02.02.1976

Sachs: Ich hab' halt diesen Kram geerbt

In München und Hamburg, in Rechenau/Oberbayern und Keitum/Sylt waren die Steuerfahnder den beiden Sachs-Brüdern auf der Spur. Aus Akten und Kleidungsstücken wollen Sie den Anspruch auf rund 150 Millionen Mark ableiten. Doch bislang geben sich die Millionen-Erben gelassen: Sie glauben, noch einmal davonzukommen.

Fast eine dreiviertel Stunde mußte Lois Erdl, Staranwalt unter Westdeutschlands Wirtschaftsjuristen, im engen Vorzimmer des Beamten warten. Dann, am letzten Dienstag um 12.15 Uhr, ließ Ministerialdirektor Lothar Müller vom bayrischen Finanzministerium den unerwarteten Gast vor.

"Ich komme unangemeldet", entschuldigte sich der Anwalt, "und nur auf fünf Minuten. Aber erst einmal gratuliere ich Ihnen zum Geburtstag."

Das war die letzte Freundlichkeit zwischen Gratulant und Geburtstagskind: Erdl als Vertreter der Gebrüder Sachs und Müller als Repräsentant der Staatsmacht stehen einander als erbitterte Gegner in einem der größten Steuerverfahren der letzten Jahre gegenüber.

Dabei geht es ums große Geld. Müller will den Brüdern fast die Hälfte jenes Betrages abnehmen, den die beiden Erben aus dem Verkauf von 74,9 Prozent ihrer Anteile an der Schweinfurter Fichtel-&-Sachs-Gruppe einstreichen wollen. Von den 330 Millionen Mark, die der britische Konzern Guest, Keen and Nettlefolds für die Mehrheit der F&-S-Aktien anzulegen versprach, soll der Fiskus rund 150 Millionen abbekommen.

Just als die beiden den Handel in London perfekt machten, schlug der frühere Fallschirmjäger und Freizeitmathematiker Müller zu: Am Vormittag des 22. Januar schwärmten seine Steuerfahnder aus, um die Sachs-Brüder doch noch abzufangen. Ein Trupp von zehn Mann machte sich in den frühen Morgenstunden auf den Weg nach Oberbayern, um den angestammten Familiensitz Gut Rechenau bei Oberauendorf zu filzen. Fünf Kollegen nahmen sich derweil der zweiten Etage des Hauses Widenmayerstraße 31 in München an, wo beide Brüder offiziell ihre Sekretäre eingemietet haben.

Die Fahnder interessierten sich bald nur noch für jene Zimmer, die sich deutlich von den Büros unterschieden. Zwei mittelgroße Räume. wohl ausgestattet mit Schränken, einem Bett und anderem Mobiliar. Die Beamten photographierten Anzüge und Schuhe, Hemden und Unterhosen. Dann blätterten sie in Akten und Papieren. Sieben Ordner schienen ihnen verdächtig.

So nahmen sie die Unterlagen über den Scheidungsprozeß Gunter Sachs -- Brigitte Bardot an sich. Auch ein Hefter mit den Zeugnissen des Gunter-Sohnes Rolf, 20, wurde konfisziert.

Bei ihren Recherchen kam es den Fahndern nur auf eines an. Sie suchten Beweisstücke für die Annahme, die beiden Brüder seien -- obgleich seit Jahren in der Schweiz gemeldet -- durchaus auch in der Bundesrepublik heimisch. Dann nämlich, hatte sich Müller ausgerechnet, könnten sich Westdeutschlands Finanzämter bedienen.

Beim Aushandeln des deutschschweizerischen Doppelbesteuerungsabkommens von 1971 habe die Bundesregierung durch den Artikel 4 eine Barriere gegen Steuerflüchtlinge à la Sachs aufgebaut. Der Absatz drei sei geradezu auf die Erben zugeschnitten:

Gilt eine natürliche Person, die in der Bundesrepublik über eine ständige Wohnstätte verfügt ... als in der Schweiz ansässig, so kann die Bundesrepublik Deutschland diese Person ... nach Vorschriften über die unbeschränkte Steuerpflicht besteuern.

"Es ist doch ganz klar, daß ich hier wohne."

