verfassungsmäßigen Ordnung versucht, Menschenverluste und schweren materiellen Schaden verursacht" zu haben.
Mehr als seine Richter fürchtet Sampson, daß Putsch-Offiziere von 1974 oder ausländische Agenten ihn vorher liquidieren könnten: Allzu freudig nahm er am vorigen Montag zur Kenntnis, daß er in Haft bleibt.
Begnadigung und Abschiebung danach sind zugesichert worden. Seine Zeitung "Machi", die einst mit einem (längst noch nicht zurückgezahlten) 125 000-Pfund-Darlehen des Klosters Kykko gegründet wurde, steht in den roten Zahlen; eine Übernahme durch die Kykko-Mönche droht.
Ein neues Domizil hat Nikolaos Sampson schon ausgewählt: die Bundesrepublik Deutschland.

DER SPIEGEL 14/1976
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