12.01.1976

INDUSTRIEMister Midrex kommt

Alleinunternehmer Willy Karl hat Hochkonjunktur. Sein „Midrex“-Verfahren zur Stahlherstellung wurde zum Verkaufsschlager.
Er ist flink wie Kissinger, kaum größer als Napoleon und selbstsicher wie Kanzler Schmidt. Er hetzt im eigenen "Mystère"-Jet zwischen Orient und Okzident,-und wieviel Geld in seinem Imperium steckt, weiß nur er ganz allein: Willy Korf, Spätlese des deutschen Wirtschaftswunders, genießt den Höhenflug seiner Tage.
Ernst Wolf Mommsen, Kanzler-Freund und Krupp-Pensionär, vergleicht die stets aufwärts gerichtete Lebensbahn des 46jährigen Stahlunternehmers "durchaus mit der eines August Thyssen oder Friedrich Flick". Das US-Magazin "Business Week" gönnte ihm als drittem deutschen Wirtschaftsmann nach VW-Nordhoff und BASF-Seefelder eine Titelseite, und Persiens Schah Resa Pahlewi plauderte mit ihm in stundenlangem Privatissimum über Stahl und Umliegendes -- der Iran bestellte drei Korf-Stahlfabriken.
"Die Energiekrise", so sieht es Willy Korf selber, "hat uns zweifellos Auftrieb gegeben." Für das Ölland Venezuela buchte der polyglotte Unternehmer kürzlich Vorverträge über den Bau von zwei kompletten Stahlwerken. Der Emir von Katar wird über Korf seinen Einstand in den Klub der Stahlproduzenten geben. Und unter Korfs Regie soll in der zollfreien Zone des ägyptischen Hafens Alexandria bis 1979 ein Stahlkombinat mit 1,6 Millionen Tonnen Jahreskapazität entstehen.
Die weltweite Korf-Hausse wird von einem Verfahren angeheizt, das sich der branchenfremde Aufsteiger erst vor elf Jahren sicherte -- und das aus reiner Existenzangst: die vom US-Mischkonzern Midland-Ross entwickelte Midrex-Direktreduktion" bei der das zum Stahlschmelzen nötige Eisen unter Umgehung des herkömmlichen Hochofens aus Erz mit Gas statt mit Kohle gewonnen wird. Vorzug des Midrex-Verfahrens: Auch kleine Stahlwerke arbeiten rentabel.
Klein nämlich hatte Korf, Sohn eines mittelständischen Siegerländer Land. waren-Großhändlers, begonnen. Mitte der fünfziger Jahre entwickelte er, 26jährig, Baustahlmatten, die in kostensparender Weise punktgeschweißt wurden, und unterbot damit die Angebote des Ruhr-Establishments.
Um den Preisbrecher vom Markt zu fegen, kaufte der Duisburger Klöckner-Konzern Willy Korf 1961 seine Matten-Produktion für 20 Millionen Mark und gegen die Verpflichtung ab, das Kampfprodukt zehn Jahre lang nicht mehr herzustellen. Unbotmäßig aber baute Korf daraufhin in Kehl ein Walzwerk für billigen Betonstahl und verprellte die Ruhr-Größen aufs neue. Nun versuchten sie, Korf wieder durch gezielte Preis-Unterbietungen zu legen -- vergeblich.
Korf nämlich schaltete seinem Walzwerk ein Elektro-Stahlwerk auf Schrottbasis vor, um als Vormaterialbezieher von seinen Widersachern unabhängig zu sein -- im übrigen aber zog es ihn vorwiegend außer Landes.
1969 weihte er in South Carolina ein Küstenstahlwerk einschließlich Midrex-Anlage ein. 1974 schnitt Korfs Georgetown Steel Corporation, so das US-Fachblatt "Iron Age", unter sämtlichen amerikanischen Stahlfirmen mit 13,1 Prozent Umsatzrendite vor Steuern am besten ab.
1974 auch überließen die mehr auf andere Sparten wie Auto- und Bauzubehör konzentrierten Manager von Midland-Ross ihr Midrex-Geschäft weltweit mit allen Lizenzrechten dem Alleinunternehmer Willy Korf, der sogleich mit dem Verkauf ganzer Stahlwerke beginnen konnte.
Zwar hatten inzwischen auch andere Stahlkonzerne wie die US-Firmen Armco und die von Thyssen geschluckten Hüttenwerke Oberhausen Direktreduktionsverfahren entwickelt, doch kein anderer Stahlboß setzte mit soviel persönlichem Einsatz auf die neue Technik wie "Mister Midrex".
