05.04.1976

Shylock in Frankfurt

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über Rainer Werner Fassbinder

Als Rainer Werner Fassbinder im letzten Juni im Unfrieden vom Frankfurter "Theater am Turm schied, platzte damit auch ein Theaterprojekt, mit dem Fassbinder Frankfurter Zustände wie die Bauspekulation und die Chicago-ähnliche Unterwelt zeigen wollte: "Der Müll, die Stadt und der Tod".

Der Stadt blieb so ein Skandal erspart, der sich nun nachträglich, mangels Theater, in den Zeitungsspalten breitmacht.

Denn: In Fassbinders Stück, das jetzt -- routinemäßig -- als Teil der Fassbinder-Ausgabe in der "edition suhrkamp" erscheinen sollte, kommt eine Hauptfigur vor, die buchstäblich über Leichen geht, wenn sie alte Häuser aufkauft, die Mieter vertreibt und neue Zementwüsten und Spekulationsruinen an ihre Stelle setzt. Diese Figur heißt "Der reiche Jude".

Der Mitherausgeber der "FAZ", Joachim Fest, schlug als erster Alarm. Er nannte das Stück mit der "jüdischen Negativfigur" eine "nur noch billige, von ordinären Klischees inspirierte Hetze", kam zu der nicht überflüssigen Folgerung, daß "im Hause des Henkers die Söhne gern schnoddrig vom Strick" reden, und zur fragwürdigen Verallgemeinerung, das Stück sei Symptom eines neuen linken Antisemitismus und Faschismus.

Eine bedenkenswerte Besorgnis gipfelte also in einer bedenkenlosen Denunziation: Offenbar gehört die Linken-Hatz neuerdings zur Kulturlinie der "Frankfurter Allgemeinen", wenn der Feuilleton-Verantwortliche Günther Rühle den Schriftsteller Alfred Andersch wegen seines Berufsverbot-Gedichts in "Stürmer"-Nähe rückt, der für Literatur zuständige Reich-Ranicki von Martin Walser als von einem "Plauderer mit der roten Fahne" schäumt und Fest zwischen Fassbinder und Moskaus Anti-Israel-Politik eine abenteuerliche Verbindung herzustellen sucht.

Nach Fests Polemik. die auf unzulässige Weise mit Zitaten operierte, indem sie Meinungen von Stückfiguren zu Meinungen des Autors umfummelte, reagierte Benjamin Henrichs in der "Zeit" und fand, daß Fest und Fassbinder beide auf ihre Weise "Amok laufen", warf sich Joachim Kaiser in der "Süddeutschen Zeitung" zum Anwalt Fassbinders auf und kam, nachdem er "Der Müll, die Stadt und der Tod" zu den "aufregendsten, verstörendsten Stücken" des Autors gerechnet hatte. zu dem salomonischen Urteil, man sollte es "zum Lesen freigeben, ausliefern, aber Aufführungen einstweilen untersagen".

Denn durch Fests Attacke verstört, hatte der Suhrkamp-Verlag inzwischen das Editionsbändchen zurückgezogen: "Der Verlag möchte in Verbindung mit dem Autor weitere Mißdeutungen ausschließen, er wird deshalb zunächst die Auslieferung des Bandes einstellen."

Die "Verbindung" mit dem Autor sah so aus: Am vorletzten Freitagmorgen stellte Suhrkamp die Auslieferung ein, doch erst am Nachmittag nahm man Kontakt mit Fassbinder in Paris auf. Aus dem Suhrkamp-Verhalten leuchten nahezu schlüssig deutsche Verleger-Usancen hervor: Offenbar hatte bei Suhrkamp bevor der Antisemitismus-Alarm geschlagen wurde, niemand das Stück gelesen; "Der Müll, die Stadt und der Tod" war sozusagen blind von Fassbinders Theater-"Verlag der Autoren" für die Buchausgabe übernommen worden.

