19.01.1976

KARTELLEReinfall am Katertag

Mit Bußgeldern in Hohe von 2,3 Millionen Mark ahndete das Kartellamt unerlaubte Preisabsprachen der westdeutschen Edelstahl-Unternehmen. Auch die Bosse müssen zahlen.
Der anonyme Hinweis kam per Post, sein Ton war rüde: "Haben Sie in Ihrem sozialdemokratisch durchsauten Laden einen Menschen mit Verstand? Wenn ja, dann soll er mal mit seinem Verstand beiliegende Briefkopie lesen, begreifen und auswerten.
Briefempfänger Siegfried Klaue, Sozialdemokrat und Leiter der 1. Beschlußabteilung des Berliner Kartellamts, las, begriff und wertete aus, mit Erfolg: Wegen eines großangelegten Preiskartells brummt er jetzt sieben Stahlkonzernen, 13 ihrer Vorstandsmitglieder und Verkaufsdirektoren sowie zwei Verbands-Geschäftsführern Geldbußen von 2,3 Millionen Mark auf.
Mindestens vier Jahre lang, ermittelte das Kartellamt, kungelte der Klub unter der diskreten Regie seines Fachverbands für einen Großteil seiner Produkte einträchtig die Preise aus.
Mit von der Partie war alles, was in der deutschen Montanindustrie Rang und Namen hat: Thyssens Deutsche Edelstahlwerke, Krupp, Stahlwerke Südwestfalen, Edelstahlwerk Witten, Flicks Edelstahlwerke Buderus, Klöckner und Röchling-Burbach. So perfektionistisch legten die prominenten Wettbewerbssünder ihr Geheimkarteil an, daß sie -- ein Novum -- sogar namhafte Abnehmer aus dem Edelstahl-Handel an ihrem Preisklüngel beteiligten. Klaue: "Das Kartell endete erst vor dem Verbraucher, der die Zeche bezahlen mußte."
Doch am Aschermittwoch letzten Jahres war alles vorbei. Um den Hochpreis-Zirkel überführen zu können, hatte Klaue für seinen Gegenschlag bewußt den Karnevals-Katertag gewählt.
Mit richterlichen Hausdurchsuchungs-Befehlen und örtlichen Kripobeamten erschienen in den Hauptverwaltungen der Deutschen Edelstahlwerke, der Stahlwerke Südwestfalen und der Edelstahlwerke Witten sowie in den Düsseldorfer Büros der Edelstahl-Vereinigung je zwei Kartellfahnder und begehrten Zugang zur Registratur.
Den Weg zu den brisanten Belegen wies ihnen Klaues Beweisstück -- ein Brief des Südwestfalen-Verkaufsvorstands Fritz Stemmer an Verbandsgeschäftsführer Bernd Berbuir betreffend "Edelstahl-Blankstahl-Preisfindung 1975". Mit einigen Kartons Unterlagen kehrten die Kartellbeamten zurück.
Fast lückenlos konnten die Beamten, vor allem anhand der beschlagnahmten Sitzungs-Protokolle, den komplizierten Aufbau der mehrstufigen Kartellorganisation enthüllen: Mehrere Zirkel von Verkaufsleitern arbeiteten zunächst für jene Produkte, die sie zu vertreiben hatten -- etwa Edel-Baustahl, Werkzeug- oder Rostfrei-Stahl -, Preisempfehlungen aus. Diese Ansätze wurden anschließend von den Verkaufsdirektoren der Konzerne abgesegnet und dann in vertraulichen Zusammenkünften der für den Verkauf zuständigen Vorstandsmitglieder bindend verabschiedet. Als "Geschäftsstelle und Steuerungsorgan des Kartells" agierte Hans Günther Vorwerk, Geschäftsführer der Edelstahl-Vereinigung.
Bevor die Kartellsünder ihre Preise hochschleusten, trafen sie sich zu eingehenden Konsultationen mit wichtigen Kunden. "Bei diesen Gesprächen", ermittelten Klaues Beamte, "sahen sich die Werke unter dem Druck der Abnehmer gezwungen, Abstriche von ihren Preisvorstellungen vorzunehmen."
Zu Kartell-Querelen führten auch Versuche einzelner Klub-Mitglieder, durch heimliche Nachlässe auf die vereinbarten Preise zusätzliche Edelstahl-Mengen loszuschlagen. Zwar hätten die Teilnehmer, monierte Südwestfalen-Manager Stemmer, "immer wieder versichert, daß nur die Nachlässe angewendet werden, die verabschiedet wurden. Die Praxis sieht aber anders aus".
Klaue orientierte seine Kartellstrafen an der Stellung der ertappten Firmen im Edelstahlmarkt. So müssen Thyssen und Stahlwerke Südwestfalen (inzwischen von Krupp übernommen) je 425 000 Mark zahlen, Edel Witten (mittlerweile bei Thyssen) 300 000, Krupp, Buderus und Röchling-Burbach 225 000 und die Klöckner-Werke 125 000 Mark.
Die Bußen für Bosse und Direktoren verhängte Klaue abgestuft nach Gehaltshöhe: je 40 000 Mark Kartellstrafe brummte er Rolf Hoffstaedter (Deutsche Edelstahl-Werke), Fritz Stemmer (Südwestfalen), Hans-Heinz Boos (Edel Witten) und Wilhelm Scheider (Fried. Krupp Hüttenwerke) auf. ihre Kollegen Hans Müller (Edelstahlwerke Buderus) und Walther Stepp (Röchling-Burbach) müssen 30 000 Mark nach Berlin überweisen, und Günter Büker, kaufmännischer Geschäftsführer der Klöckner-Werke, kam mit 15 000 Mark davon.
Dieselbe Buße diktierte Klaue Verbands-Geschäftsführer Vorwerk auf, 10 000 Mark seinem Kollegen Bernd Berbuir. Die Verkaufsdirektoren veranlagten die Kartelljäger mit den halben Sätzen ihrer Vorstandsbosse.
Mit diesen Strafen werden jene Topmanager, die sonst gern von den Segnungen des Wettbewerbs und den Vorteilen der Marktwirtschaft schwadronieren, vermutlich nicht davonkommen: Nicht einmal 30 Prozent der kartellierten Edelstahl-Produkte fallen in die Zuständigkeit der Klaue-Behörde.
Den größten Teil des Marktes dagegen haben nach dem Montanunions-Vertrag die Kartellwächter der Brüsseler EG-Kommissare zu überwachen Und die werden, vermuten Insider, das gesprengte Kartell-Kränzchen schon in wenigen Monaten abermals mit Geldbußen belegen -- wahrscheinlich mit wesentlich höheren als diesmal.
Um den peinlichen Fall diskret herunterzuspielen, verzichteten die überführten Wettbewerbs-Sünder nicht nur auf rechtliches Gehör. sondern ließen sogar die letzte Woche abgelaufene Einspruchsfrist ungenutzt verstreichen Ihren Lebensstandard werden sie ohnehin leicht durchhalten können. Anders als in Amerika pflegen in der Bundesrepublik ertappte Bosse, deren Namen das Kartellamt im übrigen nicht einmal veröffentlichen darf, ihre Bußgelder aus der Firmenkasse zu überweisen.

DER SPIEGEL 4/1976
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