12.01.1976

Teng: Hauptsache, die Katze fängt Mäuse

Tschou En-lai tot, Mao Tse-tung todkrank: China, das Land der neuen Ideen und der alten Männer, wird von Teng Hsiao-ping regiert werden, den die Roten Garden in der Kulturrevolution verjagt hatten -- ein Vertreter der neuen Funktionärsklasse, ein Realist und beinahe schon ein Kapitalist. Nach Mao kommt, absurd, der Anti-Mao.

Chinas Großer Steuermann Mao Tse-tung bereitete sich vor fünf Jahren schon darauf vor, "Gott zu sehen", Am zweiten Weihnachtsfeiertag 1975 jedoch beging er, geistig munter, wenn auch physisch hilflos, seinen 82. Geburtstag.

Zu Neujahr dann konnte Lyriker Mao in der eben wiederzugelassenen Literaturzeitschrift "Poesie" -- seit der Kulturrevolution von 1966 hatte Poesie kaum stattgefunden -- zwei Gedichte von sich lesen. Die Verse, vor zehn Jahren verfaßt, waren dem Publikum bisher noch nicht bekanntgeworden. In dem einen, der sich auch singen läßt, heißt es:

Im Triumph und lachend werden wir heimkehren.

Nichts ist schwer in unserer Welt, wenn man es wagt, auf den Gipfel zu steigen.

Die Pekinger Nachrichtenagentur "Hsinhua" zu der Premiere: "Das ist ein großes freudiges Ereignis von großer direkter politischer Bedeutung im politischen Leben des ganzen chinesischen Volkes."

Eine Woche später gab es keinen Grund mehr für Triumph und Lachen: Mao Tse-tungs letzter kongenialer Verweser starb an Krebs -- Tschou En-lai, fünf Jahre jünger als der längst vorbereitete Mao.

Tschou, einziger Ministerpräsident der Volksrepublik China in den 26 Jahren ihres Bestehens und dienstältester Premier der Welt, hatte seit fast einem halben Jahrhundert dem sprunghaften, unberechenbaren Genie Mao Tse-tung zur Seite gestanden. Auf dem Langen Marsch und in den Gefechten des Bürgerkriegs, an der Spitze des neuen Staates und in mörderischen Machtkämpfen innerhalb der Partei, im Volk und gegen feindliche Supermächte ringsum hatte er Mao die Treue gehalten -- als einziger der führenden Genossen von einst.

Der sachliche Taktiker hatte die hochfliegenden Träume des Dichter-Revolutionärs Mao auf das Machbare reduziert und in die Praxis umgesetzt. Ein langer Tschou-Text ist golden auf der Rückseite des Sieges-Obelisken mitten auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens eingraviert, die Vorderseite zeigt die Mao-Worte: "Die Volkshelden sind unsterblich."

Mao hatte in eigener Sicht "gute Gründe für etwas Personenkult" in China. Aber eine gute Hand bei der Wahl seiner Nachfolger hatte er nicht, Seine Auserwählten -- Staatschef Liu Schao-tschi und dann Verteidigungsminister Lin Piao -- verrieten ihn beide.

Zu spät erkannte Mao, daß sie seine Vision von einer Gesellschaft der Gleichen nicht teilten. Gegen Liu, den Vertreter der alten Herrschaftsschicht, entfachte er die Kulturrevolution von 1966; Lin Piao wollte sich 1971 nach einem gescheiterten Putschversuch in die UdSSR absetzen und stürzte mit dem Flugzeug über der Mongolei ab.

China schien Rußlands Los der Diadochenkämpfe nach Lenins und nach Stalins Tod teilen zu müssen. Die Reihen der Mao-Genossen aus der Partisanenzeit lichteten sich: Anfang 1975 starb Staatspräsident Tung Pi-wu, 88, Ende des Jahres Sicherheitschef Kang Scheng, 76. Der legendäre Marschall Tschu Teh, den die Bauern einst für dieselbe Person wie Mao ("Maotschu") gehalten hatten, lebt noch, 89.