Diese Vorschrift (Müller: "Ein Revisionsparagraph, der in unklaren Fällen den Zugriff erlaubt") unterwirft die Sachs-Brüder nach den Analysen der bayrischen Finanzbeamten selbst dann den deutschen Steuergesetzen, wenn sie sich ihren Hauptwohnsitz in der Schweiz eingerichtet haben und in der Bundesrepublik lediglich eine Unterkunft offenhielten. Denn der Paragraph 13 des Steueranpassungsgesetzes" der das Doppelbesteuerungs-Abkommen ergänzt, schreibt lediglich vor:

Einen Wohnsitz im Sinn der Steuergesetze hat jemand dort, wo er eine Wohnung innehat unter Umständen, die darauf schließen lassen, daß er die Wohnung beibehalten und benutzen wird.

Schon eine notdürftige Bleibe, die den Brüdern ständig zur Verfügung stehe, begründet deshalb nach Müllers Meinung die Millionenforderung gegen das Erben-Gespann.

Gelingt den Fahndern der Nachweis einer Sachs-Herberge auf deutschem Boden, so müssen die Brüder in den nächsten Wochen mit saftigen Steuerbescheiden rechnen.

* Der Verkauf der Fichte!&-Sachs-Anteile wird nach den Paragraphen 17 und 32 Einkommensteuergesetz mit 28 Prozent der Kaufsumme, also 92,4 Millionen Mark, besteuert,

* für die Dividenden der letzten fünf Jahre wären 53 Prozent Staatsabgaben fällig, nach ersten Hochrechnungen knapp 60 Millionen.

Überdies droht gar der Vorwurf der versteckten Gewinnausschüttung. Sollte nämlich der Familiensitz Gut Rechenau in Oberbayern, den die Brüder teilweise ihrer Firma übertrugen, ausschließlich oder vornehmlich von den Erben benutzt worden sein, so käme diese großzügige Geste der Firma rechtlich einer Zuwendung gleich -- und müßte nachträglich als Einkommen versteuert werden.

Gunter und Ernst Wilhelm Sachs waren diesmal dank Müllers Fahndung wieder einmal ins bundesdeutsche Gerede gekommen. Jahrelang hatten die beiden Illustrierte und Klatschkolumnisten verwöhnt. Ernst Wilhelm Sachs, 46, zog den diskreten Charme des scheuen, doch unermüdlichen Jet-setters und Freundes blonder Beauties vor.

Bruder Gunter, 43. hingegen war auch vor großen Auftritten nicht bange. Er techtelte mit Ex-Kaiserin Soraya und führte Frankreichs Brigitte Bardot heim. Und auch dazwischen blieb er nicht untätig. Redlich verdiente sich der "President and Founder" des Dracula Vereins, eines in Sankt Moritz residierenden Elite-Klubs amüsierwilliger Lebenskünstler, Ruf und Rang des einzigen westdeutschen Playboys von internationalem Zuschnitt.

Erst als der vielgeschäftige Erbe Kasse machen wollte, als der Inhaber eines deutschen Passes seine Anteile an dem deutschen Traditionsunternehmen verkaufen und die deutschen Finanzämter dabei leer ausgehen lassen wollte, verdunkelte sich das strahlende Illustrierten-Image. Aus dem Liebling der Nation war über Nacht ein ganz normaler Steuerflüchtling geworden, ein gewiefter Millionenerbe, der schlau alle Möglichkeiten der legalen Steuerhinterziehung nutzte, um dem Staate vorzuenthalten, was des Staates ist.

Mit Recht konnten sich Millionen westdeutscher Steuerzahler verschaukelt fühlen; zu bizarr schienen die Steuerprivilegien der Großerben. Während jeder Arbeitnehmer seine Staatsabgaben schon vom Arbeitgeber abgenommen bekommt, während jeder Kleinaktionär seine Dividende, jeder Sparbuch-Sparer seinen Zins ver-

* Rechts Ehefrau Brigitte Bardot (1966).

steuern muß, beanspruchen die Sachs-Brüder freies Steuergeleit bis an die Schweizer Grenze.

