02.02.1976

PARTEIGRÜNDERWas ich kann

Ein Strauß-Verehrer greift nach der Macht in Bonn: Dietrich Bahner, Schuhhändler in Augsburg und einstmals bayrischer FDP-Chef.
Ende vergangenen Jahres erspähte der Augsburger Schuhhändler Dietrich Bahner, 62, etwas, das er "so ein bißchen" für den "Rockzipfel der Geschichte" hielt. Flugs langte er hin Nun glaubt der Handelsmann, die Historie im Griff zu haben.
Zuversicht verbreitet Bahner, seit Franz Josef Strauß letztes Jahr seine Taktik korrigierte: Als der Christsoziale damals fürs erste darauf verzichtete, die CSU zu einer bundesweiten "vierten Partei" auszubauen, erkannte Bahner, daß urplötzlich ein zündender Name freigeworden war, "der die Leute aufmerksam macht",
Seither gibt sich der Schuhunternehmer sicher, daß er demnächst auf die politische Bühne zurückkehren kann, die er 1970 verlassen mußte, als ihn die bayrische FDP als Landesvorsitzenden stürzte. An der Spitze der "Aktionsgemeinschaft Vierte Partei" (AVP), einem Sammelbecken diverser Splittergruppen, will Bahner bei der Bundestagswahl jene Stimmen in eine Koalition mit der CDU/CSU einbringen, die den Rechten, meint er, andernfalls zur Mehrheit fehlen würden.
"Aus der eigenen Tasche" bezahlte der Unternehmer denn auch die aufsehenerregende Anzeigen-Kampagne, mit der die AVP Anfang Januar Mitglieder warb, die "bundesweit für die Ziele der CSU" streiten möchten. Und er selber gab auch jene umstrittene Meinungsumfrage in Auftrag, der zufolge angeblich "mehr als 2,5 Millionen" Bundesdeutsche die AVP zu wählen bereit sind (SPIEGEL 3/1976).
In seiner Augsburger Schuhfirma "Hako" stellt Bahner der AVP seit Wochen Geschäftsräume zur Verfügung, bei Unternehmer-Kollegen bemüht er sich, Spenden lockerzumachen. Denn obgleich Bahner finanziell weiterhin "tun will, was ich kann", kann er allein "natürlich auf keinen Fall" die Millionenkosten tragen, die seine hochgesteckten Pläne erfordern: Kandidaten möglichst in allen Bundesländern, hauptamtlich besetzte Regionalgeschäftsstellen, aufwendige Werbefeldzüge.
Im Gründen von Parteien hat Bahner reichlich Erfahrungen, wenn auch kaum Erfolge sammeln können. Während seine Firmengruppe prosperierte (Umsatz 1975: 250 Millionen Mark; 3000 Mitarbeiter), drückte den Unternehmer politisch stets der Schuh.
Auf der Bundesebene hatte Bahner nur einmal von sich reden gemacht -- als er 1969, am Scheitelpunkt seiner Karriere, gemeinsam mit Ralf Dahrendorf und Hans-Dietrich Genscher die F.D.P.-Wahlkampfplattform entwerfen durfte und dabei als rechter Flügelmann des Trios, zur Überraschung seiner Mitautoren, auch ein paar progressiv anmutende Einsprengsel beitrug.
Dennoch und ungeachtet seiner schon damals großzügigen Spenden wählten die Freidemokraten den "Steinzeit-Liberalen" (Jungdemokraten-Urteil) 1970 aus ihrem Bundesvorstand heraus. Sein eigener Landesverband -- mehr an Mitbestimmung als an Mittelstandspolitik nach Bahner-Art interessiert -- sprach ihm wenig später das Mißtrauen aus.
Seither scheint Bahner seinen politischen Ehrgeiz nur mehr auf ein Ziel zu richten: seine Bemühungen um ein politisches Comeback mit dem Versuch zu kombinieren, die FDP in die Opposition oder unter die Fünfprozent-Hürde abzudrängen. Bahner fügte sich mithin, ebenso wie der FDP-Deserteur Siegfried ("Mogelzahn") Zoglmann, in die Pläne des CSU-Chefs Strauß, die FDP zu spalten und mit Hilfe abgesprungener Nationalliberaler außerbayrische CSU-Brückenköpfe anzulegen.
So wurde Bahner in Zoglmanns "Hohensyburger Kreis" ebenso aktiv wie später in der National-Liberalen Aktion (NLA). 1971 beriet er mit Strauß bei einem Geheimtreffen in Augsburg über die Gründung der Deutschen Union (DU), deren Vorsitz er übernahm und deren Nachfolge inzwischen die gleichfalls mit Strauß abgesprochene Deutsche Soziale Union (DSU) und der Berliner Bund Freies Deutschland (BFD) angetreten haben; bei der BFD-Gründung war Bahner mit Spendenzusagen zur Stelle.
Freilich: Mit keiner einzigen dieser Splittergruppen, bei keiner einzigen Wahl haben Bahner und seine Mitstreiter der Union bislang nützen können. Kurz vor der letzten Bundestagswahl verzichtete die DU auf eine Kandidatur, kurz vor der letzten NRW-Landtagswahl die DSU.
In Berlin, wo der BFD mit 3,4 Prozent scheiterte, und bei hessischen Kommunalwahlen, wo die DU einmal auf 1,1 Prozent kam, gingen die Gewinne großenteils zu Lasten der CDU. Bahners DU habe ihn, empörte sich 1974 CDU-Landeschef Dregger, "um einen Landrat gebracht".
Bei der nächsten Bundestagswahl könnte der "Idealist, ja Illusionist" ("Süddeutsche Zeitung") die Union um weitaus mehr bringen. Denn sicher scheint, daß die AVP abermals auch der CDU Wähler abjagen wird -- womöglich entscheidende Stimmen, die unter den Tisch fallen, wenn die AVP an der Fünfprozent-Hürde scheitert.

DER SPIEGEL 6/1976
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