Regierungsfähig blieb nur Tschou En-lai, den Mao nun auch überlebt hat. Er war in der wirren Kulturrevolution auf Maos Seite getreten, hatte mit ungerührter Miene das rote Mao-Büchlein rhythmisch, wie Mao es gefiel, gen Himmel gehoben, hatte Lin Piaos Verschwörung aufgedeckt und sich danach doch nicht selbst an dessen Stelle zum Kronprinzen gemacht.

Wahrscheinlich wünschte sich Mao, kaum noch sprechfähig und nur mit fremder Hilfe in der Lage aufzustehen, seine Ehefrau Tschiang Tsching, 63, als

* Rotgardisten während der Kulturrevolution 1967 mit Opfern, die Schandhute tragen mußten.

Verwalterin seiner ideologischen Hinterlassenschaft.

Da erwies der schwerkranke Tschou Mao einen letzten Freundschaftsdienst, den dieser nicht so empfunden haben mag: Aus Sorge um den Bestand Chinas setzte er sich für einen Nachfolger ein, der das Reich und die Herrschaft der KP bewahren kann, aber für das Lebenswerk Maos wie eine Katastrophe wirkt: Teng Hsiao-ping, 71. Der Nachfolger Maos ist ein eingefleischter Repräsentant der von Mao bekämpften neuen Klasse der Funktionäre und Bürokraten, er hat Maos gedankliche Höhenflüge nie mitvollzogen, er ist der Anti-Mao schlechthin.

Teng (sprich: "Dang") nach Mao, das ist so absurd, als wenn ein handlungsunfähiger Stalin Trotzki zurückberufen hätte oder Richard Nixon wieder Präsident der USA würde.

Denn Teng, 1966 Generalsekretär der KP Chinas, war damals mit dem Mao-Feind Nummer 1, Liu Schao-tschi, gestürzt worden -- als "Nummer 2" oder "der andere Machthaber, der den kapitalistischen Weg geht".

Damals trieben Maos Rotgardisten Teng in Handschellen und Narrenkappe über Pekings Straßen. "Kampf gegen ihn, bis er besiegt und entlarvt ist", proklamierten Wandzeitungen der Roten Garde. "Überantwortet ihn der Schande, und vertreibt ihn, daß er nie wiederauferstehen kann. Nieder mit Teng Hsiao-ping!"

Doch Mao hat inzwischen, so eröffnete der greise Vorsitzende vorigen Monat dem US-Präsidenten Ford, Tengs Auferstehung als Mao-Nachfolger approbiert. Der "eklige kleine Mann", wie US-Außenminister Kissinger ihn genannt haben soll -- Teng ist 153 Zentimeter groß und etwas verwachsen -, wird Maos Polit-Träume, "den Mond im neunten Himmel zu greifen" (so das neue Mao-Gedicht), mit Sicherheit nicht verwirklichen. Aber er wird das größte Entwicklungsland der Erde regieren.

Im Regime der alten Männer ist er noch recht jung. Er kann ätzend scharf reden (Rote Garde: Teng "überfließt von Bosheit"), wirkt kontrolliert nervös, ist offenbar in guter Form: Ähnlich dem erholsamen Wartestand Konrad Adenauers während der Nazizeit bis zu seinem 70. Lebensjahr hat Teng während der Lin-Piao-Zeit sechs Jahre lang untätig Kräfte sammeln können, womöglich bei frischer Luft und körperlicher Arbeit -- bis zu seinem 70. Lebensjahr.

Zwar macht auch Teng sich schon Gedanken über seinen Tod, aber ohne Sentimentalität: Kürzlich bezeichnete er sich gegenüber amerikanischen Universitäts-Präsidenten selbst als ein Erziehungsprodukt der "Universität des Lebens, und auf der gibt es keinen Prüfungstermin

Als das übersetzt war, fügte er hinzu: "Ich lege meine Prüfung an dem Tag ab, an dem ich Gott begegne -- doch wer weiß, was für Zensuren Gott mir zuteilt?"

