17.11.1975

RAKETENPuff und weg

Ein Erfinder und ein Finanzkünstler wollten die Bundesrepublik zur Raketenmacht machen -- und sich selbst zu Millionären.
Knapp fünf Milliarden Mark aus der Bonner Bundeslade, entrüstete sich die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am vergangenen Mittwoch, habe die heimische Luft- und Raumfahrtindustrie bisher "ohne Nutzen" verpulvert. Kein Wunder: "Die deutschen Raumflugexperten", hieß es herb, hätten ein deutliches Defizit an "wirklicher Kompetenz".
Gutes wußte die "FAZ" allein von einem klugen Kopf zu berichten, der seit Jahren -- zum Verdruß der etablierten Raumfahrt-Lobby -- ein hochfliegendes Ziel verfolge. Mit einer von ihm erdachten "Billigrakete", so hatte der Stuttgarter Ingenieur Lutz Kayser versprochen, werde er ab 1980 den "gesamten kommerziellen Markt für geostationäre Satelliten" beherrschen. Diese "raumfahrttechnische Entwicklung" habe, bestätigte die "FAZ", "als einzige überhaupt reelle wirtschaftliche Chancen". Da ist nur eine Kleinigkeit: Kaysers "billigste Raketentriebwerke der Welt" müssen, um "wirtschaftlichen Nutzen" bringen zu können, erst noch gebaut werden.
Bundes- und Landesbürgschaften über 300 Millionen Mark, hofft der schwäbische Tüftler, sollen ihm jenen Kredit verschaffen, den er dringend nötig hat. Denn so ungewöhnlich die "extrem einfache Technik" seines Billigprojektes sein mag, in der Weltraumbranche neu ist vor allem das Finanzierungssystem.
Über eine Abschreibungs-Aktiengesellschaft will Kayser sein Projekt, dessen Gesamtkosten er auf 800 Millionen Mark taxiert, durch private Kleinanleger finanzieren, Erfahrene Fachleute waren hilfreich zur Hand, so Werner Will, Ex-Vorstand der Pleite-Charterflugfirma Atlantis, und Walter Kuffner, ehedem Chef der 105-Bank in München.
"Da ist ja unheimlich Musik drin", hatte Will mit Kennerblick gleich erkannt, als ihm der Erfinder von seinen Raketenplänen erzählte. Flugs beschaffte er, denn Kayser war barer Mittel bar, eine Million Mark, das Startkapital der Otrag Orbital Transport- und Raketen AG.
An größere Münze kamen die Weltraumpioniere mittels eines Zeichnungsprospekts der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Controll Treuhand des Münchner Wirtschaftsprüfers Otto Schreiber, die sich schon bei der Atlantis-Finanzierung verdient machte. Im Vertrauen auf die darin verheißenen "außerordentlich günstigen Gewinnchancen", die Lutz Kayser offenbar aus eben jener Luft zu greifen pflegt, in die er seine Raketen zu schießen gedenkt, zeichneten rund drei Dutzend typische Vielverdiener als atypisch stille Gesellschafter (Will: "Atypen"). Angelockt von steuermindernden 275 Prozent Verlustzuweisungen" zeichneten sie inzwischen 21 Millionen Mark.
Dreistellige Millionenbeträge, so läßt der Volksraketenbauer wissen, werden "ab 1976 zur Zeichnung aufgelegt", wenn die "Serienfertigung" anläuft. Auch ist ein 25 000-Tonnen-Schiff zu bauen, mit "Antischlinger- und Stabilisierungsanlagen" ausgerüstet. Denn es dient von zwei Begleitschiffen eskortiert, der Billigrakete als Startrampe. Auf hoher See genieße er, meint Kayser, "eine gewisse Unabhängigkeit von nationalen Beeinflussungen".
Auf Bonn, das mit den erbetenen 300 Millionen Mark knausert, laste "nun die Verantwortung", mahnte die "FAZ" düster, ob das Kayser-Projekt "der deutschen Volkswirtschaft oder einem fremden Staat zugute kommen wird". Lutz Kayser gibt sich gelassen. Eingedenk seiner "absoluten privatwirtschaftlichen Monopolstellung", erzählt er, werde er von fünf Staaten "aus Südamerika, Afrika und Ostasien" umworben.
Machbar sei die Kayser-Rakete, bestätigt der Berliner Raumfahrt-Ordinarius Professor Heinz-Hermann Koelle.
* Mit dem Otrag-Versuchstriebwerk in der Raketen-Versuchsanstalt Lampoldshausen
"Im Prinzip" nämlich, spottet er, könne man "eigentlich alles zum Fliegen bringen, auch Scheunentore" -- wirtschaftlich sei die Billigrakete barer "Unsinn
Auch der Gießener Raketen-Professor Herst Löb hält dagegen: "Ich wette ein Glas abgestandenes Bier gegen eine Brauerei, daß diese Rakete nicht fliegen wird -- allein aus wirtschaftlichen und politischen Gründen." Und Bundesforschungsminister Hans Matthöfer hat Kaysers "low cost booster" durchrechnen lassen: "Wir sind zu verheerenden Zahlen gekommen."
"Gewitterwolken am Horizont" hat derweil auch Werner Will ausgemacht: "So richtig wie eine Aktiengesellschaft läuft das bei der Otrag nicht", staunt er. Denn seit Will per Ende 1974 sein 500 000-Mark-Paket an der Otrag "zu einem guten Kurs" für 2,5 Millionen Mark an Kayser verkaufte, amtiert der Raketenbauer als Allein-Aktionär und Allein-Vorstand. Pilot Will: "Eine Oneman-show, und jetzt lernt der auch noch fliegen." Als ökonomischer Laie wirtschaftete der "irgendwie geniale" Kayser, witzelt Will, "nach dem Gully-Prinzip: so rein, so raus".
Ahnlich fing es schon an. Denn bereits bei der Gründung hatte Lutz Kayser sein Genie ("Patente, Erfindungen, Know-how und andere Schutzrechte") der Otrag zurückhaltend mit vorerst 150 Millionen Mark in Rechnung gestellt. In den ersten vier Jahren sind davon zunächst jährlich fünf Millionen Mark fällig.
Werner Will, der Otrag durch einen Beratervertrag verbunden, beobachtet den Geldfluß mit zwiespältigen Empfindungen. Denn: "An allem, was bei der Otrag rauskommt, das steht in unserem Vertrag, fahre ich mit zwanzig Prozent mit -- ein Traumgeschäft, hoffentlich noch lange."
Hoffnungen auf Kurskorrektur durch den aus den USA heimgekehrten Raketen-Pensionär Kurt Debus, den Alleinaktionär Kayser unlängst als Nachfolger des 105-Veteranen Kuffner an die Spitze des Aufsichtsrats berief, hegt Will kaum: "Der Aufsichtsrat weiß doch gar nicht, was da läuft."
So war es schon bei Atlantis, erinnert sich Werner Will: "Wenn die Millionen reinkommen, da macht"s puff, und da sind sie weg."

DER SPIEGEL 47/1975
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