02.02.1976

Dann hebt ein fröhliches Prozessieren an

SPIEGEL-Interview mit Gunter Sachs über die Steuerforderung der bayrischen Finanzbehörden

SPIEGEL: Nachdem Sie sich mit Ihrer früheren Schwägerin wegen Testamentsstreitigkeiten vor Gericht trafen, haben nun die Steuerbeamten zugeschlagen. Das bayrische Staatsministerium der Finanzen will insgesamt rund 150 Millionen Mark von Ihnen und Ihrem Bruder fordern. Fühlen Sie sich in die Enge getrieben?

SACHS: Was ich in den letzten Wochen erlebt habe, muß man in der Tat als ein Kesseltreiben bezeichnen, wie ich es in meinem bewegten Leben noch nie über mich ergehen lassen mußte. Trotzdem fühle ich mich nicht in die Enge getrieben, denn ich bin der Meinung, daß wir uns in Deutschland immer noch in einem Rechtsstaat befinden. Ich bin jedenfalls zuversichtlich, daß die Gerichte nach Recht und Gesetz entscheiden werden.

SPIEGEL: Welche Motive sind für die Ermittlungen der Finanzbeamten, die immerhin etliche Steuerfahnder auf Sie ansetzten, bestimmend gewesen?

SACHS: Über die Motive der Finanzverwaltung kann ich naturgemäß nur Mutmaßungen anstellen. Objektiv bestand zu dieser spektakulären Aktion sicherlich kein Anlaß. Unsere Familie und unsere Firmen haben ihre steuerlichen Verpflichtungen stets korrekt erfüllt. Mit dem Schweinfurter Finanzamt sind wir seit Jahrzehnten friedlich ausgekommen. Ja, wir besaßen wohl einen gewissen Vertrauenskredit bei unserem Finanzamt.

SPIEGEL: Warum nun dieser plötzliche Wandel in der Einstellung des Fiskus?

SACHS: Ich kann nur mutmaßen, daß sich hier einige Herren aus dem Ministerium profilieren wollen. Nur so ist es zu erklären, daß -- unter Verletzung des Steuergeheimnisses -- alle möglichen Einzelheiten an die Presse gelangten. Die Finanzverwaltung wollte wohl auf möglichst ostentative Weise die Muskeln spielen lassen. Ich verkenne nicht, daß die Steuerfreiheit unseres geplanten Aktienverkaufs an GKN für viele Leute ein Ärgernis ist. Aber ich habe die Steuergesetze nicht gemacht; ich habe sie auch nicht umgangen. Daher kann ich nicht verstehen, daß eine Grundsatzdiskussion über die Steuergerechtigkeit in diesem Lande ausgerechnet auf meinem Schienbein ausgetragen wird.

SPIEGEL: Ministerialdirektor Müller vom Münchner Finanzministerium ist sich seiner Sache absolut "sicher Können Sie ebenso sicher sein, recht zu haben und nicht doch noch einen Riesenbatzen ans Finanzamt abführen zu müssen?

SACHS: Ich bin mir meiner Sache mindestens ebenso sicher. Denn schließlich weiß jeder selbst am besten, wo sein Herd brennt. Im übrigen haben mein Bruder und ich von allem Anfang an keinen Zweifel daran gelassen, auch nicht gegenüber dem Ministerium, daß wir jederzeit bereit sind, nach geltendem Recht zu entrichtende Steuern -- ob in der Schweiz oder in Deutschland -- bis auf den letzten Rappen oder Pfennig zu bezahlen.

SPIEGEL: Der Kernpunkt der Auseinandersetzung geht um die Frage. ob Sie -- Inhaber eines deutschen Passes und seit einigen Jahrzehnten in der Schweiz gemeldet- in Westdeutschland einen Wohnsitz haben. Haben Sie sich in Westdeutschland niedergelassen?

SACHS: Ich besitze in der Bundesrepublik keinen Wohnsitz und bin, alle Aufenthalte zusammengerechnet, pro Jahr sicherlich nicht länger in Deutschland als ein deutscher Ministerialdirektor bei seinem Jahresurlaub meinetwegen in Spanien.

SPIEGEL: Sechs Wochen also? SACHS: Ich wußte nicht, daß deutsche Beamte so lange Urlaub haben. Konkret: Ich halte mich pro Jahr hoch gerechnet vier Wochen in Deutschland auf, und das an wechselnden Orten.

SPIEGEL: Die Firma Fichtel & Sachs hat Ihrer Familie den Familiensitz Rechenau in Oberbayern abgekauft, um ihn als Gästehaus zu nutzen. Haben Sie gelegentlich oder häufiger in Rechenau gewohnt oder Gäste empfangen?

SACHS: Da liegt ein Irrtum in der Fragestellung. Das .Jagdhaus Rechenau, auf das sich die Ermittlungen des Fiskus wohl konzentrieren, gehört seit seiner Erbauung im Jahre 1934 oder 1935 der Sachs AG, der Holdinggesellschaft unserer Gruppe. Mein Vater hat dieses Haus bis zu seinem Tode bewohnt. Später wurde es dann von der Sachs AG als Gästehaus an die Fichtel & Sachs AG vermietet. Es gibt Belegungslisten, die schlüssig beweisen, daß sich in den letzten Jahren Hunderte von Firmengästen dort aufhielten. Ich selbst war in letzter Zeit regelmäßig einmal im Jahr für ein verlängertes Wochenende dort. Meist zur Zeit meines Geburtstages. Bei dieser Gelegenheit habe ich einen Kreis von 30 oder 40 Freunden eingeladen; ein Feuerwerk gab"s meistens auch. Aber wenn Feuerwerke einen Wohnsitz begründen sollen.