Anders als etwa die marktmächtigen Thyssen-Manager, die ihr "Purofer"-Verfahren unschlüssig im Großversuch schmoren ließen, wagte Willy Korf, Europas erstes Stahlwerk der neuen Generation ausgerechnet im revierfernen Hamburg anzusiedeln. Dort sah es der sowjetische Vizepremier Wladimir Nowikow -- und übertrug dem Willy Korf schon im Frühjahr 1974 gemeinsam mit Krupp und Salzgitter den Bau eines Stahlkombinats in Kursk. Baukosten der auf vier Millionen Jahrestonnen ausgelegten ersten Baustufe: rund drei Milliarden Mark.
Von nun an rollte das Geschäft. Nach Iranern und Ägyptern bestellten auch Tunesiens Staatspräsident Habib Burgiba und Britanniens Staatskonzern British Steel Corporation Korf-Technologie. Der brasilianische Usiminas-Konzern entschied sich für Korfs Direktreduktions-Anlage, weil er sein Hüttenwerk nun statt mit teurer Import-Kokskohle mit eigenem Kokereigas betreiben kann, für das sich bisher keine Verwendung fand.
Auch das schwarz-afrikanische Ölland Nigeria, das zur Zeit annähernd soviel Erdgas abfackelt, wie in der ganzen Bundesrepublik verbraucht wird, will seine Überschuß-Energie zum Aufbau eigener Stahlbasen nutzen, Und auch Algerien holte für ein Direktreduktions-Projekt kürzlich Angebote ein. In Südafrika plant Korf sogar, ein neues "Midrex"-Werk aus einer Kohle-Anlage-Anlagc zu versorgen.
Um sein wachsendes Bau-Programm flott abwickeln zu können, verbündete sich Stahlmann Korf vergangenes Jahr mit der zur Metallgesellschaft AG zählenden Frankfurter Firma Lurgi. die einschlägige Engineering-Erfahrungen besitzt. Korf nämlich sieht sich vor neuen Grenzen: Seine weltweite Verkaufsdiplomatie mit "Mystère" und Handkoffer behindert das Zusammenspiel mit dem eigenen Management, und seine Finanzierungsbasis ist schmal.
Die ausgeprägte Neigung ihres Chefs, "jedes Problem persönlich anzugehen" (Mommsen), akzeptieren Korfs leitende Mitarbeiter, anders als in der ersten Aufbauphase, kaum noch ohne Vorbehalt. Zwar werden die Korf-Bediensteten vom Konzernchef stets als "junges und dynamisches Management" gefeiert, doch nur Willy Korf übersieht die Details des Geschäfts. Allein sein Generalbevollmächtigter Wolfgang Bernhardt, den Korf vor gut zwei Jahren bei Flick abwarb, ist umfassend informiert.
Nicht einmal die übrigen Spitzenmanager aber kennen die trickreichen Finanzierungs-Modelle, die Willy Korf für sein in der Eigenkapital-Ausstattung zurückgebliebenes Firmenreich ersonnen hat. Allzuoft nämlich wechselte der Firmenchef in den letzten Jahren die Hausbank und organisierte seinen Konzern um. Trotzdem sind die Verbindlichkeiten in der Bilanz der deutschen Führungsholding Korf Stahl AG heute fast fünfmal so hoch wie die Summe aus Grundkapital und Rücklagen.
Aber Korf will weiter. Schon bis 1980 plant er, seinen Weltumsatz (1975: rund 1,6 Milliarden Mark) auf vier Milliarden hochzutreiben und zehn Stahlwerke -- allein oder gemeinsam mit Partnern -- anlaufen zu lassen. Korf: "Der Trend geht weg von großen Anlagen zu kleineren, marktorientierten Einheiten."
Der Trend aber rief nun zum drittenmal mächtigere Konkurrenz gegen Korf auf den Plan. So baut Thyssen in Brasilien und im iranischen Ahwas, nicht weit von Korfs Midrex-Baustelle, je eine Direktreduktionsanlage des eigenen Purofer-Typs.
Korf hofft dennoch, die kapitalstarke Konkurrenz auf Distanz halten zu können: "Wenn die in drei Jahren so weit sind wie wir heute, sind wir schon wieder drei Jahre weiter."

DER SPIEGEL 3/1976
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