12.01.1976

Null bis zehn

Mit dem bisher höchsten Aufwand bereiten sich die bundesdeutschen Eisund Schneesportler auf die Olympischen Winterspiele vor. Dennoch haben sich ihre Chancen vermindert.
Bundesdeutschlands Wintersportler haben den Sommer abgeschafft. "So intensiv wie seit dem letzten Mai hat sich unsere Wintermannschaft noch niemals vorbereitet", lobte Helmut Meyer, der Direktor des Bundesausschusses für Leistungssport (BAL).
Für BAL-Planer steht auch die Medaillen-Ausbeute bei den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck (4. bis 15. Februar) so sicher fest, wie für Allensbach-Demoskopen das Wahlresultat eine Woche vor der Stimmabgabe.
Mindestens fünf, günstigenfalls bis zu neun Medaillen rechnete Thomasz Lempart, Planungsexperte im BAL schon 1974 für das Winter-Olympia hoch. Nach Mißerfolgen schränkte Meyer vorsichtig ein: "Von null bis zehn ist alles drin."
Der ungewisse Erfolg hat mehr Investitionen gekostet als je zuvor. Mehr als eine Million Mark erfordert die Entsendung und Unterhaltung der Mannschaft, ungefähr 750 000 Mark ihre Winterausrüstung. Mit den Ausgaben für das Training, für Verdienstausfall und soziale Hilfen summieren sich unter dem Strich gut vier Millionen Mark. Gemessen am Olympia-Gold erscheint vulgäres Minen-Gold preiswert. Dem finanziellen Kraftakt entsprachen sorgfältige Feinplanung und ganzjähriger Trainingsfleiß. Bis zum Saisonstart probten die Skispringer schon je 400 Sprünge von Mattenschanzen, die Abfahrtsläufer schossen Abhänge in den chilenischen Anden bei Portillo hinunter, die Slalomläufer durchkurvten bis zu 10 000 Tore, die Skilangläufer glitten 1000 Kilometer über schwedische Loipen.
Im Windkanal testeten die Skisportler auf die Haut geschneiderte Trikots, erprobten sie die windschlüpfrigste Haltung für Rennen oder Skisprünge. "So viel Energie und Geld wurde noch nie in eine Wintervorbereitung der BRD investiert", warnte das Ostberliner "Sportecho" die DDR-Favoriten. "Die Bedingungen sind optimal."
Dennoch ist es unwahrscheinlich, daß die Bundes-Equipe ihren Olympia-Standard von 1972 (fünf Medaillen, darunter drei goldene) halten kann.
Denn die langfristige BAL-Voraussage des gebürtigen Polen Lempart -- einst Generalsekretär des polnischen Olympia-Komitees -- stützte sich auf die Ergebnisse der Bundessportler bei wichtigen internationalen Wettkämpfen der letzten Jahre.
Doch in vielen Wintersportarten sind die Voraussetzungen in der Bundesrepublik nicht mit denen der Ostblock-Länder vergleichbar. Kommunistische Sportplaner entwickelten genauer das Verfahren, aus allen vorliegenden Leistungs-Daten künftige Medaillen in sogenannten Perspektivplänen vorauszuberechnen -- meist zutreffend.
Denn anders als in der Bundesrepublik sorgt in den osteuropäischen Staaten ein umfassendes Auswahlsystem für zureichenden Talentnachschub. In der UdSSR treiben allein 93 000 jugendliche Eisschnelläufer Wettkampfsport. In der Bundesrepublik nehmen von den etwa 400 Eisschnelläufern nur rund 40 an Rennen teil.
Abgetretene Ostblock-Stars finden meist erfolgreiche Nachfolger. Für die Eissprinter Monika Holzner-Pflug und Dr. Erhard Keller, die 1972 zwei von drei bundesdeutschen Goldmedaillen erkämpften, gibt es keinen Ersatz.
