19.01.1976

SCHRIFTSTELLERFalscher Schnurrbart

Vorhang für Dame Agatha Christie, 85, Vorhang für Monsieur Hercule Poirot, 117.
Auf Wiedersehen, cher ami ... Wir werden nicht mehr zusammen jagen, mein Freund ... Es waren schöne Tage. Ja, sie sind schön gewesen." Letzte Worte eines Weltberühmten.
Hercule Poirot, seine Worte sind es. gerichtet an den braven Captain Hastings, ist nicht mehr.
Im letzten Roman, den sie zu Lebzeiten veröffentlichte, hat Agatha Christie ihren Detektiv sterben lassen -- ein Vierteljahr bevor sie, am vergangenen Montag in Wallingford bei London, selber starb, 85 Jahre alt.
Das Buch mit dem Titel "Curtain. Poirot"s Last Case" erschien im Herbst vorigen Jahres in England und den USA (wo es derzeit die Bestsellerliste anführt). Es erscheint demnächst auch auf deutsch; "Vorhang. Poirots letzter Fall"**.
Ursprünglich hatte der kleine, eitle Belgier mit dem eiförmigen Kopf, dem gepflegten schwarzen Schnurrbart, den stets blank gewichsten Stiefeletten, dem emphatischen Vertrauen auf "Ordnung und Methode" und dem penetranten Stolz auf die Macht seiner "kleinen grauen Zellen", ursprünglich hatte dieser als Sherlock-Holmes-Kontrast konzipierte, nach britischem Geschmack "komische Ausländer" seine Autorin überleben sollen: Agatha Christie schrieb "Curtain" vor über 30 Jahren, im Zweiten Weltkrieg; das Manuskript
* SPIEGEL-Titel 22/1956.
** Scherz Verlag. Bern; 240 Seiten; 24,80 Mark.
lag im Safe und war zur erst postumen Publikation bestimmt gewesen.
Warum die alte Dame sich dann, 1975, doch anders entschied, ist ungewiß. Ihr englischer Verleger meint, sie sei dazu durch den Publikumserfolg der jüngsten Verfilmung ihres "Mord im Orient-Express" animiert worden. Sicher ist, daß sie sich mit dem "Vorhang" einen guten Abgang verschafft hat, daß Poirots letzter Fall zu den besseren in der langen Reihe von Christie-Krimis gehört.
Er spielt an jenem Ort -- gut placierte Pointe eines Lebenswerks -, wo auch der erste spielte, wo alles anfing: in "Styles", dem Landhaus-Schauplatz des Romans "The Mysterious Affair at Styles", mit dem die Ehefrau des Colonel Archibald Christie, vormals Krankenschwester im Ersten Weltkrieg und in Giften bewandert, 1920 ihre einzigartige Karriere als Kriminalroman-Autorin begonnen hatte.
Sie war, mit 84 Büchern (neben den Krimis einige unter Pseudonym veröffentlichte Liebesromane und ein Gedichtband) in 103 Übersetzungssprachen (14 mehr als Shakespeare) und einer Gesamtauflage von über 300 Millionen Exemplaren die "Königin des Verbrechens", die bei weitem erfolgreichste im Metier.
17 Theaterstücke (darunter "Die Mausefalle", jetzt im 24. Jahr achtmal die Woche im Londoner Westend auf dem Programm) sowie Film (unübertroffen "Zeugin der Anklage") und Fernsehen sorgten für zusätzlichen Ruhm und Gewinn.
Der gute alte, harmlos-gemütliche Wachsfiguren-Realismus des klassischen englischen Detektivromans, den
* Darsteller Albert Finney im Film "Mord im Orient-Express".
die "Duchess of Death" pflegte, war längst überständig geworden -- der Erfolg der schwachen Stilistin und brillanten Plot-Konstrukteurin Agatha Christie hielt bis in die Gegenwart an.
Mochten da anderswo auch scheußliche Realitäten samt Psychologie, Sex und Sadismus in den zeitgenössischen Krimi eindringen -- die ab 1930 in zweiter Ehe mit einem Archäologen verheiratete, 1971 zur "Dame Commander of the British Empire" geadelte Agatha ließ ihre Opfer weiterhin auf gepflegtem englischen Rasen ins Gras beißen.
Und der alljährliche "Christie for Christmas" rief, mit zunehmend nostalgischem Appeal, zumindest in der englischsprechenden Welt weiterhin zur altvertrauten Schnitzeljagd, zum heimeligen Mörderspiel, das vom Leser kaum mehr Anteilnahme erforderte als ein Kreuzworträtsel und ihm dennoch so viel Mordsbehagen brachte.
Behagliche Unheimlichkeit zuletzt noch einmal im "Vorhang", dieser zweiten, abschließenden mysteriösen Affäre zu Styles:
Poirot, mittlerweile sehr alt und sehr arthritisch (die Londoner "Times" rechnete aus, daß der schon bei seinem ersten Auftritt, 1920, pensionierte Veteran der belgischen Polizei in diesem letzten Buch mindestens 117 sein müsse), ist in dem zu einer Pension heruntergekommenen, ehemals herrschaftlichen Landhaus einem pathologischen Mehrfachmörder auf der Spur.
Jede vorkommende Person ist verdächtig -- diesmal wirklich jede.
Die Lösung -- sie ist ähnlich unorthodox wie im vielleicht besten Christie-Puzzle "Alibi" (1926), wo der Ich-Erzähler der Täter war -- liefert der kleine Belgier nach seinem Tod: in jenem für "cher ami" Hastings hinterlegten Abschiedsbrief. Er bietet der Christie-Millionengemeinde zum Abschied nebenbei noch eine andere Enthüllung: Poirot trug eine Perücke, und auch sein berühmter Schnurrbart war nur angeklebt.
Weil sie ihres "outrierten" Meisterschnüfflers etwas überdrüssig geworden war, hatte Agatha Christie 1930, in "Mord im Pfarrhaus", ihre zweite, ganz gegensätzliche, aber nicht minder erfolgreiche Detektiv-Figur ins Leben gerufen: Miss Marple.
Diese liebenswert-komische, erzbritische spinster, diese resolut-vernünftige Miss Britannia -- und nicht Hercule Poirot -- wird auch das letzte Wort haben:
Als Dame Agatha 1975, entgegen ursprünglicher Absicht, den letzten Poirot aus dem Safe holte, ließ sie dort doch einen, ebenfalls schon vor längerer Zeit verfaßten und eingelagerten, letzten Miss-Marple-Roman weiterhin unter Verschluß -- mit ihm erst wird nun, post um. wirklich der Vorhang fallen.

DER SPIEGEL 4/1976
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