Dennoch: Gunter Sachs fühlt sich verfolgt. Für ihn laufen die Ermittlungen der Finanzbehörden im "Fluchtpunkt Neid" zusammen. Er und sein Bruder nutzten lediglich die Rechte aus, die ihnen als Schweizer Steuerbürgern zustehen. Keinesfalls wolle er Steuergesetze verletzen oder sich vor fälligen Abgaben drücken: "Ich habe alles bezahlt, was ich bezahlen muß, und werde das auch in Zukunft tun." Er sei "stolz darauf", daß er "nicht zu denen gehört. die es noch gerade vor der Einführung des neuen Doppelbesteuerungsabkommens geschafft haben".

Müllers Verdacht und der Einsatz der Steuerfahnder gehen nach seiner Ansicht denn auch zwangsläufig ins Leere. In seiner Wohnung am Genfer See wunderte er sich am Mittwoch letzter Woche: "Es ist doch ganz klar, daß ich hier wohne. Warum haben die sich nicht hier umgetan?"

Da hätten die Steuerfahnder viel zu tun gehabt. Neben der Lausanner Bleibe hat sich Gunter Sachs ("Ich richte für mein Leben gern Wohnungen ein") in Sankt Moritz und Gstaad, in London und Paris häuslich niedergelassen.

Vor allem aber: Die ausländischen Wohnsitze interessieren Müller und seine Rechercheure nicht einmal am Rande. Sie haben es einzig und allein auf Deutsches abgesehen, auf den Nachweis nämlich, daß die Brüder trotz ihrer internationalen Stützpunkte auch in der Bundesrepublik eine Wohnung -- sei es ein winziges Ein-Zimmer-Appartement oder ein weitläufiges Schloß -- zur beliebigen Benutzung unterhalten.

Wohnsitze dieser Art hatte Steuereintreiber Müller "von Anfang an im

* Gunter Sache bewohnt die linke Hälfte des Hauses.

Auge gehabt". Denn seit den ersten Verkaufsmeldungen vom November 1975 mochte der Beamte. CSU-Mitglied seit Ende der vierziger Jahre und voller Bewunderung für den Parteivorsitzenden Franz Josef Strauß, in der Affäre Sachs nichts anderes sehen als einen "Fall volkswirtschaftlichen Diebstahls". Diskret forderte er von Grundbuchämtern in Schweinfurt, München und Oberbayern alle verfügbaren Unterlagen an, die Aufschluß über Lebensgewohnheiten und Immobilienbesitz der Erben versprachen.

Und schon bald glaubte Müller, fündig geworden zu sein: "Ich bin bei beiden Herren der Überzeugung, daß sie einen Wohnsitz in Deutschland haben."

Gerd und Helmut, Mitglieder der Mühlbacher "Sensenschmied"-Blaskapelle, werden da kaum anderer Ansicht sein. "Guat zoit ham's allerweil", erinnern sie sich durchaus wohlwollend an ihre Engagements bei den Sachsens, zu deren Feten sie aufspielen durften.

"Gehen wir doch gleich in die Wohnung."

"Alle drei, vier Wochen" seien die Brüder im Sommer auf Gut Rechenau eingekehrt, um ihre Feste zu feiern; das letzte im vergangenen Herbst. Sie blieben jeweils für drei bis vier Tage -- und amüsierten sich nicht schlecht.

Selbst unaufmerksame Oberaudorfer bekamen mit, wenn im Stammsitz der Sachs-Familie süßes Leben einkehrte. Gelegentlich brannten die Gastgeber auf ihrem Gut farbenfrohe Feuerwerke ab, die auch im Dorf noch gut zu sehen waren.

Schon die Anreise blieb kaum unbemerkt. Die Erben oder ihre Gäste pflegten per Hubschrauber einzufliegen, der auf einem Landeplatz unweit des Jagdgutes niederging.

"Die intime Ausstattung des Hauses", fand das Schweinfurter Amtsgericht, das auf Ersuchen Müllers die Fahndung in Gang gesetzt hatte, "läßt darauf schließen, daß es nicht lediglich als "Gästehaus", sondern in erster Linie für die Beschuldigten zur Verfügung steht. Dies geht auch daraus hervor, daß speziell für den beschuldigten Gunter Sachs einige Räume persönlich reserviert sind."

Genau diese These versuchten die Fahnder mit Belegstücken auszupolstern, als sie auf Rechenau anrückten. Argwöhnisch beobachtet von Verwalter Willi Ender und der Haushälterin Seebacher, kämpfte sich die Zehner-Truppe von Zimmer zu Zimmer. Insbesondere ein Photoalbum mit Ernst Wilhelms liebsten Jagdszenen blätterten sie interessiert durch. Doch beschlagnahmen und abtransportieren mochten sie auch das nicht.

