17.11.1975

GRIECHENLAND

Neuer Augiasstall

Rund ein Drittel der in Griechenland zugelassenen Autos wurde eingeschmuggelt -- die meisten aus der Bundesrepublik.

Der Athener Anwalt Nikolasos Galeadis, Besitzer eines Mercedes Benz 280 SE Automatic, Polizeinummer BA 6270, erworben aus zweiter Hand, durfte sein Auto nur zwei Jahre lang sein eigen nennen. Dann holte es die Polizei.

Der Anwalt erfuhr, daß der Wagen "ein Schmuggel- und Fälschungsgut" sei. Nur auf Gerichtsbeschluß und gegen eine Kaution von 200 000 Drachmen (etwa 16 000 Mark) bekam er ihn vorerst wieder frei -- die Kaution müßte er sich zurückprozessieren.

Galeadis hatte immerhin Glück. Hunderte anderer Griechen -- Staatsbeamte, Offiziere, Ärzte und Polizisten -mußten unter dem Verdacht der Hehlerei ihre Wagen der Polizei übergeben und bekamen sie nie wieder zu sehen. Die Besitzer sind -- meist ahnungslose -- Opfer des "allergrößten Betrugs" (die Illustrierte "Tachydromos") oder "des größten Skandals seit der Zeit von König Otto, vergleichbar nur mit dem Augiasstall" (Anwalt Galeadis).

Den zeitgenössischen Augiasstall haben deutsche Autodiebe und Hehler sowie ihre Partner in Hellas und Nahost eingerichtet. Allein in Griechenland sind wahrscheinlich 120 000 Personenwagen, fast ein Drittel des gesamten Pkw-Bestandes, illegal importiert und zugelassen worden. Der Computer des Athener Verkehrsministeriums ermittelte etwa 45 000 sogenannte Zwillingswagen -- Autos, die zu zweit die gleiche Fahrgestellnummer haben, Die Zahlen deuten darauf hin, daß "Griechenland zum Asyl der Autodiebe von ganz Europa geworden ist" (Galeadis).

Deutsche Touristen, griechische und türkische Gastarbeiter oder Kraftfahrer und persische Studenten haben die Wagen ins Käuferland gefahren. Dort vernichteten sie ihre Pässe, in denen die Wagen eingetragen waren, und erstatteten eine Verlust- oder Diebstahlsmeldung. Aufgrund dieser Meldung stellten ihnen die Konsulate oder Heimatbehörden einen neuen Paß aus, mit dem sie das Aufnahmeland des Diebesgutes wieder verließen. Deutsche konnten es sich noch leichter machen: Sie reisten nach Griechenland mit Reisepaß ein, in den die Zollbehörden die Daten des Wagens eintrugen. und reisten auf Personalausweis wieder aus.

In Griechenland übernahmen pfiffige Gebrauchtwagenhändler Verkauf und Zulassung. Sie suchten sich unter den schrottreifen Wagen der staatlichen Organisation "Odisy", die den Fahrzeug- und Maschinenpark des Staates verwaltet, einen Wagen gleichen Fabrikats aus und erwarben den Altwagen auf öffentlicher Versteigerung für maximal 1000 Mark. Der Wagen wurde zerlegt oder verschrottet, sein Typenschild in den importierten Diebstahlswagen montiert. Da "Odisy"-Wagen weder mit Zöllen noch mit anderen hohen Luxus-Abgaben belastet werden, gelang es auf diese Weise, bei einem Wagen der Luxusklasse bis zu 20 000 Mark einzusparen.

Deutsche Autodiebe brauchten das Diebesgut mitunter nicht komplett zu exportieren. Sie ließen die Wagen statt dessen in Teile zerlegen, die von griechischen Gebrauchtwagenhändlern in Deutschland eingekauft und in Griechenland wieder zusammengebaut wurden. Gebrauchtwagenhändler Dionyssios Aravantinos, der eine mehrjährige Haftstrafe absitzt, führte vorzugsweise Aufbauten von Mercedes-Benz-Personenwagen als Gebrauchtwagenteile ein und montierte sie auf anderweitig importierte Fahrgestelle. Ein Kollege ließ in Deutschland die Autodächer abtrennen, führte den übrigen Wagen separat ein und schweißte die Teile in Athen wieder zusammen.

Griechische Gastarbeiter in der Bundesrepublik fertigten Listen von Gastarbeitern an, die gegen einige hundert Mark bereit waren, gestohlene Wagen als ihre eigenen auszuweisen und angeblichen Verwandten in Griechenland zu schenken. Griechische Konsulate in der Bundesrepublik beglaubigten die Schenkungsurkunden ohne weiteres.

Ein so umfangreicher Autoschmuggel konnte kaum ohne Mitwirkung griechischer Behörden florieren: Deutsche Schmuggler täuschten mitunter einen Transithandel vor. Da Transitwagen nur stückzahlmäßig registriert werden, war es nicht schwer, diese im Zollager Piräus gegen andere schrottreife Wagen auszutauschen. Die Zöllner im Hafen von Piräus drückten ein Auge zu.

Als noch lukrativer erwies sich das illegale Geschäft für die Beamten der Zulassungsstelle Athen, die laut Anwalt Galeadis eine "Räuberhöhle" ist. Für sie wäre es nicht schwer gewesen, die Praktiken der Autohändler zu entdecken, doch sie verzichteten auf nähere Nachprüfung der Wagendaten -- gegen Bakschisch von 2000 bis 4000 Mark. Nur vier Beamte wurden bislang vom Dienst suspendiert. Mitwisser, die wahrscheinlich auf hohen Posten des Verkehrsministeriums sitzen, blieben unbehelligt.

Der Autoschmuggel nahm inzwischen solche Ausmaße an, daß die Einfuhr der Zulassungsstatistik widerspricht: In Griechenland, einem Land ohne eigene Autofertigung, wurden zum erstenmal mehr Autos zugelassen, als offiziell importiert wurden.

Seit vier Jahren ermittelt Gendarmerieoffizier Nikitas Tzamouranis mit einem Stab von zehn Mann gegen die Autoschmuggler. Weniger als 300 Wagen konnten bisher festgestellt werden. Wenn man, wie die Behörden, von 40 000 verdächtigen Wagen ausgeht, würden die Fahnder an die 400 000 Arbeitstage brauchen, um ihre Ermittlungen abzuschließen -- rund 1300 Jahre. Tzamouranis: "Wir stehen vor einem einmaligen Riesenskandal."

Der Einnahmeausfall für den griechischen Staat überschreitet inzwischen eine Milliarde Mark, fast ein Zehntel des Budgets.


DER SPIEGEL 47/1975
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