10.11.1975

KIRCHENDIEBSTAHLKrummstab hoch

Kölns Domherren glauben sich von Meisterdieben ausgeplündert. Doch den altertümlichen Dom-Schutz hätten auch kleine Ganoven überwinden können.
* Kardinal Höffner (l.) mit zurückgelassenem Beutestück.
Am Hohen Dom zu Köln wurde
Anfang vergangener Woche der Ernstfall simuliert. Als in der Schatzkammer der Kathedrale die Alarmsicherung durchbrochen wurde, stand, so erinnert sich ein Dombediensteter, "sofort die Polizei vor der Tür".
Der echte Ernstfall war wenige Stunden zuvor eingetreten -- und ganz anders abgelaufen: Diebe, die in der Nacht zum vorletzten Sonntag den Dom heimgesucht und die Schatzkammer geplündert hatten, konnten unerkannt entkommen. Denn anders als bei der späteren Rekonstruktion war kein Alarmsignal ertönt, kein Uniformierter herbeigeeilt. Panne?
Für Kölns Kripo war große Lage. Eine flugs zusammengezogene "Ermittlungskommission Domschatz" praktizierte zugunsten der Domherren einen Aufwand, wie er denen am anderen Ende des Klingelbeutels nur selten zuteil wird: 55 Beamte gingen ans Werk.
Ihre Recherchen galten Kultgerätschaft aus Gold und Edelstein. Die weltberühmte Prunkmonstranz, die, so einst ein Domkanonikus, "kühn in Europa ihresgleichen" sucht, sie war darunter, wie auch die Kußtafel aus dem 16. Jahrhundert. Schwer ermeßliche Werte, ein schimmernder Schatz aus Turmalinen, Amethysten, Brillanten -einfach weg.
Die taktisch wie strategisch makellose Anlage des Preziosenraubes hatte etwas von Rififi und Topkapi, erste Adressen aus der Unterwelt schienen am Werk gewesen. Nichts deutete darauf hin, als sei es nur mehr ein weiterer Fall eklatanter Sorglosigkeit deutscher Kirchenherren, die es immer wieder auch kleinen Ganoven erlaubt, mit Minimalaufwand an krimineller Intelligenz Kirchengut von beträchtlichem Wert abzuzweigen.
Andernorts, wo immer güldenes Meßgerät oder hölzerne Immakulata verschwinden, registrieren Kriminalisten fast stets ein umgekehrt proportionales Verhältnis zwischen geklauten Werten und kirchlichem Sicherheitsaufwand. Nicht so in Köln.
Da genoß der Diebstahlschutz liebevolles Augenmerk der Verantwortlichen, da läßt die domstädtische Kripo auf das "dreifache Sicherheitssystem" (Chefermittler Gerd Schulz) nichts kommen:
Es gab zunächst die Zwei-Mann-Patrouille, zwei alte Domschweizer, die nachts im verschlossenen Dom wandeln und Stechuhren pricken (einer von ihnen hat seinen Hauptaufenthaltsort im nördlichen Querschiff, nahe der Tür zur Schatzkammer).
Bis vor kurzem war da auch noch -- Sicherheitsfaktor Nummer zwei -- der Franziskaner Angelicus Meyer, der in einer Kabause schräg oberhalb der ebenerdigen Schatzkammer hauste. Jederzeit, so stand es in der Lokalpresse, sei beim "nimmermüden" Bruder Angelicus damit zu rechnen, daß er "in kleinen Schritten seinen Rundgang durch die Kirche" machen würde. Und: Die neun Quadratmeter kleine Eremitenklause in der Domwand enthielt Telephon.
Abschreckung Nummer drei, so die Überzeugung der Kölner Kripo, bot die Alarmanlage selbst. Elektrische Kontaktschleifen schirmten zwar nicht die einzelnen Vitrinen, dafür aber alle Zugänge zur Schatzkammer gegen unbefugtes Eindringen ab. Die 40 Zentimeter breite Luftschachtmündung vergitterten im Zwölf-Zentimeter-Abstand festmontierte Alarmstäbe aus Messing. Jegliches Unterbrechen der Stromkreise hätte das direkt mit dem Domsystem verdrahtete Polizeipräsidium alarmiert.
Lediglich an zwei Schlössern ließ sich die Anlage abschalten. Das erste sicherte die Eingangstür, das zweite, innerhalb des Kammerraumes installiert, die ganze Anlage. Die Nachtwächter schließlich hatten keinen Schlüssel dazu -- um selbst noch den gewaltsam erpreßten Zutritt auszuschließen. Daß der Tort im Dom gleichwohl geschehen konnte, läßt auf exakte Orts- und Milieubeobachtungen der Diebe schließen -- beweist aber zugleich auch, daß kaum mehr als dies erforderlich war, die gepriesenen Stärken des Sicherungssystems in Schwächen umzumünzen. Die Täter müssen lediglich gewußt haben,
* wie die Anlage funktionierte,
* daß Bruder Angelius seit Mitte
Oktober nicht mehr am Leben ist,
* daß die Wächter nachts keinen Zugang zur Kammer hatten.
Entsprechend souverän verhielten sich die Einbrecher vor Ort. Nachdem zumindest einer von ihnen über ein Baugerüst den hochliegenden Austritt der Schatzkammerentlüftung erklettert hatte, wand er sich durch die offene Röhre. Am Ende demontierte er erst ein Eisengitter, danach ein verdübeltes Lochblech.
Es wäre sodann naheliegend gewesen, hätte der Eindringling das nächste Hindernis, die kontaktgeschützten drei Messingstäbe, einfach durchgesägt -- aber das hätte Stromunterbrechung und mithin ein frühes Ende der Operation bedeutet.
Statt dessen bog der Täter den mittleren der drei Stäbe, sachte, sachte, aus seiner fast zehn Zentimeter tiefen Verankerung im Mauerwerk. Ohne die innen liegende Alarmdrahtschleife zu verletzen, krümmte er das Messingrohr in die Höhe und band es fest. Durch die nun entstandene 25 X 40 Zentimeter weite Öffnung seilte er sich, schmächtig muß er gewesen sein, schließlich sechs Meter tief hinab zu den Schätzen.
Dort konnte der Unbekannte getrost auf sichere Arbeitsbedingungen zählen. Denn ein durch eventuellen Monstranzenlärm aufgeschreckter Wachmann hätte erst umständlich per Telephon die Polizei verständigen müssen. Der Zeitpunkt zum Abrücken war dann nur noch dem Polizeifunk zu entnehmen -- und exakt nach diesem Muster, meinen die Ermittler, hat sich denn alles auch abgespielt.
Ein Wächter hörte Lärm und telephonierte um Hilfe. Im Schatzraum zurückgelassene Werkzeuge und Kunstgegenstände von hohem Wert deuten auf überstürzten Aufbruch, den wiederum Hektik auf der Polizeiwelle ausgelöst haben dürfte: Am Tatort lagen Ohrknöpfe zum lärmfreien Radiohören.
Für Interessenten, so zeigte der Coup von Köln, war die scheinbar sorgsam gefügte Sicherheitskette unschwer von hinten aufzudröseln. Nicht einmal gesagt, daß sie dabei auf Insidertips angewiesen waren. Ein hoher kirchlicher Ortskenner jedenfalls glaubt, daß keiner der gegenwärtig am Dom Beschäftigten präzis genug über die Alarmanlage zu informieren wüßte -- "so alt ist die".

DER SPIEGEL 46/1975
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