08.12.1975

Fernsehen: „Verseuchung der Denkwelt?“

Das Fernsehen kritisiert sich selbst -- so scharf und so gründlich wie noch nie: Am Beispiel der TV-Berichterstattung über den Bürgerkrieg in Nordirland hat der Medien-Wissenschaftler Bernward Wember die Machart politischer Informationssendungen und deren Wirkung auf den Zuschauer analysiert. Wember-Urteile, kommenden Donnerstag im ZDF: Im Fernsehen werden durch den „Augenkitzel“ optischer Effekte „Zusammenhänge vernebelt“, wertlose „Wegwerfinformation“ behindere „auf die Dauer eine demokratische Urteilsbildung“.
Pfeile sausen, Blitze zucken, Oszillographen flackern, Punkte quellen auf. Zahlensäulen wachsen und schrumpfen, Rasterbänder zerlaufen in rotierenden Kreisen, Schriftzeichen wandern -- als Menetekel des Mediums -- über den Bildschirm: "Verseuchung der Denkwelt?"
Der graphische Zauber hat Methode, die Frage Sprengkraft: Zugleich anschaulich und wissenschaftlich, populär und didaktisch führt der Münchner Medienforscher Bernward Werber, 34, am Donnerstag dieser Woche im ZDF einen abendfüllenden "Indizienbeweis" über den Wert politischer TV-Informationen. Gründlicher, seriöser und auf sachliche Weise spannender ist Fernsehen im Fernsehen noch nicht kritisiert, härter noch nie abgeurteilt worden.
"Dinge und Ereignisse", so beantwortet Wember die Frage seines Sende-Titels "Wie informiert das Fernsehen?", "werden als bloße Reizmittel für den Augenkitzel mißbraucht", "der Bildzauber vernebelt die Zusammenhänge", Features und Magazine liefern "wertlose Wegwerfinformationen" und fördern "Verseuchungsmethoden. die auf die Dauer eine demokratische Urteilsbildung behindern können".
ZDF-Korrespondenten im Ausland können den Aufklärungsfilm in eigens gezogenen Kassetten-Kopien besichtigen und sich eine Lehre sein lassen.
Revolution im zweiten Kanal: Die beiden ZDF-Redaktionen "Filmforum" und "Medienkunde" haben den Fernsehprozeß in eigener Sache nicht nur angestrengt, sondern größtenteils auch finanziert. Während die kleinmütigen ARD-Intendanten ihre ohnehin bescheidene Selbstkritik-Sendung, das "Glashaus", weiter demontieren, öffneten die Mainzer ihrem Kritiker sämtliche Archive, gaben sein Verdikt ungekürzt frei und schoben es trotz extremer Sendedauer (zwei Stunden und zehn Minuten) nicht ins Nachtprogramm ab. Das Fernsehgericht tagt Donnerstag ab 21.15 Uhr.
Solch ungewöhnliches Wohlwollen verdankte Wember einer "exemplarischen Analyse" ("Süddeutsche Zeitung"), mit der er sich vor drei Jahren bei den Mainzern qualifiziert hatte. So wie er damals den deutschen Dokumentarfilm über "Bergarbeiter im Hochland von Bolivien" in einer "vorzüglich aufgebauten und gestalteten Sendung" ("Neue Zürcher Zeitung") kritisch zerlegte, so sollte er nun Machart und Wirkung politischer Informationsprogramme untersuchen.
Als Forschungsthema wählte Wember die ZDF-Berichterstattung über den Nordirland-Konflikt in den Jahren 1969 bis 1973.
"Mit Zeit und Geld großzügig ausgestattet", vertiefte sich der TV-Forscher zunächst in die Mainzer Filmbestände. Er sichtete insgesamt 50 Programme von 310 Minuten Länge, rund eine Viertelstunde sonderte er als Beweismaterial aus -- "genug, um die Probleme und Mängel exemplarisch zu demonstrieren"Auf den ersten Blick bieten Wembers aus "heute", "Drehscheibe", "ZDF Magazin" und Sondersendungen herausgeschnittene Schaustücke das gewohnte Bild: Auf den Straßen liegen Leichen, von den Häuserwänden leuchten Protestparolen, Soldaten patrouillieren in Jeeps, dazwischen jede Menge Kirchtürme und Stacheldraht, saufende, schuftende, betende, weinende Iren. Zum üblichen Bildverschnitt die übliche Klangkulisse: Sirenengeheul, Maschinengewehr-Geknatter, Glockengeläut und das Gerede scheinbar allwissender Reporter.
"Um zu prüfen, wie so was nun wirkt", mietete Wember in der Münchener Fußgängerzone einen Saal und ließ die Standardware aus grauem Fernsehalltag von 850 Personen "aller Altersstufen und Berufsgruppen" für zehn Mark Handgeld testen.
Ergebnis: 80 Prozent der Zufallszuschauer hielten das Anschauungsmaterial zwar "für sehr informativ und klar verständlich", doch nur 20 Prozent hatten die Informationen am Ende der Vorführung "einigermaßen verstanden und behalten