Einige Tage später begaben sich dann die Kollegen aus Norddeutschland auf die Sachs-Pirsch. Nach einem Fehlversuch am vergangenen Montag -- die Sonntagszeitungen hatten bereits über die bayrische Fahndungsaktion berichtet -- machten sich zwei Hamburger Beamte auf den Weg zu einem anderen vermeintlichen Schlupfwinkel des Gunter Sachs. Sie drückten den obersten Klingelknopf des Hauses Rondeel 35 -- vergebens: Wohnungsbesitzer Friedrich von Stumm war ausgegangen. Am nächsten Tag -- die "Bild"-Zeitung hatte bereits gemeldet, daß Hamburgs Steuerfahnder Gunter Sachs auf der Fährte seien -- versuchten sie ihr Glück noch einmal und sprachen im Büro des Sachs-Freundes von Stumm vor.

Der war auf alles gefaßt: "Gehen wir doch gleich in die Wohnung", bat er die Beamten zum zweiten Frühstück. Und als der Kaffee serviert, erste Hemmungen ausgeräumt waren, inspizierte die Runde gemeinsam das ansehnliche Appartement.

Den auch bei Hamburgs Society verbreiteten Verdacht, Stumm diene dem Freunde lediglich als Strohmann, wies Stumm energisch zurück: Ihm allein gehöre die Wohnung, Gunter Sachs habe "keinen Pfennig" beigesteuert.

Der junge Rechtsanwalt, dessen Kanzlei einst das Sekretariat mit Gunter Sachsens (inzwischen eingegangener) Kunst-Galerie teilte, will vielmehr die gut eine halbe Million Mark teure Wohnung selbst gekauft haben: "Das ist meine Wohnung, verdammt noch mal." Lediglich bei der Einrichtung habe Freund Gunter "geholfen: Das ist sein Stil".

Ähnlich mager blieb die Ausbeute der Fahnder auf Sylt, wo Gunter Sachs sich Ende der sechziger Jahre niederließ. Für rund 150 000 Mark kaufte er damals -- wie er behauptet, gemeinsam mit zwei Freunden -- ein Appartement im Keitumer Anwesen von Frau Gertrud Wagner, der Witwe des Bayreuth-Reformators Wieland Wagner. Ohne Fundstücke zogen sich auch in Sylt die Fahnder wieder aufs Festland zurück.

Erste Zweifel an der Sachs-Hatz stellten sich denn auch schon am Mittwoch letzter Woche ein. Hamburgs Steuerfahnder-Chef Wilhelm Höpken war "froh, daß wir den Prozeß nicht führen müssen". Nach den ersten Berichten seiner Beamten, die auf Ersuchen des Münchners Müller Amtshilfe geleistet hatten, war Kollege Höpken "sehr, sehr skeptisch".

Nach der ersten Verwirrung hatten sich auch die Sachs-Truppen gesammelt. Sie bestellten bei befreundeten Steueranwälten detaillierte Rechtsexpertisen, um Müllers Positionen abzuklopfen. Und schon bald meinten sie, erste Schwachstellen ausgemacht zu haben.

Zum deutsch-schweizerischen Doppelbesteuerungsabkommen nämlich gehöre auch das Verhandlungsprotokoll vom 18. Juni 1971, in dem der Wohnsitz-Begriff wesentlich enger gefaßt sei: Als ständige Wohnstätte gelten nicht eine Wohnung oder Räumlichkeiten, die nach Charakter und Lage ausschließlich Erholungs-, Kur-, Studien- oder Sportzwecken dienen und nachweislich nur gelegentlich und nicht zum Zwecke der Wahrnehmung wirtschaftlicher und beruflicher Interessen verwendet werden.

Diese Sondervorschrift habe, so die Sachs-Anwälte weiter, als "lex specialis" Vorrang vor den Paragraphen des Steueranpassungsgesetzes, mit denen Müller die Brüder hatte fangen wollen.

Und weil die Wohnung auf Sylt und der Landsitz in Oberbayern den Brüdern ausschließlich dazu diene, sich die reichliche Freizeit zu vertreiben, müßten diese Niederlassungen der Familie völlig außer acht bleiben.

