17.11.1975

Kreisky: „Die Juden - ein mieses Volk“

Österreichs Bundeskanzler Bruno Kreisky läßt neuerdings kaum eine Gelegenheit aus, um durch Zornesausbrüche an seinem Bild als souveräner Staatsmann zu kratzen. Anlaß dazu geben ihm die Anschuldigungen des Nazi-Jägers Simon Wiesenthal gegen den Chef der Freiheitlichen Partei Österreichs, Friedrich Peter, der 1942 der berüchtigten 1. SS-Infanteriebrigade angehörte -- und der Vizekanzler geworden wäre, wenn Kreiskys Sozialistische Partei bei den Wahlen Anfang Oktober die absolute Mehrheit verfehlt hätte (SPIEGEL 42/1975).
Kreisky -- selbst jüdischer Abstammung und während der NS-Zeit im schwedischen Exil -- machte aus dem Fall Peter einen Fall Wiesenthal und indirekt einen Fall Israel. Dem Judenstaat sagt er "freche Anmaßung" und einen "mysteriösen Rassismus" nach. Kreisky: Es sei wissenschaftlich erwiesen, daß es kein jüdisches Volk gebe, vielmehr "Religionsgemeinschaft", die "zu einer Schicksalsgemeinschaft wurde". Er selbst fühle sich nicht zu irgendeiner "besonderen Loyalität" gegenüber Israel verpflichtet. Im übrigen kämen er und Wiesenthal "aus ganz anderen Kulturkreisen". Dem Leiter des Jüdischen Dokumentationszentrums in Wien wirft der Kanzler vor, er arbeite mit den "Methoden einer Mafia" und schädige den Ruf Österreichs. Kreisky: "Der Mann muß verschwinden." Auf die Frage des israelischen Rundfunk- und Zeitungskorrespondenten Zeev Barth: "Was, bitte schön, haben Sie verstanden unter Mafia?" donnerte Kreisky: "Sagen Sie einmal, Herr Redakteur, kommen Sie zu mir, und wollen Sie vom Bundeskanzler der Republik Auskünfte haben, oder wollen Sie mit mir ein Verhör machen? Wenn Sie mit mir ein Verhör machen wollen, dann streiche ich gleich alles. Die Juden nehmen sich so furchtbar viel mir gegenüber heraus, und das erlaube ich nicht. Würden Sie den Mut haben, den französischen Ministerpräsidenten so zu fragen? Das ist eine unerhörte Frechheit, ich schmeiße Sie am liebsten gleich hinaus. Weshalb muß ich Ihnen eigentlich da Rede und Antwort stehen?
Jetzt habe ich genug. Ich bin nicht dazu da, vor der jüdischen, der israelischen Öffentlichkeit mich wie ein Angeklagter zu verantworten . . Erst auf Bitten des Kreisky-Pressesekretärs Johannes Kunz ("Der Herr Bundeskanzler ist überarbeitet") strich Barth diesen Wutausbruch aus dem Interview. Er teilte den israelischen Hörern allerdings mit, wie sein Gespräch endete. Barth: "Als ich das Büro des Bundeskanzlers eben verlassen wollte, zog mich der Kanzler auf einen Moment zurück und sagte mir, witzig sein wollend: "Wenn die Juden ein Volk sind, so ist es ein mieses Volk."

DER SPIEGEL 47/1975
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