Wie Mao ist Teng Sohn eines Grundbesitzers. Mit Tschou ging er 1919 nach Frankreich und arbeitete dort von seinem 16. bis zum 21. Lebensjahr in einer Schuhfabrik in Montargis und bei Renault und trat 1924 einer Zelle der jungen KP Chinas bei. Auf der Rückreise in die Heimat blieb er für drei Jahre in Moskau hängen dort studierte er, was, ist unbekannt.

In China organisierte Kommunist Teng eine Schulungsstätte, eine Bauerntruppe und schließlich -- mit Hilfe von Vietnamesen -- die "Siebente Rote Armee" in der Provinz Kuangsi. Er wurde politischer Kommissar (nach Meinung der Rotgardisten nur Regiments-Koch), gab ein Militärblatt "Roter Stern" heraus und schlug sich frühzeitig auf die Seite der Mao-Fraktion innerhalb der Partei.

Beim Langen Marsch sprach er sich dafür aus, den bis dahin aus dem ZK ausgeschlossenen Mao zum "Vorsitzenden" zu machen. Teng wurde Chef-Politkommissar -- doch erst 1952 erreichte er, was er formal auch vorige Woche war: Vizepremier.

Obwohl im Ruf, nicht eben fleißig zu sein, tat Teng sich um: Er pflegte alte Armee-Kontakte, trat in die Planungskommission ein und leitete das Finanzministerium. 1956 hatte er es geschafft: Für ihn wurde das Amt eines Generalsekretärs der Partei eingerichtet -- Personalchef der gesamten Parteibürokratie.

Sofort entwickelte Teng eigene Ideen, die nicht immer mit der Partei- und schon gar nicht mit der Mao-Linie übereinstimmten. Die übereilte Kollektivierung der Landwirtschaft mißfiel ihm: "Unsere chinesischen Esel sind zwar langsam, doch Langsamkeit hat auch ihre Vorteile -- ein Auto fährt zwar schnell, wenn man es aber umwirft, so muß man das mit dem Tode bezahlen; ein Esel geht langsam, er kommt aber auf jeden Fall an sein Ziel."

Als Teng hörte, daß ein Drittel der chinesischen Agrarproduktion aus den winzigen privaten Gärten (je Kopf 20 Quadratmeter) der Genossenschaftler stamme, empfahl er, mehr Privatland zuzulassen. Teng: "Ganz gleich, ob es eine weiße oder eine schwarze Katze ist -- Hauptsache, sie fängt Mäuse, dann ist es eine gute Katze."

Der Sowjetexperte -- er hatte den Parteichef in Chinas Grenzprovinz Mandschurei, Kao Kang, als Moskauer Agenten enttarnt -- nimmt 1956 als Gastdelegierter am XX. Parteitag der KPdSU teil, auf dem die Bruderpartei entstalinisiert wird. Chruschtschows Rede gegen Stalins Personenkult beeindruckt ihn: Er vernimmt, sagt Teng selbst, die "katastrophalen Ergebnisse, die daraus entstehen können, sich einer einzelnen Person zu widersetzen".

Und schon macht er sich zusammen mit Liu Schao-tschi zu Hause "dafür stark, den illustren Namen des "Mao-Tse-tung-Denkens" aus dem Parteistatut zu entfernen", berichteten später Rotgardisten in einem Pamphlet. Sie beanstandeten ferner:

Teng krittelte an Mao Tse-tungs Denken herum, dem er fehlende Systematik vorwarf, und er ordnete an, das "Mao-Tsetung-Denken" nicht mehr zu erwähnen. Wortgewandt verunglimpfte er das Mao. Studium durch Arbeiter, Bauern und Soldaten als "soziale Unterdrückung" und außerordentliche Belastung, es helfe nicht viel weiter, Maos Werke in allen vier Jahreszeiten zu studieren.

1957 fährt er mit Mao zum Kommunisten-Gipfel nach Moskau; ein Jahr später soll er dazu beigetragen haben, Mao das Amt des Staatspräsidenten abzunehmen, das dann Liu Schao-tschi erhielt. Mao beschwerte sich, daß Generalsekretär Teng mit ihm, dem Parteichef, nichts mehr besprochen und keine Anweisungen mehr von ihm entgegengenommen habe.