Auch die in der Vielzweck-Unterkunft in Münchens Widenmayerstraße beschlagnahmten Akten und die Photos der Kleidungsstücke scheinen der Sachs-Equipe nun ziemlich unverfänglich. "AnzUge und Wäsche", beteuerte der Gunter-Sekretär, "gehören mir, und das kann ich auch beweisen." Sein Dienstherr sei immerhin "zwölf Zentimeter größer und 18 Kilo schwerer Die von den Fahndern identifizierten Anzüge würden Sportsfreund Gunter deshalb kaum stehen. So sicher wähnten sich die Sachs-Freunde, daß sie Ende letzter Woche überlegten, ob sie die Angriffslust von Steuereintreiber Müller nicht besser mit einer Gegenoffensive, etwa einer Dienstaufsichtsbeschwerde, bekämpfen sollten.

Zwar gibt auch Gunter Sachs zu, daß "wir womöglich jahrelang, vielleicht bis hinauf zum Bundesfinanzhof prozessieren müssen". Doch am Endsieg ihres Arbeitgebers hegen seine Helfer keine Zweifel: "Wir kommen durch, darüber gibt es gar keinen Zweifel."

Für diese unverhohlene Zuversicht lassen sich in der Tat genügend schlechte Beispiele finden: Nur in seltenen Ausnahmefällen waren die Steuereintreiber den Steuer-Tricks der Prominenten gewachsen, fast immer konnten jene, die sich davonmachen wollten, auch tatsächlich entwischen.

Ruhig und unauffällig verabschiedete sich Stahlerbe Heinrich von Thyssen-Bornemisza, der in den sechziger Jahren unter anderem über die Werften Bremer Vulkan und Flensburger Schiffsbau-Gesellschaft, über die Thyssengas und die Bergwerksgesellschaft Walsum herrschte.

Der Millionärs-Sproß lebt im Steuerparadies Lugano und unterhält in den Niederlanden eine Holding-Gesellschaft. In der Bundesrepublik tauchte er nur noch zu Aufsichtsratssitzungen auf. Als er seine Beteiligungen an der Flensburger Schiffsbau-Gesellschaft und der Bergwerksgesellschaft Walsum versilberte, konnte kein deutsches Finanzamt den Abfluß der Kaufpreise ins Ausland bremsen. Still und ohne viel Aufsehen legte sich seitdem mancher Große aus der deutschen Geldaristokratie ein Schweizer Refugium zu und wartete geduldig jene zehn Jahre ab, die dort zur Etablierung eines Dauerwohnrechts vonnöten sind.

So lebt der einstige Aktienkrösus Hermann D. Krages aus Bremen, dem in Deutschland noch eine Holzhandlung und Holzfaserwerke gehören, zurückgezogen im eidgenössischen Chur.

Auch einige andere hochkarätige Bremer zog es in die Schweizer Alpenfestung. Seit Jahren lebt der Generalkonsul Alfred Kühne, Senior der größten deutschen Privat-Spedition Kühne & Nagel, in Lenzerheide, unweit der Mutter von Gunter Sachs. Nach Zürich zog sich 1973 Klaus Jacobs, Chef des Bremer Kaffee-Unternehmens Joh. Jacobs & Co. GmbH, zurück -- zunächst um dort die Fusion mit dem niederländischen Genußmittel-Produzenten Douwe Egberts zu betreiben. Als aber der große Plan am 8. Juli 1974 wegen des Einspruchs sperriger Douwe-Egberts-Aktionäre scheiterte, zog Kaffee-Erbe Jacobs keineswegs zurück an die Weser. "Trotz der aufgelösten Zürcher Verlobung", so Klaus Jacobs, "blieben wir in der Schweiz."

Am besten konnte es Kaufhaus-Milliardär Helmut Horten.

Wie Krages, Kühne und Kaffeeprinz Jacobs nutzen auch Dutzende anderer das gelobte Steuerland: Stahl-König Willy Korf und Antiquitätenhändler Eduard Brinkama, Schauspieler Walter Giller und Schlagersänger Roy Black, Komponist Peter Kreuder und Dramatiker Rolf Hochhuth. Sex-Aufklärer Oswald Kolle und CDU-Eigentumsstratege Elmar Pieroth. Sie alle wollen legal Steuern sparen -- meist aber nur die ganz ordinären Einkommensteuern, seltener die Steuern auf den Verkauf von Unternehmen.

