29.09.1975

BÜCHEREin Drama erster Güte

Walter Kempowski: "Ein Kapitel für sich". Hanser; 388 Seiten; 29,80 Mark.
Als Walter Kempowski 1969 das Buch "Im Block" veröffentlichte, war das ein vielfach bemerkenswertes Debüt: der Erstling eines noch unbekannten Autors. der ein hoch emotional besetztes Thema -- seine Verhaftung als "Spion" durch die Russen 1948 in Rostock, seine acht Jahre im Zuchthaus Bautzen -- auf eine erstaunlich distanzierte, ironische, ja streckenweise komische Manier bewältigt hatte.
Inzwischen ist Kempowski, 46, weithin bekannt geworden: als Perfektionist jenes Stils, als meisterlicher Erinnerungspointillist der Romane "Tadellöser & Wolff" und "Uns geht"s ja noch gold", die fürs Fernsehen verfilmt wurden und werden, als Sammler von Volkes Stimme ("Haben Sie Hitlergesehen?"), aber auch als die sanft-sonderbare Person hinter all diesen Unternehmungen, als der "Landlehrer" (Kempowski-Briefkopf) mit dem geräumigen Wohnsitz im norddeutschen Nartum. mit der Spielzeugsoldaten-Sammlung und dem selbstgebastelten Zuchthaus-Modell.
Und als der Autor mit der imponierenden, aber auch ein wenig beängstigenden Planungsenergie: Kempowski, weiß man, will sein autobiographisches Erzählen zu einer auf (nach letztem Stand) sechs Bände angelegten "Geschichte einer bürgerlichen Familie" ausweiten. Schon spricht die Verlagswerbung von der "Kempowski-Saga".
Diesem großschriftstellerischen Projekt zuliebe hat er jetzt sein erstes Buch neu geschrieben -- "Im Block" gewissermaßen Saga-fähig gemacht. Zu den eigenen Bautzen-Erlebnissen hinzugekommen sind die Haft-Erfahrungen der Mutter und des Bruders; Briefe der in Dänemark verheirateten Schwester, auch sie natürlich Pointierte Adaptationen des Romanautors" komplettieren die Fortsetzung der Familien-Chronik. Ein Gewinn?
Ich kann nicht so tun, als hätte ich "Im Block" vergessen. Der Überraschungseffekt" den der Erstling seinem Stoff und Stil verdankte, war wohl unwiederholbar. Soll man nun anläßlich des Remakes wiederholen, was an der Darstellung der Gefängniswelt, ihrer traurigen und tragikomischen Züge. nach wie vor zu loben ist? Ist es ungerecht, hervorzuheben, daß mir die Neufassung etwas weniger distanziert, weniger kühl erscheint, weicher?
Es ist, hat man "Im Block" noch im Sinn, wohl unvermeidlich, an Kempowskis neuem Haft-Buch vor allem die Zutaten wahrzunehmen. So beeindruckt uns denn hier, wie sieh Schwester Ullas biedere Indolenz per Brief-Zitat zart enthüllt; oder wie die Mutter ihren unvergleichlichen Originalton wiederaufnimmt, diesmal aber doch eher rührend als nervend unverdrossen: "Im Sommer war es ja ganz schön in Sachsenhausen. Da konnte man draußen sitzen, vor den Baracken, und klöhnen. Oh, dann hat man sieh von der Sonne bescheinen lassen, wie war das wundervoll ..."
Den Bruder Robert läßt Walter Kempowski auch über die Knast-Zeit ("Ein Drama erster Güte") tadellöserig weiterschnacken:" Mein Bruder stieß mich an: "Mensch! Walter!: Lauter Lemuren." Ob ich all die Typen sähe? ... Studien treiben, Walter! Das kommt ja nie wieder." ... Ansonsten sei es hier ganz außerordentlich fundamental."
Wie Walter Kempowski die verschiedenen Stimmen führt und gegeneinander ausspielt, wie er seinen Erinnerungsstoff schneidet und montiert, das zeigt den Schriftsteller in diesem neuen Buch auf der Höhe seines Handwerks.
Er sieht sich wohl jetzt auch selbst so, ist der errungenen literarischen Position ziemlich sicher. Dafür spricht, daß er nun mehr von der eigenen verletzten Sensibilität und den in der Haft empfangenen Schreibimpulsen deutlich werden läßt.
Und dafür spricht auch, wie er über sich im Buch den Bruder sprechen läßt: "Vieles von dem, was in seinen Büchern steht", so Robert über Walter Kempowski, "was er also jetzt in klingende Münze umzusetzen versteht, das stammt von mir." Und: "Ich meine, vielleicht kann ich ihm hier und da das Wasser nicht reichen. Das Klügste, was man tun kann, das ist: sich seiner Grenzen bewußt zu sein, und das bin ich mir nachgerade. (Ich weiß nicht, ob auch ihm das gegeben ist.)"

DER SPIEGEL 40/1975
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