Und weiter: Niemand hatte auch nur einen Gedanken darauf verschwendet, daß Fassbinders Stück auf einen Frankfurt-Roman von Gerhard Zwerenz ("Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond") verarbeitend zurückgreift, über den es schon bei seinem Erscheinen, 1973, zu genau der gleichen Debatte gekommen war, weil auch im Roman von Zwerenz ein Jude namens Abraham der häusermakelnde Held und Bösewicht ist.

Ernest Borneman hatte im "Neuen Forum" ("Streit um Abraham") das Dilemma formuliert: "In der Alternative zwischen Schweigen und Sprechen bedeutet Schweigen Unrecht verschweigen, während Sprechen die unweigerliche Folge hat, Vorurteile gegen eine Minorität zu erwecken."

Vor Fests Attacke hatte auch die Filmförderungsanstalt die finanzielle Unterstützung für das Projekt Fassbinders, den Roman von Zwerenz zu verfilmen, abgelehnt: "Das Projekt entgeht nicht ... der Gefahr, antisemitische Vorurteile zu bestätigen und neue Vorurteile dieser Art zu provozieren."

Fassbinder, der schon gegen diese Entscheidung protestiert hatte ("Das ist Zensur"), verwahrte sich letzte Woche in einer "Stellungnahme" nach dem Auslieferungsstopp für sein Stück gegen den Vorwurf des Antisemitismus.

Wie schon Zwerenz für seinen Roman führte Fassbinder für sein Stück zur Rechtfertigung an, daß es (erstens) in Frankfurt jüdische Häusermakler gebe und daß (zweitens) das Verschweigen eines solchen Sachverhalts eher als Zeichen eines neuen Antisemitismus zu werten wäre.

Fassbinder fügte dem noch einen geradezu halsbrecherischen Vergleich hinzu: "Die Sache selbst (die Häusermakelei durch einen Juden) ist ... eine Wiederholung von Entwicklungen im 18. Jahrhundert, als den Juden allein Geldgeschäfte erlaubt waren und diese Geldgeschäfte -- oft die einzige Möglichkeit der Juden zu überleben -- letzten Endes wiederum nur denen Argumente lieferten, die sie quasi zu dieser Tätigkeit gezwungen hatten und ihre eigentlichen Gegner waren."

Frankfurts Bau- und Unterwelt als neues Getto? Denkt man einen Augenblick länger darüber nach, dann läßt sich der Gedanke eines inneren Zusammenhangs zwischen ungeliebten ethnischen Minoritäten und zwielichtigen Mafia-Geschäften (in den USA etwa die Italiener, in Frankfurt die Araber und Perser neben den Juden) nicht ganz von der Hand weisen.

Sowohl Benjamin Henrichs wie Joachim Kaiser haben mit guten Gründen und entgegengesetzter Wertung Fassbinders Stück von aller politischen Realität wegrücken wollen: "Eine von Samen und Blut durchflossene Hurenwelt" (Kaiser); "ein Aufschrei-Drama, ein poetischer Amoklauf" (Henrichs).

Das ist richtig und falsch zugleich: Denn wie der Zwerenz-Vorwurf gibt auch Fassbinders Moritat durchaus politische Motivationen. Schon bei Zwerenz ist das skrupellose Verhalten des Juden Abraham Folge eines Eides, den er am Sterbebett der von den Nazis gepeinigten Mutter ablegt.

Und noch bei Fassbinder kommen die schlimmsten antisemitischen Sätze aus dem Munde eines unbelehrbaren Nazis: "Wir sterben nicht aus, und jeder Schmerz, der uns zugefügt wird, macht uns freier und stark. Der Faschismus wird siegen."

So völlig aus dem poetischen Bauch hat also Fassbinder sein Stück nicht geschrieben. Trotzdem überwiegt in seiner Moritaten-Welt aus Huren, Zuhältern, Transvestiten, Zwergen und Ausgeflippten Fassbinders Furor über die Kälte dieser Welt, in der Gewalt, Mord und Totschlag der Liebe noch vorzuziehen seien, weil beim Verbrechen wenigstens in der Negierung noch Gefühle verbraucht würden.

