26.01.1976

Angola: Alle alten Freunde sind hier

Kubanische "Söldner der Revolution" kämpfen gegen reguläre südafrikanische Truppen, Russen und Amerikaner lassen in Afrika einen Stellvertreter-Krieg ausfechten. Die "Volksrepublik Angola", erst elf Wochen alt, ist das einzige funktionierende Staatswesen auf dem Boden der portugiesischen Exkolonie. Doch bisher hat sie den Kampf gegen die beiden rivalisierenden Nationalisten-Bewegungen FNLA und Unita noch nicht endgültig gewonnen.

Ein kräftiger warmer Wind vom Meer zaust die Palmen auf der Hafenpromenade. Auf steinernen Ruhebänken dösen alte Männer im Schatten und sehen den Anglern zu, die, einer neben dem anderen aufgereiht wie an einer Schnur, am Wasser stehen, in der Hand ein loses Stück Perlonfaden mit einem Haken dran, neben sich in Plastiktüten den meist mageren Fang.

Arm in Arm flanieren kleine Gruppen junger Mädchen und Liebespaare vorüber. Auf der anderen Seite der breiten Uferstraße hat sich, hoch oben auf dem Dach des riesigen rosafarbenen Prunkgebäudes der Bank von Angola. ein Schwarm Zugvögel niedergelassen. Flügelschlagend schrecken sie hoch, wenn eines der wenigen Autos hupend oder mit knatterndem Auspuff die Nachmittagsstille stört:

Sonntagsfrieden in Luanda, Hauptstadt der Volksrepublik Angola. Hauptstadt eines Landes, das seit elf Wochen von fünfhundertjähriger Kolonialherrschaft befreit, aber schon seit sechs Monaten vom Krieg um die Macht im neuen Staat zerrissen ist und zugleich zum Schauplatz einer gefährlichen Konfrontation der Supermächte wurde.

Russen und Amerikaner sind einander über eines der größten (fünfmal so groß wie die Bundesrepublik) und reichsten Länder Afrikas (Öl, Diamanten) ins Gehege ihrer sorglich abgesteckten Herrschaftssphären geraten. Kubaner kämpfen in Angola für den "Sozialismus", Zaire-Soldaten, Südafrikaner. ja selbst Koreaner für die "westliche Zivilisation", dazu ein zusammengewürfelter Haufen weißer und farbiger Söldner für Geld.

Es ist ein ungewohntes Bild: Während früher die weißen Kolonialherren schwarze Askaris für ihre Interessen kämpfen ließen, helfen heute in Angola weiße Truppen schwarzen Befreiungsbewegungen.

Doch in Luanda ist der Krieg fern, ungleich weiter entfernt als am Tag der Unabhängigkeit. Damals, am 11. November, stand der Feind vor den Toren, war der Donner der Geschütze bis in den Regierungspalast zu hören, wo der Führer der linken "Volksbewegung für die Befreiung Angolas" MPLA, Dr. Agostinho Neto, sich zum Staatspräsidenten ausrufen ließ und die Unabhängigkeitserklärung verlas.

Nur dreißig Kilometer nördlich von Luanda standen die Truppen der rivalisierenden, von den USA unterstützten Befreiungsbewegung FNLA und bombardierten das für Luanda lebenswichtige Wasserwerk von Quifangondo. Aus dem Süden rückten, scheinbar unaufhaltsam, Soldaten der dritten Befreiungsorganisation Unita, die in Südafrika ihren Verbündeten gefunden hatten, gegen Luanda vor.

Heute verläuft die Front etwa 250 Kilometer nördlich und 300 Kilometer südlich von Luanda, und äußerlich ist der Alltag in der Hauptstadt des Bürgerkriegslandes von verblüffender Normalität.

Polizisten in schneidigen neuen Uniformen aus dem von rechten Militärs regierten Brasilien -- das als eines der ersten Länder die MPLA-Regierung diplomatisch anerkannt hatte -- regeln den zu den Hauptgeschäftszeiten noch immer beträchtlichen Verkehr. Gärtner pflegen die üppigen Grünanlagen der Stadt, die Müllabfuhr klappt besser als im Sommer, als die Befreiungsbewegungen ihre Kämpfe untereinander noch in Luanda ausschossen.