Dieser Widerspruch "zwischen hervorragendem Informationseindruck und katastrophalen Informationsergebnissen" lenkte Wember auf den Verdacht, derlei Filme enthielten "Giftstoffe", die das Publikum gleichzeitig betören und einlullen. Bei seiner wissenschaftlichen Analyse legte der Medienforscher denn auch bald vielerlei Schadstoffe frei:
Widersinnig kurze Bildsequenzen von durchschnittlich zwei bis drei Sekunden, so weist er jetzt mit Zählwerk und Stoppuhr nach, ein Hang zu absurden Detail-Großaufnahmen (etwa von Stiefeln marschierender Soldaten) und die Manie, durch Kamera-Fahrten, durch überflüssige Schwenks und durch Spielereien mit der Gummilinse unentwegt Bewegung vorzutäuschen, führten zur "Verstümmelung des Bildinhalts"; der Zuschauer, sagt Wember, könne durch die "pausenlose Bombardierung" mit optischem Firlefanz auf dem Bildschirm "kaum selber aktiv suchen".
Original-Ton und Kommentar steigern den Wirrwarr. So werden, wie Wember zeigt, die entscheidenden, aber oft schwer zu illustrierenden Aussagen der Reporter häufig von einer thematisch zusammenhanglosen Bilderflut überschwemmt. Ein ZDF-Mann dekorierte beispielsweise seine Auskünfte über die politischen Ziele der nordirischen Kämpfer mit Ansichtskartenphotos von Großstadt-Panoramen; ein anderer ließ die Kamera unermüdlich über Gotteshäuser streifen, während er die politischen Losungen von Protestanten und Katholiken zu erläutern versuchte.
Doch wenn Bild und Text kraß auseinanderklaffen (und das ist nach Wembers Untersuchungen beinahe die Regel), "bleibt die Aufmerksamkeit jedes Zuschauers hoffnungslos auf der Strecke". Bei der natürlich begrenzten Wahrnehmungsfähigkeit des Fernseh-Publikums verkomme "der Text zur plappernden Geräuschkulisse" oder "das Sehen zum Glotzen". Oder beides.
Um seine Ketzereien abzusichern, bietet Wember seinen Zuschauern noch während der Sendung Gelegenheit zur freiwilligen Selbstkontrolle.
TV-Reporter und TV-Redakteure, so Wembers Vorwurf, verhelfen ihrer Kundschaft nur selten zu einem historisch fundierten Verständnis brisanter Tagesaktualitäten. Lediglich drei Prozent aller Sätze in den Nordirland-Berichten, das hat er nachgezählt, befassen sich mit dem geschichtlichen Hintergrund des Konflikts, nur 0,2 Prozent gehen auf "Ziele und Absichten der kämpfenden Parteien" ein. Unter dem Produktionszwang der Anstalten, meint der Medien-Analytiker, würden die Informationsfilme "wie durch Durchlauferhitzer gejagt" und dann als heißer Eintopf dargeboten.
Die Polit-Programme am Bildschirm, ganzer Stolz des deutschen Fernsehens. bewirken laut Wember nur "aufgeputschte Gefühle und irrationale Ängste". An die scheinbar so zeitgemäße, eingängige Mixtur aus aufgegagten Bildern und der Suada redseliger Reporter, befürchtet er, könne sich der Zuschauer "wie an eine Droge gewöhnen": "Ich glaube, daß es tatsächlich erste Anzeichen von Sucht gibt."
Als Gegenmittel und um selbst "einen hoffentlich konstruktiven Vorschlag zu machen", klebte der Kritiker seinem Verriß ein radikales Kontrastprogramm über die Ursachen des Nordirland-Konflikts an.
Da erscheinen Irland und England plötzlich nur als schmucklose Rechtecke' zwei zangenartig zupackende Pfeile symbolisieren Britanniens Griff nach der Insel, Blitze weisen auf Kriege hin, schlichte Zahlen verdeutlichen die Mehrheitsverhältnisse.
Den kargen Zeichentrick -- gewiß nur eine mögliche Ergänzung zur Realbildreportage -- erläutert Wember mit einem sachdienlichen, ruhig gesprochenen Kommentar. Text und Graphik, Wort und Bild sind, präzis synchron, mustergültig aufeinander abgestimmt.
Anfang nächsten Jahres wird Wembers Indizienprozeß "Wie informiert das Fernsehen?" beim Münchner List-Verlag auch als Buch herauskommen. Danach möchte sich der Medien-Kritiker anderen, "aber vom Fernsehen ähnlich falsch dargebotenen Themen" zuwenden und beispielsweise "endlich einmal die politische Spanne von der CSU zur SPD richtig sichtbar machen".
Denn für die Mehrheit des Publikums, so argwöhnt Bernward Wember, hat sich der große Unterschied dank allabendlicher TV-Vernebelung längst auf die Köpfe von Strauß und Schmidt verengt.

DER SPIEGEL 50/1975
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