12.01.1976

VERBRECHENWas im Muskel

Massenmord im Krankenhaus? Mysteriöse Todesfälle im südbadischen Rheinfelden muten an wie das perfekte Verbrechen und stellen die Gerichtsmediziner vor bislang unbekannte Probleme.
Zur Einweihung des neuen Kreiskrankenhauses im südbadischen Rheinfelden kam Baden-Württembergs Gesundheitsministerin Annemarie Griesinger persönlich und schwelgte von einer "Stätte, an der menschliche Wärme vorherrscht". Chefarzt Rolf Boos versprach "ein hohes Maß an menschlicher Zuwendung", dafür garantiere das Personal.
Doch heute, zwei Monate später, nimmt sich das makaber aus: Verdacht ist aufgekommen und auch schon erhärtet, daß es sich in Rheinfelden schneller stirbt als anderswo -- auf der Intensivstation, die Leben retten soll. Eine ganz andere Form der Zuwendung, als ursprünglich beschworen, ist im Gerede.
Am 18. Dezember setzte bei einem 66 Jahre alten Mann, der zwar unheilbar an Krebs erkrankt war, doch eine Operation komplikationslos überstanden hatte, von einer Minute auf die andere die Herztätigkeit aus. Tags darauf versagte das Herz bei einem an Durchblutungsstörungen leidenden 72jährigen. nachdem er gerade noch mit seinen Angehörigen gesprochen hatte; sein Tod, so Oberarzt Wolfram Stumpp, "kam zu diesem Zeitpunkt absolut unerwartet". Und ganz plötzlich trat noch am Abend desselben Tages bei einem 63jährigen Mann mit inoperablem Tumor der Herztod ein.
Am nächsten Tag starb eine 84jährige Patientin, die wegen Hirndurchblutungsstörungen eingeliefert worden war, aber einzig wegen ihres überhöhten Blutdrucks noch das Wochenende im Krankenhaus verbringen sollte -- Diagnose: Herzversagen. 45 Minuten später verschied eine 86jährige, der wegen versagender Nieren in der Intensivstation Infusionen verabreicht wurden, und noch am selben Abend trat bei einer 76 Jahre alten Frau nach erfolgreicher Hüftgelenksoperation "schlagartig Herzstillstand ein" (Stumpp).
Trotz völlig verschiedener Krankheitsbilder kam der Tod jeweils auf dieselbe Weise: Die Monitore zeigten plötzlich eine Asystolie, eine Null-Linie im EKG, an, und auf sofortige Wiederbelebungsversuche folgten nach Herzflimmern nur wieder Asystolien -- "so ging das fünf- oder sechsmal hin und her, dann war es aus" (Stumpp).
Manches spricht inzwischen dafür, daß womöglich nicht nur jene sechs Kranken eines unnatürlichen Todes starben, möglicherweise sind es auch mehr, und so erfinden die badischen Bauern mittlerweile Namen für ihr neues Spital und sprechen vom "Haus der Nimmerwiederkehr" oder auch vom "Todeshügel".
Wer an all dem schuld sein soll, will zumindest die Staatsanwaltschaft in Lörrach wissen: ein junger Mann mit Namen Böse. Als Krankenpfleger auf der Intensivstation hatte der 25jährige freien Zugang zu Patienten -- und auch zu speziellen Medikamenten. Reinhard Böse wurde wegen Mordverdachts verhaftet.
Weil es jedesmal "schien, als sei der Herzmuskel wie gelähmt", hatten Oberarzt und Assistenzarzt Verdacht geschöpft, den Patienten könnten zu hohe Dosen des Herzmittels Digitalis injiziert worden sein. Tatsächlich fanden sie in der Stationsapotheke nur noch vier Ampullen des Digoxin- (Digitalis-)Präparates "Lanitop" und nur noch eine der Strophantin-Arznei
* Oberarzt Wolfram Stumpp, Assistenzarzt.
"Kornbetin" -- obwohl Böse erst zwei Tage zuvor 50 Ampullen Lanitop und 30 Ampullen Kombetin bestellt und erhalten hatte. Dieser "ordentliche Vorrat", so Chefarzt Boos, hätte bis weit über die Weihnachtsfeiertage ausreichen müssen. Gleichwohl bestellte Böse am 20. Dezember noch einmal 20 Lanitop-Ampullen. Bei der Suche nach dem verschwundenen Digitalis wurde die 20 Mann starke Sonderkommission der Kripo fündig: Im Abfallsack der Intensivstation lagen 63 Lanitop- und 39 Kombetin-Ampullen -- allesamt leer. Reinhard Böse war zudem der einzige vom Personal, der bei allen sechs Todesfällen Dienst hatte.