Selbständig hat Teng danach Maos mißratenes Volkskommunen-Projekt vom "Großen Sprung nach vorn" gestoppt. Die Rote Garde hielt ihm vor: Der Verräter Teng attackierte unseren großen Führer rückhaltlos und behauptete absurderweise, daß der Vorsitzende Mao nicht frei sei von Mängeln und Fehlern ... Er schrie hysterisch, der Vorsitzende Mao solle herabsteigen und abdanken, er müsse gestürzt werden.

Teng durfte 1960 in Moskau auf der Versammlung von 81 kommunistischen Parteien die KP Chinas ohne Mao, mit Liu vertreten. Er erlebte, wie Chruschtschow den albanischen Chinesen. freund Enver Hodscha anschrie: "Sie haben Kübel voll Mist über mich ausgegossen, Genosse Hodscha! Das müssen Sie erst wieder abwaschen!" Anschließend vertrat Teng Premier Tschou als "amtierender Regierungschef" im Pekinger Kabinett.

"Ein Mann, der sich selbst zum König krönt."

Zu den letzten Verhandlungen mit den Sowjets reiste wieder Teng in den Kreml. begleitet von dem Pekinger Bürgermeister Peng Schen und dem Sicherheitschef Kang Scheng. Den drei Chinesen gegenüber saßen die sowjetischen Genossen (die sie nicht mehr mit "Genossen" anredeten) Suslow und Ponomarjow -- beide noch heute maßgebliche ZK-Sekretäre -, der heutige KGB-Chef Andropow sowie Botschafter Tscherwonenko, der damals in Peking und 1968 bei der Okkupation in Prag Dienst tat.

Kurz vor den Gesprächen waren drei chinesische Diplomaten aus Moskau ausgewiesen worden, die eine ZK-Resolution ihrer Partei verteilt hatten. Darin stand: "Einige Leute versuchen mit Gewalt, die Parteiführung in anderen Bruderländern abzusetzen, um ihnen ihre falsche Linie aufzuzwingen."

Gleichzeitig nahm die Sowjetregierung mit den USA und England im Kreml Verhandlungen über einen Stopp der Atomversuche auf -- das richtete sich gegen Chinas Tests.

Teng verhandelte gar nicht mehr. Er verlas eine Anklage gegen Moskaus Intransigenz und hörte sich mit starrer Miene die sowjetische Antwort an. Kommentarlos reiste Teng mit Peng und Kang wieder ab.

Kurz vor Ausbruch der Kulturrevolution besuchte Teng ganz harmlos Chinas neue Freunde in Rumänien. Rumänen-Führer Ceausescu aber wollte Weltdiplomatie betreiben und führte seinem Gast Teng einen anderen Gast zu: Rreschnew.

Ceausescu ließ die beiden Generalsekretäre tödlich verfeindeter kommunistischer Mächte zwei Stunden im Park allein. Nur durch einen Stuhl getrennt, schwiegen sich Teng Hsiao-ping und Leonid Breschnew zwei Stunden lang an.

In der Kulturrevolution schwieg Teng dann noch viel länger. Maos Plan: Gestützt auf seine Frau Tschiang Tsching, seinen Schwiegersohn Jao Wen-jüan, Privatsekretär Tschen Po-ta. Geheimpolizei-Chef Kang Scheng, Verteidigungsminister Lin Piao. Freund Tschou En-lai und zwölf Millionen jugendlicher Anhänger, die sich zu Roten Garden formierten, wollte er die Herrschaft der neuen Funktionärsklasse brechen -- gegen Staatschef Liu und Parteisekretär Teng sowie die Mehrheit des Politbüros.

Liu und Teng, die Mao-Feinde Nummer 1 und Nummer 2, verloren rasch ihre Ämter. Teng versuchte noch eilends zusammen mit der Ersten Staatsdame, Lius Ehefrau, eigene Garden gegen die rebellierenden Studenten aufzustellen. "Er schmiedete Ränke, um die neugeborene Kraft der Revolution zu ersticken -- die Roten Garden des Vorsitzenden Mao", klagten die Roten Garden.

