27.10.1975

BUNDESBANK

Der Freund fehlte

Monatelang kaufte die Bundesbank den Banken und Sparern für insgesamt 7,6 Milliarden Mark Staatsanleihen ab. Jetzt stellte sie den Ankauf ein und gefährdet damit den Wirtschaftsaufschwung.

Zum Abendessen im Kanzler-Bungalow waren die fünf Herren aus Frankfurt ohne ihren Präsidenten gekommen. Karl Klasen, Chef der Deutschen Bundesbank, hatte seine Direktoriumskollegen am vorletzten Donnerstag allein zum Treffen mit seinem Duzfreund Helmut Schmidt fahren lassen, weil er wegen einer ernsthaften Erkrankung in die Kurklinik mußte.

"Das Fehlen von Karl Klasen", so klagte ein Apel-Berater nach der Besprechung, an der außer Wirtschaftsminister Hans Friderichs und Finanzminister Hans Apel nur noch drei Staatssekretäre teilgenommen hatten, "spürt man doch sehr." Ungebremst durch den Kanzler-Freund, der sonst seine Zentralbanker auf Kompromisse mit Bonn einzuschwören pflegte, trugen die Wortführer der Frankfurter Gäste, Bundesbank-Vizepräsident Otmar Emminger, der für Kapitalmarkt zuständige Direktor Heinrich Irmler und Helmut Schlesinger, der Chef-Volkswirt unter den Währungshütern (ein Teilnehmer: "Alles sehr beredte Herren"), ihre konjunkturpolitischen An- und Absichten vor.

Das Fazit der Abendunterhaltung beschrieb ein Bonner Experte so: "Die Bundesbank ist die Institution, die bestimmt, was hier wirtschaftspolitisch gemacht wird."

Am vergangenen Donnerstag, eine Woche nach der Unterredung mit dem Kanzler, machten die Bundesbank-Direktoren, was sie dem Kanzler zuvor angekündigt hatten: Sie stoppten die sogenannte Offenmarktpolitik mit öffentlichen Anleihen. Seit Monaten hatten die Währungshüter jene langfristigen Bundes-, Bahn- und Postanleihen aufgekauft, von denen sich die Ersterwerber, meist Bankiers, aber auch einige Privatkunden aus panischer Angst vor Kursverlusten trennen wollten.

Vor allem die Bankiers bestärkten sich ständig gegenseitig in der Furcht, daß die Staatsdefizite im nächsten und übernächsten Jahr (1976 voraussichtlich: 78,5 Milliarden) die Inflationsrate, die derzeit auf sechs Prozent gesunken ist, wieder steigern und damit auch die Kapitalmarktzinsen nach oben drücken könnten. Dann aber würden die niedriger verzinslichen Anleihen nicht mehr so gefragt sein und deshalb an Kurswert einbüßen.

Mit den amtlichen Wertpapierkäufen für insgesamt 7,6 Milliarden Mark, die Bundesbank-Präsident Klasen einmal "versehentlich in einer Pressekonferenz angekündigt hatte" (ein Bonner Geldspezialist) und deshalb auch durchhalten ließ, wollten die Frankfurter Geldpolitiker an sich nur diese Zins-Spekulanten besänftigen und gleichzeitig die Finanzierung der öffentlichen Defizite erleichtern. In den vergangenen Wochen freilich entdeckten die Zentral-Bankiers, daß die Kaufaktion gesetzeswidrig sei. "Wir dürfen", so behauptet Bundesbankdirektor Helmut Schlesinger, "nur zur Regulierung des Geldmarktes, nicht aber zur Finanzierung des Staatshaushalts Offenmarktpolitik betreiben."

"Diese Interpretation des Bundesbankgesetzes", erregte sich der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Herbert Ehrenberg, "ist töricht." Und er warnte: "Wenn die Bundesbank auf dieser Auslegung beharrt, muß man das Gesetz präzisieren."