Die Kinos spielen Filme wie den Western "Mein Name ist Nobody" mit dem US-Mimen Henry Fonda oder den Krimi "Die Valachi-Papiere" mit Charles Bronson und Lino Ventura. Fußballvereine wie Santos F. C. oder Maracana tragen Freundschaftsspiele aus, der Philatelistenverein von Luanda hält wie im Frieden seine Jahresversammlung ab.

In guten Hotels bekommt der Gast immer noch täglich frische Handtücher und Bettwäsche, servieren die Kellner nach wie vor portugiesischen Wein und Drei-Gänge-Gerichte. Nur die Auswahl der Speisen auf der Menükarte ist drastisch geschrumpft. Denn Lebensmittel sind knapp geworden.

Die Schilder mit der Aufschrift "Es gibt kein Fleisch" an geschlossenen Schlachterläden, die Lücken auf den Regalen der Supermärkte -- das sind beinahe die einzigen augenfälligen Indizien dafür, daß Luanda Hauptstadt eines Landes im Kriegszustand ist. Das und die unübersehbare Allgegenwart junger Männer in Uniform, von denen viele noch halbe Kinder sind.

Ungefähr 35 000 Soldaten kämpfen gegenwärtig in der regulären Armee der Volksrepublik -- bei einer Bevölkerungszahl von schätzungsweise zwei Millionen Menschen im augenblicklich von der MPLA kontrollierten Gebiet. Eingezogen wird jeder zwischen 18 und 35 Jahren, sofern er nicht unentbehrlich in Produktion oder Verwaltung ist. Unter Waffen stehen -- außer Dreikäsehochs, die sich ihre Schießprügel selber basteln -- auch noch halbwüchsige Jungpioniere, die an der Heimatfront eingesetzt werden.

Ohne die Hilfe von außen hätte die Streitmacht der MPLA dennoch den Zweifrontenkrieg kaum durchhalten können -- was MPLA-Kader auch bereitwillig zugeben.

"Wir mußten plötzlich statt eines Partisanen-Kampfes einen konventionellen Krieg führen", so ein ehemaliger Partisan. "So haben wir diejenigen um Hilfe gebeten, die uns schon in den langen Jahren des Krieges gegen Portugal geholfen hatten,"

Die Russen reagierten sofort und schickten Schützenpanzer, SAM-7-Luftabwehrraketen, Raketenwerfer und AK-47-Schnellfeuergewehre, schließlich auch noch etwa ein Dutzend Mig-21-Kampfflugzeuge -- insgesamt nach US-Schätzungen Material im Wert von etwa einer halben Milliarde Mark, aber doch weniger, als die Angolaner wünschten. "Wenn wir 1000 Gewehre erbaten", so ein MPLA-Mann, "bekamen wir oft nur 700."

Außerdem wandten sich die Neto-Leute an ein Land um Hilfe, zu dem sie seit langem enge Beziehungen pflegten: Fidel Castros Kuba. Die Kubaner sollten für den Fall einer Intervention von südafrikanischen Soldaten oder Zaire-Truppen Unterstützung entsenden.

Castro sagte zwar zu, hielt aber insbesondere eine Einmischung Zaires auf seiten der MPLA-Gegner für zunächst unglaubwürdig. Denn Zaire-Präsident Mobutu Sese Seko hatte den kubanischen Botschafter in Kinshasa häufig in seine Privatresidenz geladen und sich ihm gegenüber gern als wahrer afrikanischer Revolutionär gegeben.

Da noch vor dem Abzug der Portugiesen südafrikanische Truppen das Gebiet des Calueque-Staudamms besetzten und die vorrückenden FNLA-Guerillas in Zaire jede Unterstützung fanden, schickten die Kubaner über eine Luftbrücke Verstärkung für die MPLA. Inzwischen werden die MPLA-Streitkräfte. so der Sprecher des Generalstabs, Comandante Júlio de Almeida, der ehemals in Aachen Maschinenbau studierte, durch "eine bedeutende Anzahl kubanischer Genossen" unterstützt.

Wie bedeutend die Anzahl ist, gibt die MPLA nicht preis. Nach Comandante Almeidas Angaben sei die Zahl der kubanischen Helfer "viel geringer" als jene 4000 bis 6000 Südafrikaner, die nach Schätzungen der MPLA bereits auf der Seite des Gegners kämpfen; der US-Geheimdienst hingegen vermutet über 10 000 Castro-Soldaten in Angola.

