05.04.1976

ATOMSTROMKeinen Sinn mehr

Vor anderthalb Jahren lobte der Kanzler das Projekt zum Symbol deutsch-sowjetischer Zusammenarbeit hoch, letzte Woche ließen Bonn und Moskau das geplante Atomkraftwerk bei Königsberg scheitern.
Gleich nach seiner Ankunft in Moskau wurde Wirtschaftsminister Hans Friderichs vom stellvertretenden Ministerpräsidenten Nikolai Tichonow zu einem Gespräch unter vier Augen zur Seite gebeten. Der Russe wollte mit dem Gast aus Bonn über ein Thema sprechen, das gar nicht auf der Tagesordnung der deutsch-sowjetischen Wirtschaftskommission stand: den Bau eines deutschen Atomkraftwerks bei Königsberg.
Seit drei Jahren verhandelten Bonn und Moskau über dieses Milliarden-Projekt, das die Sowjets mit Stromlieferungen in die Bundesrepublik und nach West-Berlin bezahlen sollten. Doch am vergangenen Montag eröffnete Tichonow dem westdeutschen Minister, nach wie vor bestünden unüberwindbare Schwierigkeiten. "Wir können", so der Russe. "das Projekt auch weiterverhandeln, wenn die deutsche Seite es wünscht. Die sowjetische Seite sieht keinen Sinn mehr darin."
Friderichs mochte nicht widersprechen: "Auch wir glauben nicht mehr, daß es Zweck hat. weiterzuverhandeln." Für ein endgültiges Nein wollte er sich allerdings noch die Genehmigung des Bundeskanzlers einholen.
Das Fernschreiben ging am Mittwochvormittag im Gästehaus auf den Leninhügeln ein: "Der Bundeskanzler ist mit Beendigung der Gespräche über Kernkraftwerk einverstanden."
Das ehrgeizigste Projekt deutsch-sowjetischer Wirtschaftskooperation" das der Kanzler bei seinem Moskau-Besuch vor eineinhalb Jahren mit Partei-Chef Leonid Breschnew fest vereinbart und als Symbol wirtschaftlicher Zusammenarbeit zwischen Ost und West gepriesen hatte, war geplatzt.
An dem Atom-Geschäft hatte nicht nur Bonn, sondern zunächst auch Moskau handfestes Interesse bekundet. Die Sowjets, die in der friedlichen Nutzung der Atomenergie mehrere Jahre hinter Amerikanern und Deutschen herhinken, hofften, über den Handel an westliches Know-how heranzukommen -- und das sogar ohne wertvolle Devisen, weil mit Strom bezahlt werden sollte. Die Deutschen reizte nicht zuletzt die Aussicht, aus der Stromleitung zwischen Königsberg und Helmstedt auch West-Berlin versorgen zu können.
Schwierigkeiten tauchten indes gleich zu Anfang der Verhandlungen auf, als die Sowjets mit Ost-Berlin über die Trasse der Hochspannungsleitung durch DDR-Gebiet verhandelten. Die Ostdeutschen sperrten sich; zum einen hätten sie selbst gerne das lukrative Atomgeschäft mit der Bundesrepublik abgeschlossen, zum anderen mochten sie die Energieversorgung West-Berlins von außen nicht durch einen Vertrag zwischen Moskau und Bonn absichern lassen.
Dennoch hatten die Unterhändler der Mülheimer Kraftwerk Union (KWU) zunächst Mühe, das Geschäft in vernünftigem Rahmen zu halten. Die russischen Unterhändler wollten so viele Kraftwerksblöcke wie möglich kaufen, Das sowjetische Interesse nahm jedoch ab, als den Russen klar wurde, daß ein so gewaltiges Projekt nicht allein mit Strom zu bezahlen wäre, sondern auch Bargeld erfordert hätte. Übrig blieb schließlich nur ein Atommeiler.
Aber auch an diesem Rest, dessen Auftragswert immer noch 1,5 Milliarden Mark betrug, hakelten sich die Unterhändler fest. Die Deutschen wollten für den Strom aus Ostpreußen höchstens 0,9 Kopeken (rund drei Pfennig) je Kilowattstunde anrechnen. Andernfalls wäre, angesichts der Strompreise in Europa, der Russenstrom ein Zuschußgeschäft geworden. Die Russen dagegen forderten für die Produktion und den Transport über rund 700 Kilometer 1,6 Kopeken (5,5 Pfennig).
Ohne Aussicht auf Einigung schoben Deutsche und Russen in den letzten Monaten das einstmals so hochgelobte Projekt lustlos vor sich her. Wenige Tage vor Friderichs' Routine-Reise nach Moskau ging bei der westdeutschen Industrie plötzlich eine Blitzeinladung ein: Erhard Keltsch von der Preußischen Elektrizitäts-AG und Hans Hirschmann von der Kraftwerk Union sollten so schnell wie möglich in der sowjetischen Hauptstadt erscheinen. Ohne Umschweife eröffnete ihnen dort Iliodor Kulew vom Staatskomitee für außenwirtschaftliche Beziehungen, daß sich die Pläne aus Wirtschaftlichkeitsgründen zunächst zerschlagen müßten.
Die Bonner traf die Absage nicht unvorbereitet. Bereits seit geraumer Zeit verhandelt der Berliner Senat mit der KWU über den Bau zweier konventioneller Kraftwerkseinheiten zu je 300 Megawatt -- erste Ausbaustufe eines Riesenwerkes von 1200 Megawatt an der Oberhavel. Doch gegen die aus wirtschaftlichen Gründen notwendige Sicherung der Energieversorgung der Zwei-Millionen-Stadt, die wegen des Widerstandes der DDR weder mit einer Pipeline noch mit einer Stromleitung an die Bundesrepublik angeschlossen ist, erheben Umweltschützer schwere Bedenken.
Auf einen eigenen Bau können die Berliner indes nur verzichten, wenn sich eine andere Energiequelle im Osten anzapfen ließe: Schon während der Verhandlungen mit Moskau hatten die Polen Strom für Berlin angeboten -- aus ihrem Kohlekraftwerk Dolna Odra bei Stettin. Die Deutschen winkten erst einmal ab. Priorität hatte für sie das Atomgeschäft mit Moskau.
Doch auch ein Deal mit Warschau würde wahrscheinlich auf den energischen Widerstand Ost-Berlins treffen. Für ein erneutes Hin und Her, diesmal mit den Polen, bliebe jedoch keine Zeit. Denn nur bis Anfang der 80er Jahre gilt die Stromversorgung West-Berlins als gesichert. Schon jetzt ist der Termin für Planung und Bau zusätzlicher Stromkapazitäten äußerst knapp.
So kam es den Bonnern durchaus zupaß, daß die Russen eine Beendigung des aussichtslosen Palavers um das Königsberger Kraftwerk anboten: Die Energieplanung für West-Berlin ist nun nicht mehr abhängig von dem unkalkulierbaren Geschacher um das Atomgeschäft mit Moskau.
Wirtschaftsminister Friderichs nahm das Aus für Königsberg um so gelassener auf, als seine Gastgeber deutlich machten, daß der deutsch-sowjetische Warenaustausch vom Scheitern des Renommierprojekts nicht betroffen werden soll.
Tichonow hoffungsfroh: "Wir sollten uns jetzt anderen gewaltigen Projekten zuwenden."

DER SPIEGEL 15/1976
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