Auf Wandzeitungen und in Flugblättern warfen sie ihm vor, seit Jahren einem nach ungarischem Muster benannten "Petöfi-Klub" zur Förderung der Konterrevolution angehört zu haben, den der Bürgermeister Peng -- gleichfalls als Anti-Maoist gestürzt -- organisiert habe.

Teng, hieß es, habe in China den Kapitalismus wieder einführen wollen. Zum Beweis diente ein Teng-Zitat: "Unsere Revolution hängt von materiellem Anreiz ab, wenn man sich darauf stützt, kommt man zum Kommunismus." Er habe für eine Verständigung mit Amerika und Rußland plädiert, er sei -- so die Zeitschrift der Pekinger Tsinghua-Universität -- der "führende Mann des sowjetischen Revisionismus", der "sich selbst zum König krönte".

Tengs ärgster Fehler war für die Kulturrevolutionäre sein Vorschlag von 1961 gewesen: die Parteiaufsicht über das Schulsystem zu lockern, Lernanreize durch akademische Grade zu schaffen und die Mao-Idee vom Unterricht durch Arbeit abzuweisen. Hier legte der Kulturkritiker sich mit Frau Mao an: "Im Theater", für das die ehemalige Filmschauspielerin Tschiang Tsching nun zuständig war, "gibt es jetzt nur noch Soldaten und Schlachten. Und was überzeugt heute schon auf dem Gebiet des Films? Dies läßt man nicht zur Aufführung kommen und jenes nicht!"

Bei Massenversammlungen schimpfte Frau Mao auf Teng. Auf Millionen Wandzeitungen wurde er mit Hundekopf und Schweineschnauze karikiert, "Große Giftpflanze" und "Hauptwurzel der reaktionären Linie der Bourgeoisie" genannt. Tengs zwei Söhne -- er ist verheiratet mit Frau Tscho Lin -- mußten sich öffentlich von ihm lossagen und ihn anklagen.

Einer aus der Mao-Gruppe, Tschou En-lai, sorgte schließlich dafür, daß Teng wenigstens in der offiziellen Presse nur noch anonym beschimpft wurde, während die Rotgardisten gegen ihn mit vollem Namen agitierten.

Tschou sorgte auch dafür, daß Teng schleunigst zur Umerziehung aufs Land verschickt wurde, wo er ohne Schaden den Sturm überstehen konnte. Zuvor, am 23. Oktober 1966, legte er noch eine schlaue, fast verwegene Selbstkritik ab:

Nun, wo ich beginne, mich im Spiegel zu betrachten, bin ich in der Tat tief schockiert ... Ich muß mich von Grund auf an. dem und mit harter Anstrengung die Werke des Vorsitzenden studieren, mich umerziehen und meine Fehler korrigieren, um in meinen absteigenden Jahren meinen Ruf zu bewahren . . Herrlich erleuchtet von den Ideen Mao Tse-tungs muß ich mich bemühen, aus eigener Kraft wieder da aufzustehen, wo ich gefallen bin.

Teng bezichtigte sich der Rechtsabweichung und auch einer Abweichung "der Form nach links und in Wirklichkeit rechts". Und dann gab er es dem designierten Mao-Nachfolger Lin Piao: Genosse Lin Piao allein hat das Rote Banner des Mao-Tse-tung-Denkens hochgehalten ... Nur er macht rechtzeitig Berichte an den Vorsitzenden über wichtige Angelegenheiten und ersucht ihn um Instruktionen. Er allein kennt das Denken und die Intentionen des Vorsitzenden am besten, versteht am besten die Massen und die Lage an der Basis. Nur daher hat er ein so hohes Niveau des Denkens und so große Führungsqualitäten ... Eine Person wie ich, die Fehler gemacht hat, sollte aufrichtig von dem Genossen Lin Piao lernen.