So war es denn schon eine Sensation, als im Frühjahr 1969 einer der Großen aus dem Jet-set zwischen Nassau und Graubünden Kasse machte: Richard Gruner, durch seltsame Fügung Ehrenbürger von Liechtenstein geworden, verkaufte zum absolut besten Zeitpunkt seinen 25-Prozent-Anteil am SPIEGEL und seinen 39,5-Prozent-Anteil am Verlag Gruner + Jahr. Mit rund 175 Millionen zog "King Richard" von dannen. Indes, das Ärgernis Richard Gruner gewann -- damals -- noch nicht die Dimension eines öffentlichen Skandals. Der zog erst auf, als ein halbes Jahr später ein noch weit Größerer samt Kasse das Land seiner schnellen Erfolge verließ: der Düsseldorfer Kaufhaus-Milliardär Helmut Horten, damals 60.

Als der kinderlose Handelsmann mit Frau Heidi und 875 Millionen Mark in ein Tessiner Märchenschloß auswich, war für Deutschlands Fiskus die Reizschwelle überschritten. "Im Sinne des Gemeinwohls unerträglich", fand damals Finanzminister Alex Möller, selber Millionär und deswegen von hohen Steuersätzen gebeutelt.

Vor allem die Kälte und die perfekte Planung, mit der Horten Regierung und Regierte überlistete, legten Volk und Fiskus auf. Unternehmer Horten nämlich, das ließ sich rückwärts leicht verfolgen, war schon längst zum Emigrieren entschlossen, als sein deutsches Management den Bestand an Horten-Kaufhäusern noch ständig ausweitete.

Über Schweizer Verhältnisse durch Anwälte und Augenschein bestens unterrichtet, kaufte der Handeiskrösus 1968 für zwei Millionen Mark eine 16 000 Quadratmeter große Immobilie bei Lugano, die vorher einem Holländer gehört hatte. Obwohl Auswärtige nur höchstens 3000 Quadratmeter Schweizer Grund erwerben dürfen, rundete Horten mit einigen Tricks sein Areal auf 116 000 Quadratmeter ab.

Und obwohl es gemeinhin zehn Jahre Anwesenheit erfordert, bis einer sein Dauerwohnrecht erhält, bekam Horten die Aufenthaltsgenehmigung auf Lebenszeit sofort.

Unverzüglich wandelte der Handelsherr nun seine Horten GmbH in eine Aktiengesellschaft um -- angeblich aus Gründen der besseren Publizität. In Wahrheit aber diente ihm die Umwandlung als Vehikel, beim längst beabsichtigten Verkauf der Unternehmensanteile die gesamte Kaufsumme unbehelligt vom deutschen Fiskus über die Grenzen zu schieben.

Nach dem Deutsch-Schweizer Doppelbesteuerungsabkommen nämlich mußte damals zwar jeder Auswärtige. der eine in Deutschland stationierte GmbH verkauft, den Gewinn im teuren Deutschland versteuern -- sobald es sich jedoch um eine Aktiengesellschaft handelte, wurde die Steuer auf den Veräußerungsgewinn in der billigen Schweiz fällig.

Niemand bemerkte den Horten-Trick -- und der Kaufherr durfte sich auf eine Viertelmilliarde gesparte Steuern freuen. Schon 1969 verkaufte Horten von der sicheren Schweiz aus drei Viertel seines Kaufhaus-lmperiums an deutsche Banken und Kleinaktionäre und transferierte den Gegenwert -- 875 Millionen Mark -- unbehelligt ins Tessin. 1971 trennte sich Horten für 280 Millionen auch noch von dem letzten Viertel -- wiederum steuerfrei.

Denn erst seit 1972 sind jene Vorschriften in Kraft, die heute das Sachs-Gespann stören. Das neue Außensteuergesetz und die angeschärften Artikel des novellierten Doppelbesteuerungsabkommens trafen als erste die Olympia-Reiterin und VDO-Inhaberin Liselott Linsenhoff, die sich 1972 vom deutschen Kronberg ins Schweizer Rüthi absetzte. Für diesen Stellungswechsel mußte die Tachometer-Millionärin 30 Millionen Mark Fluchtsteuer an den deutschen Fiskus überweisen.

