10.11.1975

„Hildchen, halte man durch!“

In der Bristol-Bar ist blaue Stunde, und Werner Neumann, vormals Rias, spielt leise Stücke auf dem Klavier. Die Melodien laufen über die geschmierten Scharniere des Potpourris. Er bringt das Lied "Ich wollt", ich wär" ein Huhn" so weich wie "... eine Nacht voller Seligkeit". Das Gefühl, das Leben sei zu kurz, um sich ernsthaft darauf einzulassen, wird von Herrn Neumann gefördert. Aber er muß die Hits ja mischen.
Das tat er auch vor vierzehn Tagen im Grill-Restaurant, als Hildegard Knef ausnahmsweise ihr Staatsapartment verlassen hatte und von der "Bild-Zeitung" unter einem "braunen Turban, passend zu einem goldbraunen Zipfelkleid im Stil der zwanziger Jahre", an Tisch 13 in einer Nische gesehen wurde: "Kerzen leuchteten, sie aß Kalbsfilet." Und was ließ sich der Pianist einfallen? "Bild" protokollierte sachlich wie ein Kreidestrich, der die Fundstelle eines Leichnams konturiert: "Herr Neumann klimperte "Das war Hollywood von gestern" und "Spiel mir das Lied vom Tod"!"
Seitdem waren anzügliche Parallelen zwischen Neumanns Liedern und Hildegard Knefs gesundheitlichem Befinden nicht mehr zu ziehen. Alles spielt sich im Berliner Kempinski ab, im "Kempi", um gleich einzutauchen in die Tonart der Kudamm-V.I.P."s, in die abgelatschten Koseformen der Persönlichkeiten, die abends vor dem Hintergrund alter Widmungsphotos steinharte Kamellen flüssig machen und ihre Erkennungslache dabei hochgehn lassen.
Im Kempi bewohnt Hildegard Knef (fragende Schlagzeile: "Was liebt Berlin an seinem Hildeken?") mit der siebenjährigen Tochter "Tinta" -- Tinta ist der abgeschmuste Rest von Christina -- seit August die Bellevue-Suite, 200 Quadratmeter für einen Tagespreis von 650 Mark.
Das scheint selbst der Cashmere-Bohéme des Boulevards, die zumindest gedanklich mit dem großen Geld auf du steht, ziemlich hochgegriffen. Schließlich ist auch der Hilde früher mal der Sand vom Grünkohl zwischen die Zähne geraten. Schließlich hat die Hilde ihre biographische Kulisse immer so parfümiert, als könnten sich auch heute ihre Poren nur unterm Dunstgewölbe der Berliner Rieselfelder richtig öffnen. Und nicht zu vergessen die Maggi-Metaphern, den offen getragenen Heimatnerv: "Berlin, du bist die Frau mit der Schürze", "Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen".
Vom 23. auf den 24. Oktober hat Hildegard Knef ihren Mann David Cameron aus der Bellevue-Suite rausgeschmissen. Durch die Fenster dieser Suite, sagt der Hoteldirektor, hat man den Westen und Osten in der Totale, sieht man den Grunewald, den Trümmerberg und "beispielsweise heute die Sonnenglut hinter den Wolken".
Täglich gegen 17 Uhr 30 nimmt David Cameron das juristisch ausgehandelte Verkehrsrecht wahr und trifft seine Tochter in Zimmer 131, dem Büro des Hoteldirektors. Für den Fall, daß sein Vater es einfach wegschnappen könnte. wird das Kind von einem Leibwächter gebracht. Den Photographen entgeht die Szene immer. Manchmal scheint Cameron das Hotel durch einen Luftschacht betreten zu haben oder er könnte, in einem Sack zwischen dem stabilen Gestänge der Wäsche-Ambulanz hängend, hereingerollt worden sein. "Ich habe schon 60jährige Generaldirektoren erlebt", sagt Rechtsanwalt Probandt, "die bei 25 Grad Kälte zwei Stunden mit ihrem Sprößling um den Affenkäfig gingen, nur um ihr Verkehrsrecht auszuüben."
Wolfgang Probandt ist der Anwalt von Hildegard Knef. Vor jede seiner Auskünfte setzt er die Wörter "das aber rein privat" oder "entre nous". Die ihm wichtigste Aussage lautet: "Sollten Sie mich erwähnen, nennen Sie mich bitte nicht Scheidungsanwalt." Er ist zum fünften Mal verheiratet und hatte dabei "dreimal das Vergnügen mit einer Schauspielerin". Er sagt: "Ich wurde auch einen wilden Puma heiraten." Mit dem Puma symbolisiert Probandt "in einem heißen Sommer am 9. Juli 1911 in Templin geboren und Schüler des Joachimsthalschen Gymnasiums" -- eine ihm eigene sedierende Männlichkeit für fauchende Frauen. "Frage", sagt er, "wo kann man von Persönlichkeit sprechen und wo von Hysterie?"
Im Kempinski wimmelt die Presse und will durch die Doppeltür von 1148 eingelassen werden. Diese Zimmernummer ist jetzt die öffentliche Chiffre für Hilde, die den Leibwächter an die Tür schickt und "Frau Knef ist nicht da" bestellen läßt. Aber geöffnet wird immer, schon wegen der Pagen, die Blumen bringen könnten.
Doch ungestraft läßt man nicht &Inen Haufen Duzfreunde unten in der Halle warten. Einer zieht "Das Urteil" aus dem Aktenkoffer und zeigt die Widmung, die mit "Deine Hilde" endet. Die undankbare Hilde wird ganz langsam auf die Knef zurückgeschrumpft, auf die immer schon rastlos gewesene Trümmer-Ilse, det blasse Frohem, das auf die Blutarmut noch stangenweise Lucky Strike inhaliert und mit aller Macht raus will aus den blasig geklebten Tapeten.
Aus allen Löchern kriechen die Geduzten, die jetzt hart in die verfügbaren Gerüchte einsteigen, in die verjährten so gut wie in die neuen, die Nägel mit Köpfen durch die verschleierten Statements der Rechtsanwälte -- Gerd Joachim Roos für Cameron und Wolfgang Probandt für Knef -- zu erkennen glauben. Es geht um Suchtmedikamente, um die Einweisung in die Psychiatrie, um die gefräßige Liebe einer monomanischen Mutter, um Camerons "geringes Interesse am weiblichen Geschlecht". Von Scheidung ist erst seit vergangenen Freitag die Rede. Die "Bild-Zeitung" brachte sogar eigene Visionen von Hildes Innenwelt in einem fett gedruckten Schlußsatz: "Aber wer sie kennt, der weiß auch, daß ihre Berliner Schnauze trotzig unter Tränen flüstert: Ich liebe ihn noch immer." So könnte ein Lied anfangen, so was läßt sich nur singen.
Der Hoteldirektor sagt: "Natürlich ist Hildegard Knef als Künstlerin feinfühliger als wir üblichen Menschen." Der absackenden Sympathie möchte der Hoteldirektor durch eine Anekdote wieder Halt verschaffen: Ein unbekannter Berliner, wahrscheinlich Rentner, habe der Knef eine Baccara-Rose geschenkt und dabei gesagt: "Hildchen, halte man durch." Und Hildchen freute sich "unendlich". Doch wie das Leben spielt, wenn Hildchen sich "unendlich" freut, ist gerade kein anderer unbekannter Berliner vor Ort, der die Gegenfrage stellt: "Hamse keen Vawandten, demse det azehln kenn?"

DER SPIEGEL 46/1975
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