Mit dieser Persiflage hatte der Fuchs Teng sich für die Zeit nach Lin Piao qualifiziert. Anderthalb Jahre nach dessen Rutsch- und Fluchtversuch wurde Teng bei Hofe wieder eingeladen.

Auf einem Empfang zu Ehren von Kambodschas Prinz Sihanouk am 12. April 1973 in Peking machte Maos Nichte Wang Hai-jung Ausländer auf den stillen Gast im zerknitterten Konfektionsanzug aufmerksam.

Gastgeber Tschou En-lai brachte einen Toast auf Sihanouk aus und nahm dabei Teng ins Visier: "Hier ist ein Mann, der viel ertragen hat und viel leiden mußte für sein Land."

In der Gästeliste rangierte Teng Hsiao-ping wieder als "Vizepremier". Vier Monate später wurde er vom 10. Parteitag wieder ins ZK gewählt, fünf Monate später ins Politbüro, drei Monate darauf durfte er nach New York reisen: Er leitete Chinas Delegation zur Uno-Sondersitzung über Rohstofffragen. Vor dem Plenum hielt er eine glänzende Rede.

Einen Monat später, im Mai 1974, wurde Pakistans Präsident Bhutto auf dem Pekinger Flughafen nicht von Premier Tschou empfangen, sondern von Vize Teng. Als Bhutto bei Mao vorsprach, setzte sich Teng auf Tschous angestammten Sessel, von Mao nur durch einen Spucknapf getrennt. "Tanzboden, Schwimmbad und hübsche Mädchen."

Dann dauerte es noch ein halbes Jahr, bis das ZK, im Januar 1975, Teng zum Vize-Vorsitzenden wählte: zum Stellvertreter Maos. Zwei Wochen später wurde er Generalstabschef.

Bald darauf, im vorigen Mai, führte Teng eine Regierungsdelegation nach Frankreich: Nach 50 Jahren sah er Europa, Paris, wieder -- und ergänzte sogleich die Tschou-Politik einer Annäherung an Amerika durch eine eigene diplomatische Offensive in Richtung Westeuropa.

Tschous Worte: "Ich kenne kein Kaliningrad, sondern nur Königsberg" wandelte er vorsichtig ab: "Das deutsche Volk ist ein schöpferisches Volk", dem gegenüber das chinesische "von jeher" freundschaftliche Gefühle hege.

Welche Gefühle die Chinesen für ihren neuen Führer Teng hegen, ist ungewiß -- ganz China hat in der Kulturrevolution aus Wandzeitungen erfahren, wie er es privatim gern hat.

Die Rotgardisten schilderten ihn der staunenden Bevölkerung als durch und durch "dekadenten Bourgeois". Den jungen Puritanern mißfiel seine Vorliebe für Bridge und das Majong-Spiel -- einmal soll er sogar zur Herbeischaffung des fehlenden vierten Spielers ein Sonderflugzeug von Kanton nach Peking geschickt haben.

Als er noch Generalsekretär war, sorgte er dafür, daß die Funktionäre neue Privilegien erhielten: besondere Eisenbahnabteile und Flugzeuge, luxuriöse Erholungsheime "mit Tanzboden, Schwimmbad und hübschen Mädchen". Er selbst beschaffte seinen jüngeren Brüdern, die in Tschungking leben, Garderobe, Alkoholika und Feinkost aus der Hauptstadt.

Teng war nicht so anspruchslos wie sein Förderer Tschou En-lai. Er gab sich der Völlerei hin. Er schätzte Bankette, er ist Kettenraucher. Der Wicht vermochte, so die Jung-Maoisten, 15 Gänge zu vertilgen:

Manche Gerichte wurden zurückgewiesen, nachdem Teng ein bißchen daran geschnuppert hatte. Dieser Mann besaß einen Mund wie ein Vielfraß und die Hände eines Müßiggängers. Wurden Früchte zum Nachtisch serviert, verlangte er von der Bedienung, sie zu schälen oder in kleine Stücke zu schneiden und Zahnstocher hineinzustecken. Das Obst mußte dann auf einer Platte angerichtet und ihm vorgelegt werden, ehe er seinen großen Mund öffnete -- den Mund eines ordinären bürgerlichen Geschäftsinhabers! Dies ist ein sozialistisches Land!