Der vielseitige, zwei Goldmedaillen (1968 und 1972) schwere Keller -- Zahnmediziner, Sport-Kommentator und TV-Entertainer im "Spiel ohne Grenzen" -hatte sich einer Profi-Gruppe angeschlossen, die rasch in finanzielle Atemnot geriet. Trotzdem lief Keller jüngst, ohne gezieltes Training, weit vor den deutschen Amateuren, eine medaillenverdächtige Zeit. Doch beim Olympia darf er nicht starten.
Monika Holzner-Pflug war 1972 als Außenseiterin Olympiasiegerin geworden und verkraftete offenbar die Bürde nicht, nun als Favoritin die Medaillen-Hoffnungen der Eisläufer allein zu tragen. Sie stürzte in wichtigen Rennen, überwarf sich mit ihrem Trainer Herbert Höfl, den sie vorher selber angefordert hatte: "Ich hatte den Barras-Ton satt." Höfl ("Wir reden nur noch vor Gericht miteinander") klagte wegen Beleidigung.
Seit 1974 verfügen die Eisschnelläufer neben ihrer angestammten Piste in Inzell über eine zweite, zwölf Millionen Mark teure Bahn in Berlin und eine dritte im rheinischen Grefrath. Während des Sommers hatten sie sich in Ratzeburger Ruderbooten fit gehalten. Doch die Mitglieder des kleinen Kaders jagen der angeforderten Medaille mit ähnlichen Chancen nach wie Rennhunde dem Stoffhasen.
Am wenigsten haben die Förderer an der Abfahrts- und Slalommannschaft gespart. Allein das Zubehör der Skifahrer kostet pro Kopf fast 34 000 Mark, zusammen ungefähr eine halbe Million Mark. Alle an der Ausrüstung beteiligten Firmen zahlen 400 000 Mark in den bundesdeutschen Ski-Pool. Außerdem mußten sie 800 000 Mark pauschal als Verdienstausfall zuschießen. Ungefähr eine Million Mark steckte der Verband ins Olympiageschäft.
"Eine Million zum Fenster rausgeworfen?" fragte "Bild" nach den ersten, für die deutsche Herren-Equipe enttäuschenden Weltcup-Rennen dieser Saison. Berechtigte Hoffnungen auf die von Lempart erwarteten ein bis zwei Medaillen in den Slalom- und Abfahrtsläufen hegt denn auch vor allem die Damen-Mannschaft.
Den Eiskunstläufern, Skilangläufern und Skispringern traute Lempart zusammen bestenfalls eine Plakette zu. Auch die bundesdeutschen Rennrodler werden die BAL-Erwartungen auf ein bis zwei Medaillen kaum erfüllen können: Alle Indizien deuten auf einen totalen Sieg der DDR.
Gold sind nach den Vor-Leistungen nur die Bundesbobs wert. Seit Mai hat sich die Bobelite durch Konditionstraining und Startübungen gezielt auf die Olympiarennen vorbereitet. Testfahrten im olympischen Eiskanal in Igls bestätigten: Auf der vergleichsweise langsamen Piste entscheidet schon die Beschleunigung, mit der die Crew ihren Bob anschiebt. Olympiasieger Wolfgang Zimmerer ("Wer gut schiebt, siegt") heuerte dafür einen Leichtathleten an, den Hürdensprinter Manfred Schumann.
Überdies erhielten die Goldanwärter eine Trainingseinrichtung, die es bislang auf der Welt noch nicht gegeben hat: In Königsee üben sie seit Mitte Dezember auf einer eigens für etwa 100 000 Mark angelegten Startbahn aus Kunsteis den rechten Startschub. Die Anlage mit einem Schaumgummi-Prellbock ermöglicht 20 Starts pro Stunde. Dennoch bleibt ungewiß, ob Bobfahrer und Skimädchen das angesetzte Gesamtsoll von wenigstens fünf Medaillen einzubringen vermögen.
Hilfe im Planspiel verheißen Sportler, die in der BAL-Hochrechnung nicht einmal gesondert vorkommen: Seit die Bundeswehr den Biathlon (Kombinationswertung aus Skilanglauf und Schießen) zielgerecht fördert, haben die Bundesdeutschen hier Anschluß an die Weltklasse gefunden.

DER SPIEGEL 3/1976
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