Gleichwohl -- ob Böse schuldig ist und überführt werden kann, ist bislang offen, sicher schon eher, daß der Fall Kriminalgeschichte macht. Denn resultiert die Todesserie von Rheinfelden aus einer Straftat. so zeigt sie, gewollt oder ungewollt, Ansätze zu einem perfekten Verbrechen spezieller Art.
Die Überdosierung des Digitalis-Wirkstoffs Digoxin -- eines Mittels, das den Opfern ohnehin zugeführt wurde -- wirkt, erst einmal vom Herzmuskel resorbiert, in kürzester Frist tödlich; ein ausgebildeter Krankenpfleger darf es spritzen, und Herzversagen bei älteren Patienten kommt in Intensivstationen nicht selten vor.
Überdies ergibt die Obduktion in solchen Fällen fast durchweg keinen Hinweis auf Fremdverschulden. Denn allein das Herzversagen wird dabei festgestellt, und sein Erscheinungsbild ist für den Obduzenten dasselbe, ganz gleich, ob es sich um eine natürliche oder eine unnatürliche Todesursache handelt. Hätten sich die Fälle in Rheinfelden nicht derart gehäuft, so stünde der Pfleger wohl kaum in Verdacht.
Aufschluß geben über die Frage, ob ein Verbrechen vorliegt, kann letztlich nur die toxikologische Untersuchung des Blutserums. Doch der Nachweis von Digoxin im speziellen Falle stellt die Gerichtsmedizin, so der mit der Untersuchung betraute Freiburger Professor Balduin Forster, "vor ziemlich schwierige Probleme".
Ein Vorbild, auffallend einschlägig, ist lediglich in einem Kriminalroman beschrieben. Beziehungsreicher Titel: "Fünf tote alte Damen". Autor Hans Gruhl war Mediziner. "Ich habe", sagt der Kommissar im Buch, "in der Friedhofserde gegraben nach alten Damen", und eine, "die hatte was in ihrem Herzmuskel -- Digitalis. Sehr viel Digitalis. Zu viel".
Zwar läßt sich der Digoxin-Gehalt mit einer besonders aufwendigen Apparatur zumindest dann ermitteln, wenn die Leichen nur wenige Tage alt waren. Das war denn auch in jenen sechs Fällen möglich. In Paralleluntersuchungen fanden Forsters Biochemiker Friedrich und die Herstellerfirma Boehringer mindestens 15 bis 20 Nanogramm (Maßeinheit), und schon ein Drittel davon hätte tödliche Wirkung.
Völlig unklar ist aber noch immer, was den Pfleger womöglich motiviert haben könnte. Ein Erbteil nach Lottogewinn, wie im Krimi von Hans Gruhl. scheidet aus -- auch Geistesschwäche, wie Böse-Kenner nach persönlichem Eindruck bekunden. Sterbehilfe. wie anfangs vermutet wurde, verneinen Staats- wie Rechtsanwalt. Tatsächlich hatten die Patienten weder besonders starke Schmerzen, noch waren alle überhaupt todkrank.
Bei einem mitternächtlichen Kripo-Verhör gab Böse zwar zu Protokoll, daß er bisweilen, wenn ein Patient stöhnte und sich ans Herz faßte, mehr Digitalis gespritzt habe, als ärztlich verordnet war. Vier konkrete Fälle räumte er ein, bei zweien wollte er"s nicht mehr so genau wissen. Auch gab er zu, die im Abfallsack gefundenen Ampullen geöffnet zu haben -- er habe dadurch, so seine "obskure Begründung" (Oberstaatsanwalt Hilbert), die gelegentliche Überdosierung vertuschen wollen, die er freilich "nach seinen Kenntnissen für notwendig und hilfreich" (Hilbert) gehalten habe. Der Oberstaatsanwalt: "Er hat ja schon beim ersten Fall gesehen. was passiert," Später widerrief Böse sein Teilgeständnis.
Oberarzt Stumpp mag nicht ausschließen, daß noch einige Todesfälle sich nun als Verbrechen erweisen: "Wir alle können noch mindestens vier oder fünf Patienten nennen, deren Tod uns im nachhinein verdächtig vorkommt."
Ob allerdings Digoxin auch bei Leichen schon länger Verstorbener noch nachgewiesen werden kann (von denen einige überdies noch ein weiteres, die Meßwerte verzerrendes Präparat erhalten hatten), ist für die Gerichtsmedizin noch völlig ungeklärt. Professor Forster hat deshalb eine Versuchsreihe mit Kaninchen anlaufen lassen. Fällt das Ergebnis positiv aus, wird Oberstaatsanwalt Hilbert "wohl noch eine Reihe von Ausgrabungen anordnen müssen".

DER SPIEGEL 3/1976
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