08.08.2005

LITERATUR

Der Herr der Hölle

Von Wellershoff, Marianne

Über Schwarze, die selbst Sklaven hielten, hat der Amerikaner Edward Jones einen grandiosen Roman geschrieben - und dafür den Pulitzer-Preis erhalten.

Henry Townsend will ein "besserer Master sein als alle Weißen". Lebensmittel rationiert er lediglich, wenn er nicht anders kann. Seine Sklaven lässt er nur dann prügeln, wenn sie nicht tun, "was recht und billig" ist. Und wenn er Elias ein Drittel von dessen Ohr mit dem Rasiermesser abschneiden lässt, weil der versucht hat davonzulaufen - dann ist das doch die gerechte Strafe für Flucht, denn wer flieht, bestiehlt den Master.

Dass Henry ein besserer Mensch sein will als die anderen Sklavenhalter, hat einen einfachen Grund: Er ist selbst schwarz. Dass er trotzdem genauso menschenverachtend agiert wie die Weißen, ist seine Tragik: "Er begriff nicht, dass die Welt, die er schaffen wollte, zum Untergang verurteilt war, noch ehe er die erste Silbe des Wortes ,Master' ausgesprochen hatte."

Es ist eine wahre, wenn auch wenig bekannte Tatsache, dass einige Afroamerikaner Mitte des 19. Jahrhunderts Sklavenhalter waren. Henry Townsend dagegen hat es nie gegeben. Er ist die Hauptfigur des großartigen, mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Romans "Die bekannte Welt" des US-Schriftstellers Edward Jones, 54, der gerade auf Deutsch herausgekommen ist*.

Fast 20 Jahre lang hat Jones sein Geld damit verdient, für das Magazin "Tax Notes" Zeitungsartikel über Steuerrecht zusammenzufassen. Seine Freizeit jedoch verbrachte er damit, das Manchester County des Jahres 1855 zu erfinden. In dem fiktiven Bezirk in Virginia leben "2191 Sklaven, 142 freigelassene Neger, 939 Weiße und 136 Indianer", wie ein "wohlgelittener pedantischer Gerber" bei einer Volkszählung notiert.

Hier liegen auch die "mehr als fünfzig Morgen Land", die Henry mit seinen 33 Sklaven bewirtschaftet. Selbst als Sklave geboren und von seinen Eltern im Alter von neun Jahren freigekauft, hatte er als geschickter Schuster so viel Geld verdient, dass er seinem einstigen Besitzer William Robbins Land abhandeln und für 325 Dollar schließlich Moses erstehen konnte - seinen ersten Sklaven.

Der Roman beginnt damit, dass der 31-jährige Henry im Sterben liegt, schildert in Rückblicken sein Leben und zeigt, nach seinem Tod, den Zerfall seiner Plantage; seine trauernde Frau Caldonia schafft es nicht, sie weiter zu bewirtschaften. Doch dies ist nur der Rahmen für die unglaublich farbige und lebendige Beschreibung all jener Menschen und Schicksale, die mit der Plantage verbunden sind: Da ist Robbins, der mit einer Schwarzen uneheliche Kinder hat, die er mehr liebt als die eheliche Tochter. Oder da ist Sheriff John Skiffington, der Sklaverei persönlich ablehnt, aber dafür sorgt, dass Reiterpatrouillen nachts Entflohene einfangen.

Und es gibt eine kleinbürgerliche Welt freier Schwarzer, die ihren Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen und sich bei gepflegten Abendessen über die Gefahr von Sklavenaufständen unterhalten - während sie von ihren eigenen Sklaven bedient und bekocht werden.

Eine der bewegendsten Episoden des Romans erzählt, wie der Aufseher Moses nach Henrys Tod ein Verhältnis mit dessen Witwe beginnt und hofft, selbst Master zu werden - und am Ende bitter feststellen muss, dass er immer Sklave bleiben wird, wenn auch Teilzeit-Sexsklave.

Eigentlich hatte Jones jede Menge Sachbücher über Sklaverei in den Südstaaten lesen wollen, als er im Dezember 2001 seinen fünfwöchigen Jahresurlaub antrat. Doch dann begann er damit, die sechs Seiten Romananfang, die er fünf Jahre zuvor geschrieben hatte, in seinen neuen Computer zu tippen. Kurz bevor der Jahresurlaub vorbei war, erreichte ihn die Nachricht, dass er wie elf weitere Kollegen von "Tax Notes" der Rationalisierung zum Opfer gefallen und entlassen sei. Da hatte Jones schon 75 Seiten zu Papier gebracht. Im März 2002 war die erste Fassung des Romans fertig - Jones musste ja nur noch aufschreiben, was er sich jahrelang vorgestellt hatte.

"Die bekannte Welt" ist sein zweites Buch: Für die Kurzgeschichtensammlung "Lost in the City" hatte er 1994 einen mit 50 000 Dollar dotierten Preis erhalten. Sein Debüt beschreibt Menschen in den Armenvierteln Washingtons. Dort ist Jones als Sohn einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, die Analphabetin war und das Geld für ihre drei Kinder (der jüngste Sohn ist geistig behindert) als Putzfrau und Zimmermädchen verdiente. Zwölfmal zog Jones in seiner Kindheit um - diese Erfahrung habe ihn zum Einzelgänger gemacht, sagt er. Anstatt auf Cocktailpartys zu stehen, sieht er sich zu Hause lieber allein ein Video an. Im Gespräch wirkt der große, kräftige Mann, der leise und schnell spricht, erstaunlich schüchtern.

Dass er sein literarisches Talent entdeckte, hat Jones einer Reihe von Zufällen zu verdanken: Bei einem Cousin fand er einen britischen Krimi, der ihn zum Lesen von Romanen inspirierte. Ein Jesuit, den er auf der Straße traf, vermittelte ihm ein Stipendium an einem College. Und weil er wegen seiner schlechten Augen die Zahlen an der Tafel nicht lesen konnte, wechselte er vom Mathematik- zum Englischstudium. Nach dem Abschluss pflegte er zwei Jahre lang seine krebskranke Mutter. Einige Zeit war er, nach ihrem Tod, sogar obdachlos, aber schließlich machte er in Virginia seinen Master in Creative Writing.

Dass er damals nicht als Schriftsteller leben wollte, hatte einen einfachen Grund: Nach einer von Geldsorgen geplagten Kindheit sei für ihn das Wichtigste, sagt Jones, ein monatlicher Gehaltsscheck gewesen. Die Erfahrung, in einer Welt aufzuwachsen, in der die einen Geld und Macht besitzen, die anderen aber nicht, hat Jones sicherlich motiviert, einen Roman über die Sklaverei zu schreiben. Die Frage, warum ausgerechnet der in Unfreiheit geborene Henry zum Herrn über andere wird, beantwortet Jones jedoch nicht mit einem simplen Satz - sondern mit 448 so eindrucksvollen wie packenden Buchseiten.

Henrys eigene Antwort: "Ich hab nichts getan, was nicht jeder Weiße tun würde."

MARIANNE WELLERSHOFF

* Edward P. Jones: "Die bekannte Welt". Aus dem Amerikanischen von Hans-Christian Oeser. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 448 Seiten; 22 Euro.

DER SPIEGEL 32/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 32/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LITERATUR:
Der Herr der Hölle