08.08.2005

RELIGIONSGESCHICHTEGottes Kellerkinder

Intrigen, Sex, Mord: Bei den Machtkämpfen im Vatikan mischten früher auch starke Frauen mit. Ein neues Buch schildert, wie groß deren Einfluss auf die Heiligen Väter war.
Gab es sie wirklich, die fabulöse "Päpstin Johanna", die gelehrte Frau, die sich in Männerkleidung die Tiara erschlich? Beim Reiten, so heißt es, wurde sie von einer Kindsgeburt überrascht; ihr Betrug flog auf. Daraufhin wurde sie nach römischem Recht am Schweif eines Pferdes durch die Stadt geschleift und vom Volk gesteinigt.
Alles Legende, sagen moderne Theologen und Historiker; dennoch fasziniert sie das Publikum bis heute in unzähligen literarischen Varianten. Vermutlich glaubten sogar Päpste an die Existenz dieser Frau, die so ebenbürtig auftrat, dass sie auf den Heiligen Stuhl gewählt wurde. Ein Schrecken für Kirchenmänner, denn nach der Lehre des Thomas von Aquin (1225 bis 1274) kann die Frau wegen des sogenannten defectus naturae, der darin besteht, nur ein unvollkommener Mann zu sein, niemals die Priesterweihe empfangen.
Von allen Heldinnen in Alois Uhls Buch über "Die Päpste und die Frauen" verkörpert die fiktive "Päpstin Johanna" am traurigsten die gescheiterte Utopie von der Gleichberechtigung im Schoß der katholischen Kirche*. Die gesteht die Hälfte des Himmels den Frauen zu - aber bitte schön die untere. Dennoch gelang es den Kellerkindern Gottes, ihren Einfluss an höchster Stelle geltend zu machen, wie die unterhaltsame Studie über die Geschicke der Mätressen, Töchter und spirituellen Vertrauten der Heiligen Väter belegt.
In Uhls unorthodoxer Papstgeschichte treten verruchte und heilige Frauen auf; Mystikerinnen wie die Armut predigende Klara von Assisi oder die visionäre Birgitta von Schweden, die sich nicht mit Krankenpflege oder Kontemplation begnügten. Machtpolitikerinnen wie Mathilde von Tuszien, die 1077 beim Bußgang Heinrichs IV. nach Canossa zwischen dem König und Papst Gregor VII. vermittelte und den Papst mit ihren Truppen beschützte, oder die korrupte Schwägerin von Papst Innozenz X., Olimpia Maidalchini, die von 1644 an die Personalpolitik des Vatikans so unverhohlen an sich riss, dass bald Karikaturen in Rom kur-
sierten: "Papessa"- Olimpia mit der Tiara auf dem Haupt.
Mächtige Frauen, so Uhls Resümee, hatten im Gottesstaat früher weit mehr zu sagen. Auf dem Konzil von Chalkedon im Jahr 451 etwa saß die byzantinische Kaiserin Pulcheria der größten Kirchenversammlung des christlichen Altertums vor, die sie selbst ins Leben gerufen hatte. Papst Leo I. und seine Bischöfe bejubelten sie als "Beschützerin des Glaubens". Auch in der zentralen theologischen Frage des Konzils - War Jesus Mensch und Gott? Und wie passt beides zusammen? - gab Pulcheria die Richtung an.
Eher weltlich ging es jahrhundertelang im Vatikan zu. Geistliche Ämter wurden in der Regel gekauft. Viele Priester lebten mit Frauen zusammen. Und auch die Päpste küssten mehr als rote Teppiche. Das Papsttum des Mittelalters lag fest in der Hand weniger Adelsfamilien, die sich unrühmliche Kämpfe um Macht und Reichtum lieferten. Intrigen, Sex, Mord: Frauen schreckten vor keinem Mittel zurück, um Söhne oder Brüder auf den Papstthron zu bringen, der ihnen selbst verwehrt blieb.
Unheilige Beziehungen zu verschiedenen Päpsten hatte beispielsweise Marozia, Senatrix von Rom: Sergius III. (904 bis 911) war der Geliebte der 15-Jährigen. Johannes X. (914 bis 928) wurde von Marozia abgesetzt. Johannes XI. (931 bis 936) war ihr Sohn - wahrscheinlich gezeugt von Sergius III. Und Johannes XII. (955 bis 964) war Marozias liederlicher Enkel: In den päpstlichen Gemächern feierte er Sexorgien, bis er "in actu" einem Schlaganfall erlag.
Mit Gift soll der Heilige Stuhl für Marozias Sohn freigeräumt worden sein. "Pornokratie" oder "Hurenregiment" nannten Geschichtsschreiber die Ära, in der eine Frau sich kurzzeitig zur eigentlichen Herrin der Christenheit aufgeschwungen hatte.
Die visionären und prophetischen Frauen des hohen Mittelalters wiederum übten furchtlos Kritik an der Machtversessenheit der Oberhirten. Vor Hildegard von Bingen, der "Posaune Gottes", wie sie sich selbst nannte, verschloss auch Papst Eugen III. nicht sein Ohr. Er erkannte ihre charismatische Autorität an und verlas 1147 im Dom zu Trier ihre Schriften. Zwar galt das Pauluswort: "Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht." Doch mit päpstlichem Segen predigte Hildegard in Metz, Bamberg und Würzburg.
