23.02.1976

Strauß, die Gangster und die Wahrheit

In zwei Gegendarstellungen ("Süddeutsche Zeitung", "Abendzeitung", München) und einem "Welt"-Interview setzte sich der Vorsitzende der CSU, Franz Josef Strauß, gegen Zeitungsberichte über die Aussagen des früheren Lockheed-Vertreters Ernest F. Hauser vor einem Untersuchungsausschuß des amerikanischen Senats zur Wehr. Der Ausschuß unter Vorsitz von Senator Frank Church untersucht die Bestechungspraxis des amerikanischen Flugzeug-Konzerns, der unter anderem die Bundeswehr mit 916 Starfightern ausgerüstet hatte (SPIEGEL 8/1976).
Hauser hatte unter Eid behauptet, es seien während der Amtszeit Straußens Lockheed-Gelder in die Parteikasse der CSU geflossen. Strauß dagegen:
Richtig ist vielmehr, daß weder die CSU noch ich oder andere führende Persönlichkeiten der CSU auch nur einen Pfennig oder dessen Gegenwert unmittelbar oder mittelbar von der Fa. Lockheed im Zusammenhang mit dem Starfighter oder aus sonst einem Grund erhalten haben. Der CSU und mir ist nicht einmal der Versuch einer solchen Zuwendung bekanntgeworden. (Gegendarstellung in der "SZ") Journalisten, wie dem Bonner Korrespondenten der "SZ", Hartmut Palmer, die mit ihren Berichten über die Hauser-Aussage vor dem Church-Ausschuß das Mißfallen des CSU-Vorsitzenden ausgelöst hatten, warf Strauß "Gangster-Journalismus" ("Welt"-Interview) vor.
Strauß mißfiel, daß sowohl "SZ" wie "AZ" berichtet hatten, der Senatsausschuß prüfe, ob es außer den Hauser-Beschuldigungen noch andere Hinweise auf Lockheed-Zahlungen an die CSU gebe. Strauß:
Richtig ist, daß der Ausschuß am 30. 1. 1976 wegen der mangelnden Glaubwürdigkeit Hausers endgültig beschlossen hat, die Untersuchung hinsichtlich der Vorwürfe gegen die CSU und ihren Vorsitzenden fallenzulassen. (Gegendarstellung "AZ")
Wahr hingegen ist, daß der Church-Ausschuß einen solchen Beschluß zu keiner Zeit gefaßt hat. Vielmehr beschloß das Untersuchungsgremium am Donnerstag letzter Woche, die Untersuchungen über den Fall Lockheed! Deutschland fortzusetzen und im Zusammenhang mit dem Hauser-Komplex weitere Zeugen zu vernehmen.
Strauß mißfiel weiter, daß die Journalisten die eidliche Aussage Hausers für seinen Geschmack schon deshalb zu ernst genommen haben, weil sich Belastungszeuge Hauser auf eine 18 Jahre lange Freundschaft zum CSU-Führer berufen kann. Strauß räumte in seinem "Welt"-Interview zwar ein, daß er 1948 Trauzeuge bei der Hochzeit des Besatzungsoffiziers und 1963 Taufpate des Hauser-Kindes Ernest Alfred Franz Josef gewesen ist, von Freundschaft mit dem Amerikaner aber könne keine Rede sein:
Ich bin nicht in der Lage, das Wort Freundschaft zu definieren. Denn man ist als Politiker -- damals hat meine Laufbahn begonnen -- mit vielen Personen bekannt. ("Welt"-lnterview)
Damals, so Strauß in der "Welt", sei er, der Vizelandrat, beispielsweise wegen "zahlreicher Verbrechen, begangen durch displaced persons, meistens an Bauern in Einödhöfen", zur "dienstlichen Zusammenarbeit mit Hauser verpflichtet" gewesen -- rein sachlich, versteht sich. Seine Beziehung zu ihm habe sich für die deutsche Bevölkerung "gelegentlich als hilfreich" erwiesen. Zeugen der Zeit indes erinnern sich, wie der "Stern" noch voriges Jahr unwidersprochen schrieb, daß der Amerikaner mit dem Deutschen im damaligen Stabsquartier des CIC, der Villa Meisel, "wilde Feste" gefeiert hatte. Der Amerikaner galt bei der einheimischen Bevölkerung als "Schrecken von Schongau".
Strauß machte den Trauzeugen Hausers, ließ aber seinen "lieben Ernest" nach dessen Scheidung von Frau Erika unter dem 3. Mai 1955 wissen, "daß ich von Anfang an etwas Bedenken (gegen die Ehe -- Red.) hatte"; ein Hinweis, der nur Freunden zusteht.
Als Freund erwies sich Strauß auch, als Hauser nach Amerika zurückgekehrt war. Durch Vermittlung des Pentagon ließ er 1953 den fernen Freund suchen und erbot sich, sieben Jahre später als Verteidigungsminister, dem Gefährten einen Job zu verschaffen. Strauß am 8. Juni 1960 an seinen Freund ("Herzlichst Dein Franz Josef"), der ihn zuvor um einen Posten "auf dem Gebiet der Intelligence" (BND) angegangen war:
Du hast etwas ungehalten geschrieben, weil ich einige Zeit nicht geantwortet habe. Das hat aber keine besonderen Gründe, am allerwenigsten persönliche Gründe. Ich habe Dein erstes Schreiben einer bestimmten deutschen Stelle gegeben, die mich vor kurzem informiert hat, daß ihr Vertreter aus Washington sich mit Dir wegen einer Tätigkeit im Nahen oder Mittleren Osten in Verbindung setzen wird. Die Vermittlung klappte nicht, Hauser drängte, und Strauß beschwichtigte ihn am 16. 6. 1961: "Hab also bitte keine Sorge, daß irgendetwas mich Dir gegenüber verstimmt haben könnte!" Im gleichen Schreiben avisiert der deutsche Verteidigungsminister dem Bedrängten, er habe sich bei Robert Gross, dem damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden der Lockheed-Werke, die gerade den Starfighter-Vertrag mit dem Bundesverteidigungsministerium abgeschlossen hatten, für ihn als Bonner Lockheed-Lobbyisten verwandt: "Hoffentlich hat mein Schreiben (an Gross -- Red.) den erhofften Erfolg." Am 25. 8. 1961 teilte er ihm mit "vielen herzlichen Grüßen" mit, daß Gross-Bruder Courtlandt Hauser "nun fest eingestellt" habe und "nach einer Einweisung, die in Deinem Interesse recht gründlich sein sollte, nach Koblenz (dem Sitz des Beschaffungsamtes der Bundeswehr -- Red.) schicken" werde.
Zwei Jahre später (am 7. Januar 1963) freute sich Strauß über die Hauser-Mitteilung. "daß Deine Frau Nachwuchs erwartet", am 9. Mai war Taufe in Bad Godesberg und Franz Josef der Pate.
Daß Hauser während seiner Bonner Jahre ein grünes Notizbuch geführt haben will, mit dessen Hilfe er jetzt dem Senatsausschuß die Lockheed-Zahlungen an die CSU nachweisen möchte, daß mithin der Freund von einst "in die kriminelle Sphäre abgeglitten ist" ("Welt"-Interview), führt Strauß unter anderem auf eine Finanz-Affäre zurück, die ihn und Hauser Ende 1963 entzweit hatte.
Strauß gegenüber der "Welt":
Vielleicht spielt auch eine Rolle, daß ich, nachdem ich ihm einmal mit einem Betrag aus einer dringenden Verlegenheit geholfen habe, auf weitere Ansinnen dieser Art nicht mehr eingegangen bin.
"Welt": Wie hoch war damals der Betrag?
Strauß: Rund 5000 Mark. Er hat mir die Rückzahlung versprochen und hat Schecks ausgestellt, davon ist einer eingelöst worden, die restlichen nicht.
In der Tat hatte der CSU-Vorsitzende am 8. Dezember 1963 dem Lockheed-Lobbyisten ein Darlehen in Höhe von 4800 Mark gewährt und sich die Rückzahlung mit Wechseln besichern lassen, von denen Hauser nur einen einzigen einlöste. Der Scheck Nr. 683 036 freilich war nicht auf Straußens Privatkonto, sondern auf das Konto Nr. 12010 des Bankhauses Poensgen, Marx & Co. in Düsseldorf gezogen, ein "Sonderkonto II" der CSU. Als Hauser seine Rückzahlungsraten schuldig blieb und die Transaktion ruchbar wurde, versicherte der CSU-Chef in einem Verfahren gegen den SPIEGEL in einem Schriftsatz an das Oberlandesgericht München vom 29. 4. 1966:
Hauser hat eine Public-Relations-Aufgabe für einen bestimmten Zweck übernommen, an dessen Erfüllung auch die CSU interessiert war. Die dabei ihm erwachsenen Mehrkosten sind in Form eines Darlehens zunächst gedeckt worden. Alles weitere hat den Beklagten (den SPIEGEL -- Red.) nicht zu interessieren.
Hauser schied 1964, ein Jahr nach dem Sturz seines Gönners Strauß, bei Lockheed aus. Unter dem 19. Dezember 1963 rühmte das Bundesverteidigungsministerium unter Minister von Hassel in einem Brief an Lockheed, daß "Mr. Hauser in den vergangenen zwei Jahren zu uns einen ausgezeichneten Kontakt unterhalten und in der gemeinsamen Arbeit hervorragendes Geschick bewiesen hat. Seiner Person gegenüber bestehen von unserer Seite keine Bedenken".

DER SPIEGEL 9/1976
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