Selbst als die Olympionikin 1975 nach der Trennung von Ehemann Fritz Linsenhoff in die Bundesrepublik zurückkehrte, blieb ihr nichts erspart.

Die hessischen Finanzbehörden weigerten sich, die angezahlten zwölf Millionen wieder zurückzuerstatten, und beharrten statt dessen auf ihrer Forderung: Die späte Reue der Liselott Linsenhoff sei nicht von Anfang an beabsichtigt gewesen, lediglich private Gründe hätten zur Heimkehr geführt. Seit Helmut Hortens Coup, mußte die Millionärin erfahren, war vieles anders geworden.

Nach der Fahndungsaktion des Ministerialdirektors Müller erkannte denn auch Frau Eleonora, geschiedene Ehefrau von Ernst Wilhelm Sachs, daß Gefahr für das Millionenvermögen des Clans im Verzug war.

Noch Mitte Dezember war die Ex-Gattin und Mutter dreier Töchter gegen die Sachs-Brüder vor Gericht gezogen, um den Verkauf der Anteile an die Engländer zu verhindern. Erblasser Willy Sachs, so ihr Einwand, habe seinen Enkeln ein unbeschädigtes Vermögen übereignen wollen, jeder Verkauf des Traditionsunternehmens verletze mithin seinen Letzten Willen.

In der ersten Instanz gewann Frau Lo, die zweite Runde ging an die Brüder, die daraufhin ihr Paket in London losschlugen.

Als Müller zugeschlagen hatte, war auch für Frau Lo aller Zwist vergessen. "Seit 1968", versicherte sie der Münchner "Abendzeitung", habe ihr früherer Ehemann "keinen Wohnsitz mehr in der Bundesrepublik".

"Die einen haben einen Buckel"

Doch weder die Beteuerungen der Eleonora noch der tapfere Beistand, den Springers "Welt" den Sachs-Erben gewährte, konnten Müller einstweilen verunsichern. Ende letzter Woche verkündete der Beamte unverdrossen, er sei "der absolut sicheren Überzeugung, daß im Fall Sachs Steuertatbestände schon längst und jetzt wieder entstanden sind".

Dabei hatte die "Welt" gerade einen allmächtigen Kronzeugen gegen den Fahnder ins Feld geführt, den Zeitgeist: Die "augenscheinliche Genugtuung", mit der die "deutsche Öffentlichkeit" -- allen voran übrigens Springers "Bild am Sonntag" und "Bild" -- die Ermittlungen gegen die Familie Sachs zur Kenntnis genommen habe, sei eine Folge der "rauhen Winde des Wandels".

Und diese Zugluft, die nach Ansicht der Springer-Meteorologen von Bonns sozialliberaler Koalition entfacht wurde, beschädige just das, was die beiden Erben in der "Welt"-Sicht zu bieten hatten: "Leistung wurde zum Schimpfwort."

Kaum. Leistung wird in der Bilanz der Sachs-Brüder, aber auch im Hause Flick, allenfalls noch als Erinnerungsposten geführt, als Reminiszenz an die Gründerväter der Industrie-Dynastien.

Die Leistung der Erben jener Milliarden- oder Millionenvermögen besteht viel eher im Ausbaldowern sicherer Steuerfluchtwege -- sei es, wie im Fall des Friedrich Karl Flick, durch rigoroses Ausnutzen der Paragraphen 6 b Einkommensteuergesetz, sei es, wie bei Gunter und Ernst Wilhelm Sachs, durch hartnäckiges Strapazieren des Doppelbesteuerungsabkommens.

Gelingt beiden Großerben dieser Coup, dann könnte etlichen Bundesdeutschen klar werden, daß sie mit einem Zwei-Klassen-Steuersystem leben müssen, das den Erben und den Reichen allemal Fluchtwege offenhält, die anderen aber fest in der Zucht der Finanzämter hält.

Für Bruder Gunter freilich reduziert sich das Problem eher zu einer Zufallsfügung: "Die einen haben einen Buckel, und ich hab' halt diesen Kram geerbt."


DER SPIEGEL 6/1976
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