Heute verdient der stellvertretende Ministerpräsident Teng Hsiao-ping 400 JUan (500 Mark) im Monat, und auch das ist ihm, so sagt er, noch zuviel -- wohl eine Reverenz vor den letzten kulturrevolutionären Zuckungen, zu denen Mao immer noch Handzeichen gibt: Voriges Jahr wünschte Mao sich eine Kampagne gegen das achtstufige Lohnsystem (von 28 Mark bis 135 Mark im Monat) für Fabrikarbeiter. das seinem Gleichheitsideal widerspricht und, so Mao, zu bürgerlicher Profitsucht verleitet.

"Treffen der schlechtesten Menschen der Welt."

Dabei hat China inzwischen eine neue Verfassung, in der Leistungslohn wie auch Privatparzellen, Streikrecht und die Genehmigung von Wandzeitungen garantiert sind -- aber auch im alten Funktionärsstil das Recht der Polizei, ohne Gerichtsbefehl zu verhaften.

Maos Gelegenheits-Kampagnen finden Resonanz hauptsächlich noch bei den Überresten seiner Fraktion in der Partei, angeführt von Frau Tschiang Tsching. Die Gruppe ist reduziert, da die Rotgardisten-Millionen noch immer aufs Land verbannt und die Häupter wie Lin Piao (der heute als Sündenbock für die Exzesse der Kulturrevolution dient) ausgeschaltet sind.

Zwar wurde Maos Anhängerschaft um Newcomer aus Schanghai angereichert -- etwa den jungen Wang Hungwen, 40, und den Journalisten Tschang Tschun-tschiao, 66. Den aber hat Teng schon halb auf seinen Kurs herübergezogen. Tschang ist jetzt de facto Generalsekretär der Partei.

In den Meinungsmedien erscheint die "Schanghai-Gruppe" überrepräsentiert. Dort predigt sie noch emsig ihre Mao-Ideen fürs Volk: "Die Spitzenpersönlichkeiten des Revisionismus besaßen und besitzen im Inland eine soziale Basis" ("Rote Fahne", Schanghai).

In Wahrheit ist im Partei-, Staats- und Militärapparat die Funktionärsklasse weithin wieder auf ihre Machtpositionen zurückgekehrt, für den greisen Mao eine katastrophale Bilanz:

Fast die Hälfte der Provinz-Parteichefs und der zentralen Militärführer wurde rehabilitiert; ein Viertel der höheren Armee-Ränge und ein Drittel der Vize-Minister sitzen wieder auf den alten Planstellen, nur jeder fünfte Minister und jeder vierte Parteisekretär blieben endgültig gesäubert. Alle acht Stellvertreter des Generalstabschefs sind wieder da und bis auf einen auch die Kommandeure der acht Waffengattungen sowie 18 ihrer 25 Stellvertreter.

Von den Kommandeuren der 13 Wehrbezirke ist inzwischen einer verstorben, einer wurde in der Kulturrevolution ohne Wiederkehr gesäubert, elf aber sind rehabilitiert. Sie sitzen auf anderen hohen Posten -- ihre Stellung übernahmen fast nur alte Kameraden oder Untergebene Teng Hsiao-pings.

Generalstabschef Teng hat dank alter Beziehungen die Armee hinter sich.

* Mikojan, Liu Schao-tschi, Chruschtschow, Teng Hsiao-ping, Koslow, Suslow, Peng Schen.

Er glaubt, es sich wohl leisten zu können, die Sowjet-Union der Vorbereitung des nächsten Weltkrieges zu bezichtigen, ohne selbst so rasant aufrüsten zu müssen wie der Nachbar im Norden. Teng zitiert da gern Mao: "Nähert sich ein Gewitter vom Berg, pfeift der Wind durch die Burg. Der Wind bläst immer stärker, und nichts kann den Sturm aufhalten."

