DER SPIEGEL



MEDIZIN

Ich verstehe die Aufregung nicht

Wilhelm Braendle, 61, Gynäkologe und Hormonexperte am Hamburger Universitätsklinikum, über erhöhte Krebsrisiken durch die Einnahme von Antibabypillen

SPIEGEL: Nach einer neuen Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erhöht die Pille das Brustkrebsrisiko. Sollten Frauen besser auf die Pille verzichten?

Braendle: Das wäre falsch, eine ungewollte Schwangerschaft wäre für sie ein viel höheres Risiko. Alle aktuellen, großen Untersuchungen haben gezeigt, dass es, bezogen auf das gesamte Leben, kein erhöhtes Brustkrebsrisiko gibt. Insofern verstehe ich die ganze Aufregung nicht.

SPIEGEL: Auch das Risiko für Gebärmutterhalskrebs soll erhöht sein.

Braendle: Dafür gibt es eine einfache Erklärung. Der Gebärmutterhalskrebs wird durch Papillomaviren ausgelöst, die beim Geschlechtsverkehr übertragen werden. Dass das Risiko hier steigt, ist keine Überraschung, weil Frauen, die die Pille nehmen, auch häufiger Sex haben.

SPIEGEL: Immerhin haben die WHO-Experten die Pille als "kanzerogen" eingestuft. Ist das nicht eine sehr deutliche Warnung?

Braendle: Es ist eher Humbug. In jeder Tasse Kaffee wären nach dieser Lesart 50-mal mehr Kanzerogene, also krebsauslösende Stoffe. Hormone können das Wachstum von Krebs fördern, aber krebsauslösend sind sie nach derzeitigem Wissen nicht. Wenn sie als körpereigene Stoffe kanzerogen wären, gäbe es die Menschheit längst nicht mehr.

SPIEGEL: Wiegt der von den WHO-Forschern festgestellte Schutzeffekt der Pille vor Gebärmutterschleimhautkrebs und Eierstockkrebs die Risiken bei den anderen Krebsarten auf?

Braendle: Er ist sogar größer. Das Risiko, an Eierstockkrebs zu erkranken, halbiert sich durch die Pille.

SPIEGEL: Wie lange können Frauen die Pille problemlos einnehmen?

Braendle: Wir haben früher gesagt bis zum 40. Lebensjahr. Aber mit den neueren, niedrigdosierten Präparaten kann man sie auch länger nehmen.


DER SPIEGEL 32/2005
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