01.03.1976

KANZLERAMT

Bammel vor dem Umzug

Helmut Schmidt möchte dem neuen Kanzleramt, In seinen Augen "reiner Größenwahn", tieferen Sinn geben: als eine Art Kompakt-Museum deutscher Kultur und Geschichte.

Mehr als ein Vierteljahrhundert, solange der westdeutsche Kanzler seine ausländischen Staatsgäste im angejahrten, weißgetünchten Türmchen-Palais Schaumburg empfing, bot sich den Besuchern die deutsche Bundeshauptstadt als eine zwar etwas altväterliche, zugleich aber intim-heimelige Provinzmetropole dar. Doch am 1. April ist es mit dieser Idylle endgültig vorbei.

Statt des gemütlich knarrenden Palais-Parketts erwartet den Besucher des neuen Bundeskanzleramts hinter einem geometrischen Labyrinth einbetonierter Hecken jene triste gelbbraune Halle, die ihm von New York bis Kuala Lumpur als diplomatische Einheitsarchitektur geläufig ist,

"Zur Begrüßung", spottet Gerhart Laage, Professor an der Technischen Universität Hannover und Berater des Bonner Regierungschefs für Raumgestaltung, "erhalten die erst einmal einen Schlag" dank der durch Klimaanlage und Bodenbelag aufgeladenen Energie, die sich beim ersten Händedruck zu entladen pflegt. Und Helmut Schmidt, der fürchtet, er werde sich im neuen Zweckbau wie ein Sparkassendirektor fühlen, mäkelt: "Das ist für die dann Deutschland, mehr kriegen sie ja meist nicht zu sehen."

16 Monate lang hatte sich der Regierungschef um das hinter seinem Palais hochwachsende braunschwarze Ungetüm nicht gekümmert. Zwei Baubesuche, zwei Wörter ("reiner Größenwahn") -- das war alles, was er für das von seinem Vorgänger Willy Brandt und dessen Amtschef Horst Ehmke begonnene Projekt übrig hatte.

Am liebsten hätte Schmidt sein Personal allein umziehen lassen und wäre selbst in seinem Palais geblieben. Erst als ihn seine Staatssekretäre mit der Forderung erschreckten, dann müßten für den Aktentransport zwischen Alt- und Neubau fünf zusätzliche Boten-Planstellen geschaffen werden, war der Sparkanzler zum Wechsel bereit.

Doch als der Umzug näherrückte, "packte ihn in letzter Minute der Bammel" (so ein Kanzler-Vertrauter). In zwei Sitzungen mit Kunsthistorikern, Architekten, Museumsdirektoren, Designern und Politikern aller Parteien beratschlagte Schmidt im Dezember 1975 und jetzt im Februar -- da von drei Uhr nachmittags bis kurz vor Mitternacht -, wie dem ungeliebten Regierungsgebäude wenigstens etwas Positives abzugewinnen sei.

Schmidts Einfall: Kunstexperten sollten die neue Residenz zu einer Art Kompakt-Museum deutscher Kultur und Geschichte ausgestalten.

Ein Dreiergremium fern von der Bundesbaudirektion -- die Kölner Museumsdirektoren Hugo Borger und Gerhard Bott sowie der Hannoveraner Laage -- arbeitet zur Zeit die Pläne aus. Die drei wollen Deutschlands Kulturgeschichte auf drei Geschossen des Kanzleramts gewissermaßen in Kürzeln anreißen, so daß Helmut Schmidt in Gesprächspausen etwa Besuchern aus Afrika an Vitrinen und Bildern erläutern kann: "Seht mal, für Landreform und Bauernbefreiung, für Erleichterungen am Arbeitsplatz haben wir uns schon seit Jahrhunderten die Schädel eingeschlagen" (Laage).

In der Eingangshalle soll der Besucher anhand von Originalstudien, Schaubildern und Dokumenten mit der Emanzipation des Menschen von der Urzeit bis zum Inkrafttreten des Bonner Grundgesetzes vertraut gemacht werden. Im ersten Obergeschoß erwarten ihn anschließend zeitgenössische Einzelporträts vom Kirchenreformer Philipp Melanchthon bis zum Erfinder Werner von Siemens, vom Philosophen Johann Gottfried von Herder bis zum Grafen Zeppelin, die ihm den deutschen Beitrag zur Weltgeschichte nahebringen.

Der Ex-Kultusminister von Nordrhein-Westfalen, der Christdemokrat Paul Mikat, hält es für unerläßlich, daß auch Karl Marx in diese Ahnenreihe aufgenommen wird.

Im dritten Foyer des Kanzleramts schließlich, "leer und doof, wie es ist" (Laage), möchten die privaten Gutachter eine Brücke schlagen zwischen den vielfältigen deutschen Landschaften (als Bilder an den Wänden) und den Problemen einer modernen Stadtlandschaft, die im Modell dargestellt werden soll. Laage: "Daran kann man eine Menge erklären."

Mehr noch als die allgemeine Kultur interessiert den Kanzler seine eigene Arbeitswelt. Der Regierungschef will die strengen Eichenraster in seiner Etage durch Expressionisten aufhellen, die ihm der Direktor des Berliner Brücke-Museums Leopold Reidemeister aus dem Nachlaß bekannter Künstler als Leihgaben angedient hat. Schon jetzt hängt in Schmidts Arbeitszimmer im Palais Schaumburg ein Ernst Ludwig Kirchner.

Der Schweizer Künstler und Nationalrat Max Bill wurde zu Rate gezogen, wie vor allem das private Eßzimmer des Kanzlers für intime Zirkel (sechs bis zwölf Personen) den penetranten offiziellen Anstrich verlieren könnte. Bills Vorschlag freilich, Seidentapeten anzubringen, erschien dem Eintopfesser Schmidt zu opulent, seiner unmittelbaren Umgebung zu teuer.

Ernsthaft erwogen wird dagegen nach wie vor die Auflockerung des besonders triste wirkenden Kabinettsaals durch ein Wandgemälde des in den USA lebenden 87 Jahre alten Josef Albers. Fernsehleute hatten sich einen dunklen Hintergrund gewünscht, und entsprechend düster fiel die Eiche aus, doch Schmidt hatte Mitleid mit seinen Ministern, die dort tagen müssen: "Das sind doch keine Roboter."

Bauhaus wie Expressionismus sind für den Kanzler zudem politische Gesten der Wiedergutmachung gegenüber der bei den Nazis als "entartet" verfemten Kunst.

Das plötzliche Kunst- und Museums-Interesse an einem Bau, den Schmidt bisher demonstrativ ignorierte, deuten seine engeren Mitarbeiter, so die Staatssekretärin Marie Schlei, "als eben typisch Schmidt": "Erstens hatte er es immer mit der Kunst, zweitens macht er dann die Sachen, die ihn angehen, lieber selbst, drittens macht er es gründlich."

Nur einmal hatte der Kanzler vorher in die im übrigen reichlich belanglose Kunst am Bau eingegriffen: Eine rotierende Kugelplastik, die im betonierten Vorgarten aufgestellt werden sollte, verbannte er kurzerhand in den Park. Das Werk des Bildhauers Hans Dieter Bohnet erinnerte ihn zu sehr an eine Weltkugel -- "und wir sind schließlich nicht der Nabel der Welt".


DER SPIEGEL 10/1976
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