Gleichzeitig jedoch irritierte der selbstsichere Teng mit einer freundlichen Geste gegenüber Moskau -- Freilassung einer wegen Spionage einsitzenden Hubschrauber-Besatzung -- die Amerikaner und deren Präsidenten Ford mit Avancen an Vorgänger Nixon. Er wirft Washington vor, es halte am Bund mit Taiwan fest -- und schickt selbst alle noch gefangengehaltenen Kuomintang-Kämpfer nach Taiwan.

Er ärgert die regierenden Sozialdemokraten Englands und Westdeutschlands, indem er sich den konservativen Oppositionspolitikern als Bruder im Geiste darstellt: "Diese Leute halten unsere Zusammenkunft für ein Treffen der schlechtesten Menschen der Welt", sagte er leutselig zu Bayerns Strauß, "leider gibt es noch zu wenige solcher schlechten Menschen."

Gestützt auf wirtschaftliche Erfolge ·wie rasch wachsenden Ölexport und die beste Ernte der Geschichte Chinas, agiert Taktiker Teng mit fast unheimlicher Gelassenheit. Er ist weit erfahrener und flexibler als sein Ex-Kampfgenasse Liu Schao-tschi, und er hat von seinem Schutzherrn Tschou En-lai gelernt.

Als jüngst Erziehungsminister Tschou Jung-hsin die Rückkehr zum Leistungsprinzip an den Hochschulen vorschlug, witterten die Mao-Linken ihre Chance und klebten massenhaft Wandzeitungen gegen den "Reaktionär". Die Regierung selbst aber forderte die Studenten auf, die Protestplakate zu lesen, und führte gar großzügig Ausländer zu den aufgestellten Tafeln.

Diese Meinungsfreiheit honorierte die "Rote Fahne" mit einem Aufruf zur Versöhnung: "Lernt die dialektische Auffassung von der Einheit der Gegensätze beherrschen!"

Möglicherweise sorgte sich Tschou En-lai auf seinem Sterbelager ohne Grund um Chinas Zukunft und innere Einigkeit, als er ein pessimistisches Vermächtnis abfaßte und unter den höheren Funktionären in Umlauf brachte: "Unsere Generation hatte noch nie ruhige Tage. Würden wir sorglos schlafen gehen, würden unser Volk und unsere Partei auseinanderfallen, und Millionen Köpfe müßten rollen."

Tschou fürchtete einen Bürgerkrieg, ausgelost durch parteiinternen Hader. Eine gemeinsame Aktion auswärtiger und landeseigener Feinde hielt er für "wahrscheinlich", drei Lösungen für möglich:

* "Die Partei und das Volk versuchen gemeinsam, die Aggressoren zu vernichten, die interne Rebellion niederzuschlagen und das Land aus den Ruinen wiederaufzubauen."> "Wir kehren zu (den kommunistischen Befestigungen im Bürgerkrieg) Tsching-kangschan und Jenan zurück, um den Partisanenkrieg wiederaufzunehmen

* "Die Rebellen siegen -- in diesem Fall würde der Sieg des Kommunismus um 50 bis 100 Jahre, vielleicht noch länger verzögert werden." Vielleicht hat Tschou diesen Pessimismus vor seinem Tod noch dem Großen Steuermann vermittelt -- so wäre zu erklären, daß Mao einen Teng zum Nachfolger aufsteigen ließ. Dann freilich hätte Mao gegen Ende seines Lebens resigniert -- sich selbst verraten.

Oder aber die Realitätsferne des Visionärs hat ihn über derart diesseitige Erwägungen schon hinweggetragen. Dafür spräche, daß auch Mao einen Besuch in der alten Fluchtburg Tschingkangschan vorhersah: in seinem Neujahrs-Gedicht, aber mit einer ganz anderen als der pessimistischen Prognose Tschous: Wir kennen den Mond im neunten Himmel greifen und Schildkröten in den Tiefen der fünf Meere fangen, im Triumph und lachend werden wir heimkehren.


DER SPIEGEL 3/1976
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