08.12.1975

GESTORBENHans Schweikart

Hans Schweikart, 80. Unter seiner Leitung erlebten die Münchner Kammerspiele ihre besten (Nachkriegs-) Jahre: Er war ihr Intendant von 1947 bis 1963, inszenierte die Uraufführungen vieler Dürrenmatt-Stücke, darunter den "Besuch der alten Dame", aber auch solche realistischen Reißer wie "Die zwölf Geschworenen" oder "Die Meuterei auf der Caine", wobei er einen neuen, effektsicheren Realismus auf deutschen Bühnen heimisch machte. Schweikart war daneben ein bewundernswert skurriler Schauspieler, zeichnete alte Menschen voll "verständnisvoller Bosheit" und wurde im biblischen Alter Deutschlands emsigster Wanderregisseur, der von Inszenierung zu Inszenierung eilte, wobei er einen Autor wie Pinter für Deutschland entdeckte. Dessen "Niemandsland", ein Stück über das Sterben, sollte er als nächstes inszenieren. Schweikart starb Montag letzter Woche in München.
Graham Hill, 46. Er war der große alte Mann des internationalen Automobil-Rennsports. 22 Jahre hindurch, aufgestiegen vom Mechaniker zum zweimaligen Weltchampion der Formel-I-Klasse, von der Königin mit dem Titel "Officer of the Order of the British Empire" ausgezeichnet, demonstrierte Hill englische Sportsmann-Tugenden. Er bestritt 176 Grand-Prix-Rennen' mehr als jeder andere, fünfmal allein siegte er im Kurvenlabyrinth beim "Großen Preis von Monaco", und er war der einzige, der außer der Formell-Weltmeisterschaft auch noch die "24 Stunden von Le Mans" und die "500 Meilen von Indianapolis" gewann. Vor fünf Monaten erst vom aktiven Rennsport abgetreten, starb Graham Hill am Sonnabend vorletzter Woche beim Absturz seiner Piper Aztec.
Heinrich Grüber, 84. Der "Fürsprecher der Verstummten" stritt gegen die Nazis und später erst mit, dann gegen Ost-Berlin; er fühlte sich zum Opportunismus verpflichtet, wenn er damit Verfolgten helfen konnte. Sein "Büro Grüber" entwickelte sich während des Dritten Reiches zur einzigen staatlich zugelassenen Stelle, in der Christen jüdischer Abstammung Unterstützung fanden -- für Unterschlupf und Emigration. Rückendeckung erhielt der Mitbegründer der "Bekennenden Kirche" durch die Wehrmacht und Abwehrchef Canaris. Adolf Eichmann aber brachte Grüber für zwei Jahre (1941 bis 1943) ins KZ. Nach dem Krieg kämpfte er weiter, setzte sich -- zum Propst und Beauftragten der "Evangelischen Kirche in Deutschland" (EKD) bei der Regierung der DDR avanciert -- schon in den fünfziger Jahren für die Anerkennung Ost-Berlins ein und überwarf sich gleichzeitig mit den SED-Machthabern. 1958 mußte er sein Amt aufgeben. In West-Berlin muckte das "soziale Gewissen der Stadt" weiter auf: "Solange ich reden kann, werde ich reden." Sonnabend vorvergangener Woche starb Heinrich Grüber an den Folgen eines Schlaganfalls.
Hannah Arendt, 69. Die in Hannover geborene "Einzelkämpferin für die Freiheit" wollte unbequem sein, provozieren und dadurch aufklären -- sie wurde lediglich mißverstanden. Die Jüdin, die 1940 vor Hitler floh und nach dem Krieg nicht nach Deutschland zurückkehren mochte, nannte den Juden-Mörder Adolf Eichmann nur einen "unbedeutenden Streber" und zieh die gemordeten Juden einer Kollaboration mit den KZ-Tätern. Es blieb nicht die einzige Provokation der deutsch-amerikanischen Philosophin, Politologin und Schriftstellerin. Selten akzeptierte sie den Zeitgeist, immer zweifelte sie an: "Erst indem wir darüber sprechen, vermenschlichen wir, was in uns und der Welt vor sich geht, und lernen, menschlich zu sein." Am Freitag vergangener Woche starb Hannah Arendt in New York.

DER SPIEGEL 50/1975
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