01.12.1975

ZIGARETTENDas Längere hat was

Mit superlangen Zigaretten versuchen westdeutsche Tabakfirmen einen amerikanischen Hit zu kopieren. Sie bauen vor allem auf das Interesse der Frauen.
Alberto Santos-Dumont umkurvte 1901 in einem selbstgebauten Luftschiff den Eiffelturm und versank dann in Vergessenheit. 74 Jahre später tauchte er im Großraum Hamburg wieder auf: Als "Santos Dumont -- die längste Zigarette Deutschlands".
120 Millimeter lang, dünn wie ein Makkaroni und braun wie Schokolade ist der jüngste Knüller der Tabakbranche, der in den Morgenstunden des 4. November in Hamburg, gegen Abend in München präsentiert wurde. Im Wettlauf um die Deutschland-Premiere der Langen hatte die Martin Brinkmann AG ihre Santos einige Stunden vor Haus Neuerburgs 115 Millimeter langer "M" in den Handel gebracht.
"Hervorragende Resonanz" traut Brinkmann-Sprecher Werner Harm seiner Santos zu. Und auch Konkurrent Josef Sichert, Marketing-Mann bei Haus Neuerburg, war zufrieden: "Die "M" lief sofort hervorragend an." Eilig rechnete Harm die Ergebnisse des Hamburger Testmarktes auf Bundesebene hoch: 50 Millionen Stück, versprach der Computer, seien im Monat absetzbar; immerhin auf Anhieb ein Anteil von 0,5 Prozent an einem Markt, der im Schnitt "von 103 Neueinführungen nur eine akzeptiert" (Harm).
Den wundersamen Erfolg der dünnen Langen können die deutschen Zigarettendreher kaum eigener Tüchtigkeit gutschreiben: Seit Monaten schon sind die Tiefbraunen die Renner des US-Tabakmarktes und werden jetzt für Deutschland kopiert.
Mit einem Unterschied: Aus Steuergründen mußte der Tabakstrang der deutschen Langen auf 85 Millimeter verkürzt werden. Der Rest ist Papier. Die zwangsläufig auftretenden Aroma-Probleme, noch dazu bei einer Zigarette, die weder nikotinarm noch teerentschärft ist, konnten Brinkmann-Chef Friedrich Kristinus angesichts der Erfolgswelle in Amerika kaum schrecken. Auch produktions- und verkaufstechnische Widrigkeiten -- das Superformat paßt in keinen Automaten, neue Pack- und Filtermaschinen mußten angeschafft werden -- störten kaum.
Branchenriesen wie Reemtsma und BAT freilich begnügen sich vorerst damit, "den Markt aufmerksam zu beobachten" (BAT-Sprecher Hermann Feldgen). Sie warten ab, ob nach der Gesundheitswelle mit den "Nikotinfreien" nun die Langwelle loslegt.
Insbesondere Frauen, recherchierten die Neuerburger, finden das lange Braun attraktiv. Auf die trendfühligen Damen der Hamburger Gesellschaft als Klientel für das angeblich verlängerte Rauchvergnügen ("M"-Werbung: "Mehr Minuten voll Genuß") haben auch die Brinkmänner schon vor dem Start gesetzt. Die Damen an der Elbe enttäuschten nicht. Harm: "Das etwas Längere hat offensichtlich etwas."
Auf lang und schmal ist die Branche spätestens seit dem Erfolg der 95 Millimeter langen "Kim" fixiert. Diese von BAT 1970 eingeführte Frauenzigarette schob den Marktanteil der bis dahin stagnierenden Langformate schnell auf das Doppelte hoch. Noch mehr Schub trauen die Marketing-Strategen nun ihrer Superlangen zu. "Seit Kim wissen wir, daß nur noch ausgefallene Neuheiten ankommen" (Sichert).
Genau damit tat sich die Branche seit Jahren schwer. "Eine Innovation mit einem deutlichen Produktvorteil wie die Santos Dumont gab es lange nicht mehr", weiß Harm und lobt: "Das bringt uns allen hier mal wieder Spaß." Mehr Spaß als die Brinkmanner, die ihre Santos bisher nur in Hamburg und Bremen über den Tresen schicken, haben zur Zeit die Neuerburger -- "M" gibt es inzwischen in jedem deutschen Tabakladen.
So eilig hatte es Haus Neuerburg mit "M", daß schon vor Ende der Probezeit auf dem Testmarkt von üblicherweise vier bis sechs Wochen die "nationale Distribution" anlief. Und während Harn> über die "panische Hast" der Konkurrenz mäkelt, freut sich Sichert: "Ganz wesentlich war es, bundesweit der erste zu sein."
* Mit seiner neuen Zigaretten-Kreation "Santos Dumont".

DER SPIEGEL 49/1975
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