In Köln ließ der Erzbischof vor dem Südportal des Doms der "Prophetissa teutonica" ein Podest errichten. Die asketische Gestalt trat auf und hielt den Klerikern eine Standpauke: "Ihr liegt am Boden und seid kein Halt für die Kirche, sondern ihr flieht in die Höhle eurer Lust."
In der Ewigen Stadt erstrahlte der Papsthof gleichwohl bald in ungekannter Raffinesse. Mit der lebensfrohen Renaissance brach die sinnlichste Epoche des Vatikans an. Für theologische Fragen blieb den Päpsten wenig Zeit. Statt Bußandachten zelebrierten sie Empfänge, Umzüge, Theateraufführungen - und sogar Familienfeiern. Waren bisher Frauen aus dem Innersten des Vatikans ausgeschlossen, ließ es sich Papst Innozenz VIII. nicht nehmen, die Hochzeit seines missratenen Sohnes mit der Medici-Tochter Maddalena im Jahr 1488 in seinen Gemächern zu feiern.
Fortan standen den Töchtern, Schwestern, Schwiegertöchtern und Schwägerinnen der Päpste die Türen des Vatikans offen. Familiäre Beziehungen machten sich bezahlt: Als Entschädigung für die Ehe mit einem Taugenichts bekam Maddalena Medici vom Papst einen Kardinalshut für ihren Bruder. Als Leo X. bestieg der später den Papstthron und zeigte sich der Schwester gegenüber erkenntlich: Drei Neffen machte er zum Kardinal, darunter Maddalenas Sprössling Innocenzo, 22. Der junge Würdenträger zog sich die Syphilis zu und zeugte vier uneheliche Kinder.
Nun war ein Kardinal mit Kindern keine Ausnahmeerscheinung. Gewöhnlich jedoch wurde beim Wechsel auf den Papstthron auf das Zusammenleben mit einer Frau verzichtet. Nur Rodrigo Borgia mochte auch als Alexander VI. nicht im Zölibat leben. Seine schöne (natürlich verheiratete) Geliebte Giulia Farnese ging im Vatikan ein und aus - ebenso wie bis zu zehn uneheliche Kinder, von verschiedenen Konkubinen, denen Alexander stets ein fürsorglicher Vater war. Während einer Audienz staunte ein kaiserlicher Gesandter über ein blondlockiges kleines Mädchen, das selbstverständlich zu Füßen des Heiligen Vaters saß und ihn "Papa" nannte.
Alexander vergötterte seine Tochter Lucrezia. Bei einer ihrer drei pompösen Hochzeitsfeiern nahm er nicht gemäß der Sitzordnung zwischen zwei Kardinälen Platz, sondern zwischen ihr und seiner Mätresse. Der engelsgleiche Gesang der Kastraten der päpstlichen Kapelle erklang. Die Damen tanzten, die Herren streuten ihnen "Konfetti" (Süßigkeiten) ins Dekolleté - alles ohne Heimlichtuerei. Später ernannte Alexander Lucrezia zu seiner Stellvertreterin, übergab ihr, wenn er auf Reisen ging, die Führung der laufenden Geschäfte; an seinem Schreibtisch durfte sie die Briefe an den Heiligen Vater öffnen. Für so viel Einmischung wurde Lucrezia Borgia nach ihrem Tod 1519 als verruchte Hexe und Sexmonster hingestellt.
Auch barocken Päpsten waren selbständige Frauen jedoch verdächtig: Der Engländerin Mary Ward versagte die Kurie die Anerkennung eines neuen Frauenordens, der Mädchen Bildung vermitteln sollte. Ward machte ohne päpstliche Genehmigung weiter und geriet um 1630 ins Visier der Inquisition: Die Frauen seien keiner kirchlichen Autorität unterworfen, schrieb der außerordentliche Nuntius Pallota in Wien nach Rom, "was doppelt gefährlich ist bei dem schwachen, zum Irrtum neigenden Geschlecht".
Ab dem 18. Jahrhundert sind keine bedeutenden Frauen mehr im Dunstkreis der Päpste auszumachen - jedenfalls keine realen. Dafür gehen die Heiligen Väter, die nun in selbstverordneter Klausur leben, als innige Marienverehrer in die Geschichte ein: 1854 wird das Dogma der unbefleckten Empfängnis Marias verkündet, 1950 das ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel.
Und wie geht es weiter? Im Zeitalter der Frauenemanzipation macht Autor Uhl den Vatikan als Bastion eines veralteten Frauenbildes aus: Köchinnen, Haushälterinnen, Übersetzerinnen, Telefonistinnen - "die Frauen dürfen Texte tippen, die Männer verfasst haben". Im Marien-Wort "Siehe, ich bin die Magd des Herrn" sähen viele Priester gern die "biblisch gebotene Lebensform für alle Frauen".
Zum Thema Frauenordination jedenfalls hatte sich Papst Johannes Paul II. ein für alle Mal jede Diskussion verbeten - unterstützt vom damaligen Vorsitzenden der Glaubenskongregation: Kardinal Joseph Ratzinger. BEATE LAKOTTA
* Alois Uhl: "Die Päpste und die Frauen". Artemis & Winkler, Köln; 270 Seiten; 19,90 Euro.
Von Beate Lakotta

DER SPIEGEL 32/2005
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