25.04.1977

BUNDESWEHRScharf geschossen

Der nächtliche Schuß auf ein Reh machte die Bundeswehr mobil: Sogar Militärischer Abschirmdienst und Wehrbeauftragter wurden alarmiert.
Es war Nacht. Um das Munitionslager Hardheim im Odenwald patrouillierte eine Doppelstreife. Plötzlich ein verdächtiges Geräusch. Einer der Soldaten legte an und schoß. Mit einem Herzschuß getroffen, sank das Opfer ins Gras -- ein Reh.
Es war zwar Schonzeit, und die am letzten März-Wochenende erlegte Ricke war trächtig -- doch deswegen wäre sicher nicht der Militärische Abschirmdienst (MAD), der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages alarmiert und der Rechtsberater der Division per Hubschrauber eingeflogen worden.
Der Schuß im Odenwald hatte vielmehr in einer Art Kettenreaktion das liederliche Leben der Soldaten im Badischen enthüllt und ein ganzes Bündel strafwürdiger Delikte aufgedeckt.
Zwar hatte der wachhabende Unteroffizier in der Tatnacht alle seine Untergebenen, über ein Dutzend an der Zahl, einzeln und eindringlich zum Stillschweigen vergattert ("Sonst hast du deine letzte Meldung geschrieben") -und dies noch mit gezückter Privatpistole, die er während des Dienstes im Schulterhalfter zu tragen pflegte.
Doch der Geheimnisträger waren diesmal einfach zu viele: Am Montag nach dem Schuß machte die Geschichte mit dem Reh in der Carl-Schurz-Kaserne die Runde -- bis hinauf zum amtierenden Batteriechef Dietmar Meyer. Der steckte die Delinquenten in Zellen, alarmierte MAD, Kripo und Wehrbeauftragten und stieß bei den Verhören, die sieh bis nach Mitternacht hinzogen, auf ein weiteres Mysterium: Der festgenommene Wildschütz hatte die 40 Schuß Munition, die jeder Wachsoldat für das Standardgewehr G 3 zugeteilt bekommt, noch vollständig in der Patronentasche.
Des Rätsels Lösung fanden die vernehmenden Beamten auf Kassibern, die einer von zunächst vier Festgenommenen aus der Zelle zu schmuggeln versuchte -- mit Hinweisen auf Verstecke, die dann von der Kripo bequem inspiziert werden konnten. So fanden sie neben überzähligen Gewehrpatronen "ein großes Lager mit großkalibriger Munition" (Meyer) und 90-Millimeter-Hülsen aus Messing für den Panzer M-48, die laut Oberleutnant Meyer unter Kennern "begehrt sind als Souvenir und als Bodenvasen".
Auch das Reh, bereits fachkundig "aus der Decke geschlagen", so der leitende Oberkommissar Dörder von der Kriminalpolizei Mosbach, konnte "aus der Kühltruhe eines an der Tat Unbeteiligten beschlagnahmt" und dem Jagdpächter zurückgebracht werden.
Die nächtliche Jagd wurde ebenfalls bis ins Detail aufgeklärt -- als vorsätzliche und von langer Hand vorbereitete Tat. Batteriechef Meyer: "So ein Reh hat ja seine festen Gewohnheiten." Die Diebstähle wie der Jagdfrevel boten dabei den Tätern keine allzu großen Schwierigkeiten. Meyer: "Außer der Wache kam ja da keiner ran."
Der wegen Körperverletzung mit Todesfolge bereits vorbestrafte Reh-Schütze und sein Unteroffizier sitzen nun in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft Mosbach ermittelt wegen Schußwaffenmißbrauch' illegalen Waffenbesitz, Munitionsdiebstahl' Wilderei und Nötigung.
Disziplinarrechtlich wurde der Fall bereits entschieden: "Die Bundeswehr", so der Mosbacher Kripo-Mann Dörder, "schießt da sofort scharf."
Die fristlose Entlassung des wachhabenden Unteroffiziers nach dem Soldatengesetz machte keine Probleme. Rechtlich komplizierter war die Entlassung des wehrpflichtigen Wachsoldaten. "Wenn das so einfach wäre", sagt Batteriechef Meyer, "dann haut doch jeder einfach mal den Hammer in die Gegend -- und wird entlassen."
Das Reh und die Diebstähle, so entschied der Rechtsberater der Division, reichten aber dann doch hin, beide Delinquenten disziplinar zu maßregeln und per 1. April 1977 aus dem Dienst zu entlassen.
"Die wollten einfach mal was drehen", sagte Meyer letzte Woche nach Abschluß der disziplinaren Sofortmaßnahmen, "ohne zu wissen, was ihnen da alles an Strafen droht."

DER SPIEGEL 18/1977
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