Man möchte dergleichen hebend gerne in die genial-zerstörerische Nähe der Werke Genets rücken, weil man dann auch nicht mehr sexuelle Obsessionen und gesellschaftliche Befunde trennen müßte -- jedoch lebt Fassbinders roh skizziertes Stück vorwiegend von den Tinten-Transfusionen literarischer Erinnerungen: Ferdinand Bruckners "Verbrecher"-Expressionismus. Brechts "Im Dickicht der Städte"-Amoralismus, Horváths "Geschichten aus dem Wienerwald"-Apokalypse des Nachtlebens scheinen stärker durch das Stück als das reale Frankfurt.

Und auch der "reiche Jude" ist mehr ein "Jude von Malta" als eine Figur der heutigen Realität. Er scheint gerade aus einer Theatervorstellung von Zadeks "Kaufmann von Venedig" zu kommen und Hans Mahnckes Shylock gesehen zu haben -- ein Frankfurter Maklerbüro dagegen hat er wahrscheinlich noch nie betreten.

Wenn er die Hure, die ihr Geld weniger auf dem Strich als bei Ansicht von Buchners "Woyzeck" verdient haben muß, auf ihren Todeswunsch hin ermordet, so ist das mehr eine Sache angelesener Literaturgeschichte als der Polizeiakten.

Von einem geplanten, noch dazu linken Antisemitismus bleibt nach der Lektüre des Stücks jedenfalls wenig bis gar nichts übrig.

Trotzdem hat sich die Debatte gerade an diesem Punkt verbissen -- und in Deutschland, das mit Hitler auch die Kristallnacht und Auschwitz hervorgebracht hat, ist das gewiß kein Zufall.

In einer falschen Defensive haben Zwerenz wie Fassbinder ihre Hervorbringungen mit der Realität verteidigt: Unter Frankfurts Spekulanten gibt es (beherrschende) Juden.

Stimmt. Aber erwähnt man auch ethnische Merkmale, wenn es um den Steglitzer Kreisel, um den Großwohnungswucherer Kaußen, um die steuerflüchtigen Gebrüder Sachs geht?

Daß es in Frankfurt (und auch anderswo) zu kaum noch verhüllten antisemitischen Stimmungen kam und kommt -- das zu beschreiben, dafür findet weder der Roman von Zwerenz noch das Stück von Fassbinder eine reale Form, weil sich beide lieber in Hurenromantik (das Mädchen, das hustend auf den Strich geht) und literarische Rachearien (Shylocks Pfund Fleisch) verlieren und verirren.

Sosehr sie subjektiv im guten Glauben handelten, als sie schrieben, sowenig haben sie objektiv recht, wenn sie meinen, rund dreißig Jahre Abstand seien genug. Texte fallen nicht in den leeren Raum, sondern landen in einem geschichtlichen Kontext.

Niemand hat das wider Willen besser demonstriert als die jüngste Nummer von Klaus Rainer Röhls linkem Pinup-Magazin "das da". Wie der Zufall so spielt, schiebt auf den gleichen Seiten, auf denen Fassbinder sich in einem Interview gegen die "Zensur" der Filmförderungsanstalt verwahrt, der John Jahr Verlag Reklame für Hitlers Reden auf Schallplatten. Unter der Rubrik "Hitler spricht" werden da als "Gesamtaufnahmen seiner spektakulärsten Reden" als Platte 3 beispielsweise eine "Kundgebung im Berliner Sportpalast vom 3. 10. 1941" angeführt: "Dieser Gegner wird sich nie mehr erheben."

Bei der Anpreisung dieser Platten wird historisierende Objektivität vorgeschützt -- und sei es als Alibi für das halbgare Gewissen mancher Möchtegern-Käufer.

Auch wenn Zwerenz und Fassbinder das sicher nicht wünschten -- woher wollen sie wissen, daß man sich aus ihrem "reichen Juden" nicht auch ein Alibi für unverdaute mörderische Vorurteile zurechtschneidert?


DER SPIEGEL 15/1976
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