10.11.1975

„Hier war die Gewalt zu Hause“

Pasolini hat nicht seinen Tod, wohl aber die unbarmherzige, grausame Art dieses Todes vorhergesehen. Das Mitleid, so sagte und schrieb er ja, sei gestorben. Dabei verstand er Mitleid im Sinne einer religiösen Beziehung zur Realität, also als Gegenteil jener Ungläubigkeit und Ruchlosigkeit, die er im Hedonismus der Massen triumphieren sah.
Auch den Ort seines Todes sah Pasolini voraus. Ich war dort, und ich erkannte den Ort wieder, als ob ich ihn schon andere Male gesehen hätte: Tatsächlich hat Pasolini ihn schon in seinen beiden Romanen sowie in seinem ersten Film "Accattone" beschrieben. Der Ort befindet sich in Ostia, am Rand des Wohngebietes. Ich fuhr auf der Autobahn bis Ostia, dann auf einer langen, anonymen Straße, zwischen anonymen Häusern eines anonymen Viertels. Sie führt zu einem Platz neben einer Baustelle, verläuft dann zwischen räudigen, sandigen Grundstücken und Baracken. Es war kein schöner Tag; der Himmel, verhangen und leichenfahl, entsprach der Landschaft. Ein warmer Wind wirbelte Staub auf.
Hier, auf einem dieser staubigen umzäunten Bauplätze, zwischen asymmetrisch verstreuten Baracken und meist unbewohnten Behelfsheimen, geschah das Verbrechen. Ein Ort der Dritten Welt, wie an der Peripherie einer Stadt im Nahen Osten oder in Afrika. Pasolini wurde ermordet nicht weit von einer kaputten, rosa angestrichenen Brettertür, hinter der man den Rohbau eines grauen, kleinen Behelfsheims sieht.
Mit einem Brett von jener Tür hat der Mörder wild auf Pasolini eingedroschen, ihn zu Boden geschlagen. Dann fuhr der Mörder mit dem Auto über den am Böden liegenden Schwerverletzten.
Die Motive der Aggression kennen wir nicht. Doch ich bin sicher: Der Tod Pasolinis wurde -- in jener psychologischen Realität, die als einzige zählt -- vom Haß des Mörders auf sich selbst verursacht, von dessen Identifizierung mit Pasolini im Augenblick des Verbrechens. Indem er Pasolini tötete, wollte der Mörder sich selbst strafen.
Umstände und Details des Verbrechens, die ich für wahrscheinlich halte, mögen durch die Ermittlungen der Polizei modifiziert werden. Was aber keine Untersuchung andern kann, ist die Atmosphäre geheimer Gewalt, die jener Ort in Ostia ausstrahlte. Er war "gewalttätig", eben weil er ekelhaft, schäbig, hoffnungslos war. Nun, Ekelhaftigkeit, Schäbigkeit und Hoffnungslosigkeit sind ihrerseits die Konsequenzen einer vorangegangenen, allgemeineren Gewalt. Und von dort her stammt letztlich jene Gewalt, der Pasolini zum Opfer gefallen ist. An diesem Ort, kurz gesagt, war die Gewalt zu Hause, und bei ihrem nächtlichen Treffen bemächtigte sie sich des Mörders.
Warum ich mich so sehr bei der Gewalt aufhalte? Weil der Mörder von legitimer Notwehr gesprochen hat. Auf diese Weise hat er zur tödlichen Gewalttat noch die Gewalt einer Rechtfertigung hinzugefügt, die vom unterdrückten, insgeheim gewalttätigen Teil Italiens akzeptiert wird.
Pasolini war ein Feind der Gewalt, er war es nicht nur vom Temperament her: ein sanfter, liebenswürdiger Mann, der reichlich über jenes Mitleid verfügte, dessen Verschwinden er beklagte. Er war gegen die Gewalt vor allem, weil die Entdeckung der neuen massiven Gewalttätigkeit gleichsam im Zentrum seiner tiefsten kulturellen und politischen Besorgnisse stand.
Pasolini hatte in jüngster Zeit die Massenkriminalität als totale Entfremdung, als unaufhaltsamen Mechanismus erkannt. Aber diese bestürzende Erkenntnis wurde ihm nicht plötzlich und nicht vollständig zuteil, sondern leider schrittweise, unvollständig. Obwohl er die Existenz dieser Massengewalt betonte -- irgendwie glaubte er doch nicht ganz daran. Oder zumindest glaubte er nicht genug daran, um sich vor ihr zu hüten und ihr auszuweichen.
Pasolini hatte die verschwommenen Umrisse der Massengewalt nachgezeichnet; dabei bezog er sich auf seine Beobachtung einer gewissen Art zu reden, sich zu verhalten, sich zu kleiden. Aber er hatte diese Gewalt nie vollständig, klar und präzis gesehen. Er hatte sie "erraten", wie man eine Figur in der Nacht errät.
Rimbaud sagt in einem berühmten Gedicht, daß er die Morgendämmerung in hundert Anzeichen kommen sah und sie doch nicht ganz erfassen konnte. Pasolini erging es mit der Gewalt wie Rimbaud mit der Morgendämmerung. Er erkannte ihre "ungeheure Gestalt" erst im letzten Augenblick, als es schon zu spät war.

