22.03.1976

EXPORTRomantische Gegend

Ein riskantes Dreiecksgeschäft soll westdeutschen Investitionskonzernen ein Milliardenprojekt in Indonesien reifen: Sie wollen nur noch dann Maschinen liefern, wenn die Asiaten Zug um Zug Öl liefern.
Manager und Beamte überboten sich in Diskretion. Hans Singer, Vorstandschef der Essener Ferrostaal AG, bat "um Verständnis, daß ich nichts sagen kann". Siemens verwies auf die "Vertraulichkeit der ganzen Sache". Und Georg Kellner, Ministerialrat im Ostasien-Referat des Bonner Wirtschaftsministeriums, wurde nicht müde zu beteuern, "diese Sache ist doch noch gar nicht ausgegoren".
Sorge und Verschwiegenheit der Experten gilt einem Projekt, das vor gut zwei Jahren westdeutschen Stahl- und Elektrofirmen zu Supergewinnen und dem indonesischen Staat zu einem großen Stahlkombinat verhelfen sollte. "Das ist eine ganz romantische Gegend", erinnert sich Otmar Franz, Geschäftsführer der Klöckner-Industrie-Anlagen GmbH, seiner Reise zum indonesischen Krakatau-Vulkan, in dessen Nähe seine Firma gemeinsam mit dem Elektro-Multi Siemens und Ferrostaal, einer Tochter der Gutehoffnungshütte, den von den Indonesiern bestellten Industriekomplex hochziehen wollten.
Das nötige Bargeld von insgesamt drei Milliarden Mark schien kein Problem: Nach dem Oktober 1973 erhöhte Jakartas staatliche Ölgesellschaft Pertamina im Gleichschritt mit ihren Opec-Schwestern den Ölpreis um 300 Prozent, und Pertamina-Chef General Sutowo hatte die finanziellen Verpflichtungen für das Projekt übernommen. "Wir haben ein Bargeschäft abgeschlossen", freute sich Singer, "bezahlt wird nach Baufortschritt."
Gezahlt wird seit Monaten allerdings nur noch schleppend, und auch mit den Bauarbeiten geht es nicht mehr recht voran. Wegen der nahezu kompletten Zahlungsunfähigkeit der in mancherlei Fehlkalkulationen verstrickten Pertamina (siehe SPIEGEL 12/1976) sind in Indonesien Devisen noch knapper geworden als vor dem Ölpreis-Schub. Überdies verstimmt westdeutsche Profitsucht die fernöstlichen Auftraggeber.
Im Vertrauen auf den schier unbegrenzt erscheinenden Reichtum des Inselstaates hatten die Deutschen bei ihren Kalkulationen kräftig aufgeschlagen. Angeblich weil ihnen die Indonesier keine Preisgleitklauseln zugestehen wollten, verteuerten sie ihr Kombinat so gründlich, daß auch hohe Inflationsraten ihrer Gewinnrechnung kaum etwas anhaben könnten.
Als sich dann im vergangenen Jahr abzeichnete, daß die Zahlungsfähigkeit der Pertamina durchaus begrenzt war, begannen erste Kreditgespräche mit der Weltbank. Genau diese Geldgeber freilich verdarben den Deutschen ihre Kalkulation. Denn die Experten aus USA fanden heraus, daß die gleichen Anlagen von US-Firmen wesentlich billiger angeboten wurden.
Wieder einmal reisten die Deutschen nach Indonesien und verhandelten den Deal neu. Doch wenige Monate später hielt auch der neue Vertrag nicht mehr: Die Pertamina war praktisch zahlungsunfähig geworden.
Dafür sollten nun andere Geldgeber beispringen. Indonesier und westdeutsche Manager antichambrierten in Bonns Kanzleramt und im Wirtschaftsministerium, um den Staat zur Beihilfe zu verpflichten. "Die Indonesier sind mit der ganz klaren Vorstellung angerückt", weiß einer der Bittsteller, "daß Bonn moralisch verpflichtet ist."
Die Moral des Handels hatten sich die Asiaten so vorgestellt: Bonn verbürgt einen 1,5-Milliarden-Mark-Bankkredit und läßt sich als Gegenleistung dafür einen Teil der künftigen indonesischen Ölförderung verpfänden.
Dieser Deal freilich erschien den Bonnern allzu unattraktiv. Sie schreckte die Aussicht, ohnehin knappe Haushaltsmittel zu riskieren, ohne einen unanfechtbaren Zugriff auf einlösbare Gegenwerte. Weder Bank noch Bürge, nörgelten die Experten, könnten mit dem im indonesischen Boden lagernden Öl etwas anfangen.
Als der erste Anlauf zu mißlingen drohte, ersannen die Finanzexperten der deutschen Konzerne eine neue Konstruktion. Deutsche Raffinerien, so ihr jüngster Vorschlag, sollten mit den Indonesiern langfristige Lieferverträge abschließen und die fälligen Zahlungen für die Importe den Krakatau-Konzernen zukommen lassen. "Das wäre", sann Singer, "ein gangbarer Weg."
Um den Milliarden-Handel durch Experten abzusichern, engagierte der Ferrostaal-Chef das einst im Gelsenberg-Konzern für das gesamte Ölgeschäft zuständige Vorstandsmitglied Enno Schubert, der nach der Fusion seines Unternehmens mit der Veba AG sich aus der Beletage des Großunternehmens verabschiedet hatte, um auf eigene Rechnung im internationalen Ölgeschäft mitzumischen.
Schubert ("Ich stehe mit Pertamina und der indonesischen Regierung ohnehin in Verbindung") kennt auch die passenden Vertragspartner. Als "potentieller Abnehmer" käme vor allem die Veba in Betracht, die über keine eigenen Ölquellen verfügt und sich durch einen günstigen Kontrakt mit den Indonesiern die lang gesuchte Rohstoff-Basis verschaffen könnte.
Die Veba-Manager bissen denn auch rasch an. In dieser Woche werden Abgesandte der Veba-Chemie nach Jakarta aufbrechen. Und obgleich deutsche Raffinerien bislang noch keinen Tropfen indonesischen Öls zu cracken hatten, verspricht Veba-Chemie-Chef Heinrich Reinert, das Dreiecksgeschäft "sehr wohlwollend" zu prüfen: "Wenn wir so an dieses Öl herankommen, dann nehmen wir es natürlich." Doch auch der an langfristigen Lieferverträgen interessierte Ölmann räumt ein, daß unter "einer ganzen Reihe von Punkten, die zu klären sind, am Ende das Gespräch über den Preis steht".
Genau dieses Gespräch aber wird vermutlich besonders zäh. Indonesisches Öl ist ohnehin durch den langen Transportweg etwa elf Prozent teurer als vergleichbare Ölqualitäten aus den arabischen Ländern. Wollten die Deutschen einen Vorzugspreis erhandeln, müßten deshalb die Indonesier sich mit höchstens 85 bis 90 Prozent des Opec-Preises begnügen.
In diesem Punkt, meinen die Deutschen, werden die Asiaten Entgegenkommen zeigen: "Wenn einer sein Haus schon zur Hälfte bezahlt hat, will er es auch ganz haben", hofft Ferrostaal-Singer.

DER SPIEGEL 13/1976
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