Bis dahin jedoch könnten die Bundesbankiers, so fürchtet etwa der Generalbevollmächtigte der Dresdner Bank, Kurt Richebächer, längst den jetzt möglich erscheinenden Konjunkturaufschwung abgewürgt haben. Denn da die Bundesbank die Stützungskäufe für Staatspapiere stoppte, sinken die Kurse, und entsprechend steigen die Zinsen; damit aber bleibt eine der Ursachen für die Investitionsunlust bestehen.

Ohnedies konnten die Bundesbanker bisher das Ziel, das sie sich selber setzten -- eine Ausweitung der Zentralbankgeldmenge, die das gesamtwirtschaftliche Kaufvolumen begrenzt, um acht Prozent in diesem Jahr -, nur ganz knapp erreichen. In den Monaten von April bis August stieg die Zentralbankgeldmenge sogar nur mit einer Jahresrate von vier bis fünf Prozent. Künftig könnte die Geldvermehrung, die für den Aufschwung dringend nötig ist, noch kleiner ausfallen, wenn Frankfurt keine Staatspapiere mehr auf kauft.

Wenn die Währungshüter auf Offenmarktkäufe fast verzichten, können sie nur noch auf ganz althergebrachte Art versuchen, Geld unter die Leute zu bringen: etwa durch hohe sogenannte Rediskont-Kontingente, die festlegen, wieviel Handelswechsel ein Bankier unter Abzug eines Abschlages (Diskont) bei der Frankfurter Zentrale zu Geld machen kann. Doch das Geldangebot wird nur genutzt, so weiß Karl-Heinz Ketterer, der Geldspezialist des Münchner Ifo-Instituts, "wenn der Aufschwung schon in vollem Gang ist".

Und auch jene Gelder, die dadurch frei werden, daß die Notenbank die sogenannten Mindestreserven (jene Bankeinlagen, die Geldverleiher zinslos bei der Bundesbank einfrieren müssen) senkt, kommen nicht automatisch der Wirtschaft in Form verbilligter Kredite zugute. "Damit wird meist erst einmal", so Richebächer, "der Gewinn der Banken aufgestockt." Nur die Wertpapierkäufe, die von den Zentralbankiers jetzt abrupt eingeschränkt wurden, gelten überall in der Welt als sicheres Mittel, Geld in die Wirtschaft zu lenken und damit den Aufschwung anzuregen.

Denn jene Sparer und Bankiers, denen die Notenbank Wertpapiere abkauft, werden normalerweise das Bargeld, das sie dafür bekommen, nicht horten, sondern damit relativ schnell andere Vermögenswerte oder Konsumgüter kaufen. "Es ist unheimlich dilettantisch", so urteilt Richebächer, "auf diesen Mechanismus zu verzichten."

Die unmittelbaren Folgen des Verzichts beschreibt Ifo-Experte Ketterer: "Die Leute mit den Zinserhöhungs-Erwartungen fühlen sich erst einmal bestätigt, damit wird auch das psychologische Klima bei der Konjunktur wieder schlechter."

Die Runde im Kanzleramt, mit der die Zentralbankiers ihre gefährliche Aktion besprochen hatten, gab den Währungshütern zu bedenken, sie sollten wenigstens zugleich den Diskontsatz, den amtlichen Leitzins für Handelswechsel, senken. Die Frankfurter lehnten die Bitte rundweg ab. Die Aufschwungkräfte in der Wirtschaft, so behaupteten sie, seien schon so stark, daß eine Senkung des Abschlages, den Bankiers hinnehmen müssen, wenn sie Handelswechsel bei der Bundesbank eintauschen, inflatorisch wirken könnte.

"Dabei ist dieser Aufschwung", so resigniert ein Kanzler-Berater, "nicht viel mehr als eine Hoffnung." Selbst die Hoffnung kann bald zerrinnen: "Falls diese Geldpolitik fortgesetzt wird", behauptet Kurt Richebächer, "können wir uns noch gratulieren, wenn wir im nächsten Jahr eine Stagnation bekommen."


DER SPIEGEL 44/1975
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 44/1975
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BUNDESBANK:
Der Freund fehlte