SPIEGEL: Wie steht es mit den Wohnungen in Hamburg und auf Sylt, die Ihnen zugeschrieben werden?

SA CHS: In Hamburg besitze ich keine Wohnung. Wenn ich wegen meiner Galerie in Hamburg zu tun hatte, wohnte ich entweder im Hotel oder bei meinem Freund Friedrich von Stumm oder auch oft bei einem meiner zahlreichen anderen Hamburger Bekannten. Was nun die Wohnung in Keitum anlangt, die die Fahnder ebenfalls aufs Korn genommen haben -- nebenbei ein ausgebauter Pferdestall, etwa 50 qm Wohnfläche -, so stimmt es, daß ich sie vor Jahren zusammen mit zwei Freunden erworben habe, jeder ein Drittel. Ich habe dort in den letzten Jahren meine schon traditionelle Sylt-Woche verbracht, so Ende Juli/Anfang August -- aber das weiß ohnehin jeder Insel-Fan zwischen Kampen und Morsum, dazu braucht man kein Sherlock Holmes zu sein. In der übrigen Zeit wohnen dort Bekannte von mir oder von jenen beiden Freunden, und gelegentlich vermieten wir die Bude auch an Fremde, um die Unkosten teilweise zu decken.

SPIEGEL: Möglicherweise gehen die Finanzbehörden davon aus, daß Sie, etwa in Hamburg, Strohmänner als Wohnungseigentümer vorgeschickt haben, die Ihnen jederzeit die Wohnung zur Verfügung zu stellen haben. Ist diese These richtig?

SACHS: Ich werde ausgerechnet einen Strohmann brauchen! Überall auf der Welt -- nicht nur in Deutschland -- habe ich genug Freunde, bei denen ich nächtigen kann, wenn ich auf der Durchreise bin und nicht ins Hotel gehen will. Das ist doch geradezu Berufsvoraussetzung für einen Playboy, für den ich hierzulande ja gehalten werde. Im übrigen müßten doch gerade die Herren SPIEGEL-Redakteure wissen, daß ich in den letzten Jahren höchst selten in Hamburg war. Ihnen bleibt doch sonst auch wenig verborgen.

SPIEGEL: Was können nach Ihrer Meinung die Steuerfahnder gefunden haben? Sind in Hamburg oder sonstwo persönliche Kleidungsstücke, Briefe oder sonst irgend etwas, was auf Sie als eigentlichen Wohnungseigentümer schließen lassen könnte?

SACHS: Da müssen Sie die Herren Steuerfahnder schon selbst fragen. Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich bei meinem Freund Friedrich von Stumm das letzte Mal vor knapp einem Jahr und in Sylt das letzte Mal zwischen dem 27. Juli und dem 6. August übernachtet habe. Sollten die Herren eine liegengebliebene Badehose beschlagnahmt haben, so stelle ich sie gerne dem Wiesbadener Kriminalmuseum zur Verfügung.

SPIEGEL: Sie müssen damit rechnen, in den nächsten Wochen einen Steuerbescheid über eine eindrucksvolle Millionensumme zu erhalten. Können Sie beispielsweise 50 Millionen Mark zusammenkratzen?

SACHS: Na ja, so schnell schießen die Bayern auch auf mich nicht. Der Verkauf steht unter aufschiebenden Bedingungen, die erst einmal erfüllt sein müssen. Vor Mai wird die Transaktion daher ohnehin nicht vollzogen werden können, und erst dann würde, so überhaupt, eine Steuer anfallen. Da brauche ich nichts zusammenzukratzen. Da wird einfach ein entsprechender Teil des Kaufpreises in liquider Form angelegt, oder man gibt eine Bürgschaft einer deutschen Großbank, die die Zahlung einer allfälligen Steuerschuld sicherstellt, und dann hebt ein fröhliches Prozessieren an. Durch alle Instanzen bis zum Bundesfinanzhof.

SPIEGEL: Ihr Bruder soll aus Ungeschicklichkeit einen Jagdschein in Rosenheim beantragt haben, was auf einen inländischen Wohnsitz schließen läßt. Geht die Jagdpassion Ihres Bruders so weit, daß er bereit ist, dafür mehrstellige Millionenbeträge an Steuern zu zahlen?

SACHS: Soweit ich den Sachverhalt kenne, ist diese Konstruktion der Steuerbehörden einfach absurd. Mein Bruder hat seit 1968 nie mehr einen neuen Jagdschein beantragt, und der seinerzeit ausgestellte weist unverändert seinen Wohnort Valbelle in Graubünden aus. Der Jagdschein wurde alljährlich automatisch verlängert, ohne daß jemals nach einem inländischen Wohnsitz gefragt worden wäre oder mein Bruder einen solchen angegeben hätte. Wenn hier jemand einen Fehler gemacht hat, dann allenfalls eine niedere Jagdbehörde, die eine Wohnsitzbestätigung hätte verlangen müssen.

SPIEGEL: Selbst Zeitungen und IV. lustrierte, die Ihnen sonst durchaus gewogen sind, haben Sie als Steuerflüchtling angeklagt. Fürchten Sie, vom einst beneideten und bewunderten Playboy der Nation allmählich zum Buhmann abzusteigen?

SACHS: "Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt mein Charakterbild in der Geschichte" heißt es im Wallenstein. Schön ist es nicht, aber ich werde es zu tragen wissen.


DER SPIEGEL 6/1976
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