DER SPIEGEL 46/1975
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 46/1975
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Hier war die Gewalt zu Hause“

Video 00:33

Video aus Texas Hochwasser zerstört Brücke

  • Video "Rätselhaftes Verhalten: Wal schaufelt sich mit seinen Flossen Wasser ins Maul" Video 01:18
    Rätselhaftes Verhalten: Wal schaufelt sich mit seinen Flossen Wasser ins Maul
  • Video "Umstrittene Militär-Übung: Flugzeug steuert auf Hochhaus zu" Video 01:19
    Umstrittene Militär-Übung: Flugzeug steuert auf Hochhaus zu
  • Video "Meghan und Harry in Sydney: Koalas und ein Plüsch-Känguru" Video 01:24
    Meghan und Harry in Sydney: Koalas und ein Plüsch-Känguru
  • Video "Saudi-arabische Erklärung zum Fall Khashoggi: Das ist ein Märchen" Video 04:29
    Saudi-arabische Erklärung zum Fall Khashoggi: "Das ist ein Märchen"
  • Video "Erster Bike-Trial-Weltcup in Berlin: Die fliegenden Räder" Video 02:04
    Erster Bike-Trial-Weltcup in Berlin: Die fliegenden Räder
  • Video "Grünes Direktmandat in Würzburg: Wie Patrick Friedl die CSU besiegt hat" Video 04:13
    Grünes Direktmandat in Würzburg: Wie Patrick Friedl die CSU besiegt hat
  • Video "Drohnensteuerung: Körperbewegungen sollen Joystick ersetzen" Video 01:12
    Drohnensteuerung: Körperbewegungen sollen Joystick ersetzen
  • Video "Südfrankreich: Mindestens 10 Tote bei Überschwemmungen" Video 00:49
    Südfrankreich: Mindestens 10 Tote bei Überschwemmungen
  • Video "Humanoid-Roboter: Atlas läuft Parkour" Video 01:22
    Humanoid-Roboter: "Atlas" läuft Parkour
  • Video "Duell in Portugal: Rallye-Auto vs Mountainbike" Video 01:17
    Duell in Portugal: Rallye-Auto vs Mountainbike
  • Video "Atlantischer Wirbelsturm: Meterhohe Wellen treffen auf Madeira" Video 00:54
    Atlantischer Wirbelsturm: Meterhohe Wellen treffen auf Madeira
  • Video "Axtwerfen: Trendsport für den gestressten Großstädter" Video 01:58
    Axtwerfen: Trendsport für den gestressten Großstädter
  • Video "Hindu-Tempel in Berlin-Neukölln: Elefantengott auf der Hasenheide" Video 03:10
    Hindu-Tempel in Berlin-Neukölln: Elefantengott auf der Hasenheide
  • Video "Ironman Hawaii: In Rekordzeit zum Heiratsantrag" Video 01:05
    Ironman Hawaii: In Rekordzeit zum Heiratsantrag
  • Video "Video aus Texas: Hochwasser zerstört Brücke" Video 00:33
    Video aus Texas: Hochwasser zerstört Brücke