Die Kubaner selbst machen keinen Hehl aus ihrer Präsenz: In Zivil oder khakifarbenen Uniformen ohne Rangabzeichen bummeln sie über die Straßen von Luanda; bei den Mahlzeiten, die sie im Hotel "Trópico" oder im "Tivoli" einnehmen, unterhalten sie sich laut und ungeniert mit Kellnern und Gästen, selten freilich mit ihren nur in geschlossenen Gruppen auftretenden Kollegen aus der Sowjet-Union, von denen etwa 400 als Instrukteure der MPLA-Truppen nach Angola gekommen sind.

"Ja, wenn Sie so wollen, sind wir so etwas Ähnliches wie Söldner der Revolution", sagt der kubanische Pilot Juan Carlos Garcia zu SPIEGEL-Redakteurin Jutta Fischbeck, "nur, daß wir für unsere Dienste kein Geld nehmen." Garcia hat, so sagt er, schon mit Fidel in der Sierra Maestra für die Revolution gekämpft und seither "noch an manchen anderen Orten der Welt".

Seit drei Monaten ist er in Luanda -- freiwillig wie alle anderen Landsleute, so versichert er, obwohl er zu Hause Frau und Kinder hat. "Allein habe ich mich hier noch nie gefühlt, alle meine alten Freunde sind hier" -- und außerdem sei Angola mit Kuba ja seit Jahrhunderten verbunden.

Tatsächlich stammte ein großer Teil der von Anfang des 16. bis Mitte des 19. Jahrhunderts nach Kuba verschleppten rund 650 000 Negersklaven aus Angola; bis heute haben sie zum Beispiel Musik und Volkskunst der Karibeninsel deutlich geprägt.

Während des Kolonialkriegs gegen die Portugiesen schließlich sind zahllose MPLA-Kader auf Kuba ausgebildet worden; in den primitiven Guerillacamps im angolanischen Busch fand man neben zerlesenen Bänden von Marx und Lenin zumeist auch die Schriften des kubanischen Unabhängigkeitshelden José Marti.

Bevormundung durch die sozialistischen Helfer fürchtet die MPLA, sagt sie, dennoch nicht, obwohl sie derzeit zweifellos abhängiger von der Unterstützung der Genossen ist als während des Unabhängigkeitskampfes.

"Wir haben lange Erfahrung im Umgang miteinander", sagt Andre Petroff, seit 1961 MPLA-Partisan und heute Chef der volksrepublikanischen Polizeitruppe, "und wir sind immer nur den Weg gegangen, den wir selbst für richtig hielten."

"Jahrelang haben wir für unsere eigene Idee von einem Staat gelebt", beteuert Dr. Arlindo Barbeitos, Sozialwissenschaftler von der Freien Universität Berlin, der nach anderthalb Jahrzehnten des Exils nach Luanda zurückkehrte und dort am Institut für wissenschaftliche Forschung arbeitet. "Jetzt müssen wir unseren Traum in die Realität umsetzen und ein funktionierendes Staatswesen schaffen. In einem Land, wo viele Menschen überhaupt kein Staatsbewußtsein haben und einige noch glauben, Angola sei der Name für einen Vogel. ist das nicht leicht."

Doch faßt die MPLA diese Aufgabe offenkundig mit mehr Erfolg an als die Rivalen von FNLA und Unita. Aus deren gemeinsamem Regierungssitz Huambo, dem früheren Nova Lisboa in Südangola, berichtete ein "New York Times"-Korrespondent: "Als Hauptstadt existiert diese Stadt praktisch nicht, ebenso wenig wie die Regierung. Ihre Ministerien sind fast leer, ihre Minister überwältigt von Problemen, die ihre Mittel und Möglichkeiten übersteigen."

Unita-Chef Jonas Savimbi zieht sich zumeist in seine nahe Huambo gelegene Heimatstadt Silva Porto zurück und regiert von dort aus praktisch ohne die FNLA, deren Truppen Savimbis Stabschef kürzlich "völlig demoralisiert" nannte. Mehrfach ist es in den südlichen Hafenstädten Mocamedes und Benguela, so berichteten in Luanda eingetroffene Flüchtlinge, zu Gefechten zwischen FNLA- und Unita-Truppen gekommen. Zudem soll eine formell dem Oberkommando der FNLA unterstehende Söldnergruppe marodierend durch die Städte des Südens ziehen.

