08.12.1975

Etwas an seiner Seite

Verena Stefan: „Häutungen“ Verlag Frauenoffensive; 120 Seiten; 8 Mark.
Verena Stefan, 28, eine aus Bern gebürtige, jetzt in Berlin lebende Krankengymnastin, beschreibt in diesem autobiographischen Erstlingsroman, wie aus einem neugierigen Mädchen, vornehmlich in Liebesnächten, eine stumme junge Frau gestoßen wird. Sie erzählt, wie diese Frau sich dann zurückzieht, sich erhebt und mit Hilfe von Frauen ein Mensch wird.
Für jeden, dem die neue Frauenbewegung nicht nur ein müdes Lächeln abnötigt, ist dies ein wichtiges und interessantes Buch. Deutlich wird das Ausmaß der Fremdheit -- oder ist es Entfremdung? -- zwischen den Geschlechtern.
"Ich war ausgezogen, die Welt zu erobern und dabei auf Schritt und Tritt über Männer gestolpert", so läßt die Autorin ihre Heldin erzählen. Koitus mit ihnen, den "Mittelsmännern", wird für sie schon bald zum einzigen passablen Weitzugang. Als die Abiturientin, noch tollkühn, allein bis Athen getrampt ist, verliebt sie sich "in der Not", nämlich um "in Ruhe vor allen andern" wieder nach Hause zu kommen, in einen "Weltenbummler".
Aber auch die eigene "Sucht, Teil eines Paares zu sein", macht ihr zu schaffen. Später, in Berlin, legt sich die rothaarige Schönheit sogar dem großkopfigen Genossen "Samuel" eigenmächtig ins Bett. Sie unterliegt dem Sexualstress: "Vagina-Penis ist eine Ersatzeinheit geworden, ein Ersatz für alle auseinandergerissenen Zusammenhänge."
Gerade am linken Samuel wird der Ich-Erzählerin klar, wie schrecklich beschränkt ihr Weltzugang allein über den Koitus geworden ist: "Samuel verbrachte die Nacht mit mir und setzte am Morgen darauf mit einem sensibilisierten Marxkenner, der zum Frühstück kam, seine Gespräche fort ... Ich trottete überall mit ihm hin, um in seiner Nähe zu sein, zu allen Treffpunkten und Kneipen des linken Gettos ... Samuel hat wieder eine Freundin, wurde festgestellt. Da, an seiner Seite ist etwas, das regelmäßig und hartnäckig mit ihm auftaucht."
Als er Besuch von einer "unheimlich duften Genossin" annonciert, schnackelt es bei dem Etwas: Die Genossin. die mit Samuel über die Pille spricht, bezieht sie, sein namenloses Anhängsel. ins Gespräch mit ein und ermöglicht eine winzige Distanz vom angebeteten Freund: "Samuel wühlte in seinen Aktenordnern. Das "Pillenproblem' schien ihm geläufig zu sein (er interessierte sich für die Profite der pharmazeutischen Industrie). Wieso sprach er nicht mit mir, die ich die Pille schluckte, darüber?"
Derlei Aha-Erlebnisse verdichten sich. Und obwohl Samuel nun vom "schwierigen Mann" zum "umgänglichen Menschen" wird, löst sie sich von ihm und insgesamt vom "verfluchten genitalen Ernst". Sie bleibt allein, endlich ungestört, und beginnt zu schreiben, "morgens um vier hellwach" und schwitzend, "weil ich denke".
Verena Stefans "Häutungen" ist ein beunruhigendes Buch; der mißlungene Schluß -- die Autorin scheitert bei dem Versuch, Intimes zwischen Frauen in Sprache zu bringen -- ändert daran nichts. Es zersetzt alle noch legitimen weiblichen Fluchtburgen wie "Liebe". "Bindung", "Hingabe". Zu sich selbst, das ist seine Botschaft, findet man, als Frau, nur partnerlos.
Sophie von Behr

DER SPIEGEL 50/1975
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