26.01.1976

KUNSTNonne mit Urkraft

Ein deutscher Bildhauer der zwanziger Jahre, Christoph Voll, ist wiederzuentdecken.
In der friedlichen freien Schweiz, am Seeufer in Zürich, ging eine Bombe hoch. Die bronzene "Arbeiter"-Figur des deutschen Bildhauers Christoph Voll flog in die Luft.
Dieses Attentat, 1931 verübt und niemals aufgeklärt, war nur ein erster Anschlag auf den Künstler und sein Werk. Zwei Jahre später wurde Kommunist Voll (1897 bis 1939) als Professor in Karlsruhe gefeuert; er zog sich ein Herzleiden zu, an dem er schließlich starb. Seine angeblich "entarteten" Skulpturen verschwanden in einem abgelegenen, wenn auch sicheren Versteck.
Aus so gründlicher Deckung ist das um 1930 hochgeschätzte OEuvre des Christoph Voll bis heute nicht recht herausgekommen. Zwar kursierte eine Voll-Ausstellung anfangs der sechziger Jahre in Südwestdeutschland, und vereinzelt kauften Museen Nachlaß-Stücke an. Doch außer für wenige Spezialisten bleibt da eine Entdeckung nachzuholen, eine lohnende.
Das beweist die Übersicht mit 24 meist hölzernen Voll-Plastiken, die jetzt (bis 10. Februar) in der Münchner Dependance der Mailänder Galleria del Levante gezeigt wird:
Gedrungene Proletariergestalten mit einem vorn Schnitzmesser kantig geschärften Leidensausdruck; Frauenbüsten von modischem Flair und blockhafter Monumentalität zugleich; porträthafte, gelegentlich bemalte Halbfiguren mit beweglichem Mienenspiel und gebauschtem Faltenwurf, deren sublimierter Realismus sie manchen Bildwerken der Dürerzeit vergleichbar macht. Aufgebaut, ausgewogen, modelliert das alles von einer plastischen "Urkraft", die -- bei einem Voll-Besuch in Oslo 1926 -- schon Edvard Munch bewunderte.
In der überwiegend gemalten Wirklichkeits-Kunst der deutschen zwanziger Jahre hat Voll als Bildhauer jedenfalls keine Konkurrenz. Souverän entwickelte er seinen expressiven Frühstil zu hartem "Verismus", bevor er sich schließlich in glatteren, neoklassischen Formen versuchte.
Auch diesen Wandel deutet der Kaiserslauterner Museumsdirektor Wilhelm Weber, der mit einer ersten Voll-Monographie (demnächst im Verlag der Galleria del Levante) die Wiederentdeckung aktenkundig macht. noch als eine "innere Befreiung". Die späten Marmor-Akte allerdings, die in München gleichsam als Anhang mitausgestellt sind, lassen kaum Enthusiasmus aufkommen.
Eben nicht frei, sondern autobiographisch engagiert, hatte Voll begonnen. In zahlreichen Kindergestalten, die seinen Arbeitern, Bettlern oder -- besonders deutlich -- einer Nonne beigegeben sind, klingt des Künstlers Vita an.
Denn bald nach Christoph Volls Geburt in München war sein Vater, auch er schon Bildhauer, gestorben. Als die Mutter, Malerin, wieder heiratete, verbrachte sie das Kind Zu frommen Schwestern in ein Waisenhaus im Bayerischen Wald. Erinnerungen an diese Zuchtanstalt hat Voll auch auf gezeichneten Blättern wie einer "Strafscene" festgehalten, wo unter dem Kruzifix die Prügelstrafe vollstreckt wird.
Mit 15 schon trat Voll in Dresden eine Bildhauerlehre an. Nach vier Jahren Kriegsdienst führte er das Studium auf Akademie-Ebene weiter. Er lernte den Antikriegsmaler Dix schätzen, befreundete sich mit dem Poeten Ringelnatz und heiratete eine Dänin aus der Malklasse Kokoschkas. Früher Ruhm brachte dem Künstler 1923 die Berufung. als Bildhauer-Lehrer nach Saarbrücken, 1928 dann nach Karlsruhe ein.
In der badischen Residenzstadt aber, wo die akademische Malerei tiefe Wurzeln und die NS-Kunstdoktrin auch schon vor 1933 eifrige Verfechter hatte, mußte der Linke und Realist Schwierigkeiten bekommen, obwohl Agitationskunst ihm fernlag. Die Entlassung Volls, den Zeitgenossen als trinkfroh und wortgewaltig, als "zornigen jungen Mann" von "schroffem und kompromißlosem Auftreten" schildern, war vorprogrammiert.
1935 konnten Voll-Skulpturen noch einmal würdig in Mannheim ausgestellt werden, bald dienten sie nur mehr als abschreckende Beispiele. Selbst eine von Munch protegierte norwegische Voll-Ausstellung scheiterte, offenbar an deutscher Intervention. Der Kunst-Transport blieb unterwegs stecken und überstand den Krieg im Keller des Kopenhagener Schlosses Christiansborg.
Voll-Tochter Karen, die mit ihrer Mutter nach Dänemark geflohen war, ließ 1948 den Nachlaß, mehr als 100 Bildwerke, wieder nach Karlsruhe schaffen -- ein Fundus, aus dem seither alle Voll-Ehrungen einschließlich der Münchner "Levante"-Ausstellung bestückt sind.
Die Galerie wertet den Vergessenen auch ökonomisch geziemend auf. Die Originalskulpturen, soweit überhaupt verkäuflich, kosten bis zu 75 000 Mark, und schon für einen neuen Bronzeguß nach einem Holz-Hauptwerk sind 30000 Mark zu bezahlen.

DER SPIEGEL 5/1976
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 5/1976
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KUNST:
Nonne mit Urkraft

  • Das Brexit-Cover-Wunder: "Three Lions" und eine schräge Stimme
  • US-Amateurvideos: Schneeballgroße Hagelkörner ängstigen Hausbewohner
  • Brexit: Das Drama in Shakespeares Geburtsstadt
  • Brexit: Parlament erzwingt Abstimmung über Alternativen