Marodeure gab es auch in der MPLA-Hochburg Luanda, freilich nicht lange: Eine Gruppe von zwölf Soldaten, die Raubüberfälle und Vergewaltigungen begangen hatte, wurde standrechtlich erschossen -- das wirkte so abschreckend, daß seither keine derartigen Übergriffe der Truppe mehr vorkamen.

Wohl ist die Kriminalitätsrate in Luanda, nach Auskunft des Polizeichefs, spürbar gestiegen, doch vor allem bei den Eigentumsdelikten: Einbrüche und Autodiebstähle haben erheblich zugenommen.

Häuser und Wohnungen, die leerstehen, weil ihre Besitzer geflohen sind, werden durch besondere Wohnungskommissionen neu verteilt -- unter anderem an die Flüchtlinge, die in ständig wechselndem Strom aus den verschiedenen Kampfgebieten eintreffen. Rund 90 000 Flüchtlinge zählte die Nationale Kommission für Flüchtlingshilfe, CNAD, Mitte Januar in drei Städten des MPLA-Gebiets. Doch wie hoch die Zahl der Vertriebenen zwischen den ununterbrochen wechselnden Kriegsfronten tatsächlich ist, weiß niemand.

"Das Land ist so groß", sagt der Chef vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes in Luanda, Cédric Neukomm, "daß man das Ausmaß der menschlichen Katastrophe noch kaum schätzen kann."

Unabhängig von Menschenopfern wirft der Krieg den jungen Staat schon jetzt um Jahre zurück: Obwohl auf den fruchtbaren Hochebenen des Südens mit ihrem fast südeuropäischen Klima und im tropischen Norden so gut wie alle Früchte dieser Erde gedeihen, liegen die meisten Felder und Plantagen brach. So muß der devisen knappe Staat jetzt sogar Reis und Kartoffeln, ja selbst Zucker einführen, den Angola bislang exportierte.

Die Männer der MPLA wissen denn auch, daß "wir äußerst pragmatisch und praktisch" sein müssen (Barbeitos): "Wir könnten uns gar nicht erlauben, etwa die ausländischen Firmen zu verstaatlichen." Verträge mit multinationalen Konzernen, die noch zu Zeiten der Kolonialherren geschlossen wurden, sollen neu ausgehandelt werden.

Unbehindert konnte nach der Unabhängigkeit die amerikanische Gulf Oil Corporation in Cabinda weiterarbeiten. "Wir wollen, daß sie weiter unser Erdöl fördern, und sorgen deshalb für ihre Sicherheit", so der Comandante Eurico Goncalves vom Politbüro der MPLA. "Wir glauben, daß das in der gegenwärtigen Situation unseres Landes die angemessene Politik ist." Erst auf Druck der US-Regierung stellte Gulf kürzlich die Zusammenarbeit ein. Der mit südafrikanischer Beteiligung operierende Diamantenkonzern Diamang blieb bis heute in Angola tätig.

Pragmatisch zeigen sich die Guerrilleros von gestern auch gegenüber dem Staat, den sie als ihren Hauptgegner ansehen -- das Apartheidsregime von Südafrika. "Eines können wir versprechen", erklärt der Comandante Júlio de Almeida, "nicht wir werden die Lösung für die Konflikte innerhalb der Südafrikanischen Republik bringen; die südafrikanische Gesellschaft muß ihre eigenen Lösungen finden."

Daß eine friedliche Koexistenz mit der Volksrepublik Angola möglich ist, erhoffen offenbar auch immer mehr jene Bürger, die noch vor wenigen Monaten in panischer Massenflucht ihr Heil im Mutterland Portugal suchten. Seit Anfang des Jahres bringen Jumbo-Jets der TAP aus Lissabon täglich rund 200 "retornados", weiße Rückwanderer. wieder heim nach Luanda.

Portugal, für das die etwa 300 000 Angola-Flüchtlinge ein schweres wirtschaftliches und soziales Problem darstellen, hat zu verstehen gegeben, daß es die Volksrepublik Angola nur dann diplomatisch anerkennen will, wenn diese den größten Teil der Flüchtlinge wiederaufnimmt.

Und die MPLA nimmt viele der Herren von gestern wieder -- zuweilen werden für die Heimkehrer sogar deren alte Häuser von inzwischen eingezogenen Farbigen wieder geräumt.


DER SPIEGEL 5/1976
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